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Kein Sommerloch.

Von Heha45 Dienstag 25.06.2019, 12:46

Du denkst doch an unsere Verabredung am Samstag? Dieser Text erscheint auf dem Display meines Smart-Phone und kommt von Jörg.

Ach ja, vor 14 Tagen im Biergarten sprachen wir über die Demo „Kohle stoppen, Klima und Dörfer retten.“ Nach zwei Glas Bier sagte ich hochmotiviert zu. Jetzt kommen mir leichte Bedenken, aber gesagt ist gesagt. Ich sende eine WhatsApp an Jörg: Komme mit dem Rad nach Keyenberg, bis dann.

Bei sonnigem Wetter fahre ich los, in Richtung Braunkohleloch. Unterwegs treffe ich auf gelb gekleidete junge Leute mit fahnengeschmückten Rädern oder Bollerwagen. Alle haben dasselbe Ziel wie ich, Keyenberg. Vor dem Ort parken Busse aus ganz Deutschland, Shuttlebusse bringen Demonstranten vom Bahnhof Erkelenz hierher. So viele Menschen sah der kleine Ort sicher noch nie. Mein Fahrrad stelle ich ab und blicke umher, aber Jörg sehe ich nicht. Am Ortsende wurde eine Bühne aufgebaut, überlaute Musik erschallt, Reden werden gehalten, kein Jörg zu sehen. Weiter arbeite ich mich vor, zum Grubenrand und da ist er, gehüllt in einen dünnen weißen Schutzanzug.

„Hast du kein Handy dabei?“ ist seine Begrüßung. „Doch, in der Satteltasche“, entgegne ich. „Aber nicht eingeschaltet, sonst wüsstest du, dass ich versuchte mit dir zu sprechen.“ „Tut mir leid“, sage ich beschwichtigend. Er wirkt ziemlich nervös. „Warum bist du verkleidet?“ „Ich gehöre zu der Bewegung „Ende Gelände“, wir wollen heute einen der Bagger stilllegen. Die fressen sich unaufhörlich in die Landschaft, verschlingen Wälder, fruchtbares Ackerland und ganze Dörfer, das muss aufhören.“ „Aber das ist illegal.“ „Na und, hast du eine bessere Idee, um dem Irrsinn ein Ende zu bereiten?“ So frech kannte ich ihn bisher nicht. „Also, wenn du glaubst dabei mache ich mit, das kannst du dir abschminken. Als neutraler Beobachter werde ich diese Demo betrachten und mir eine eigene Meinung bilden.“ Jörg verschwindet mit einer Gruppe weiß Gewandeter.

Tausende junge, fröhliche Menschen sitzen auf den Wegen und warten darauf dass der Protestzug loszieht. Von der anderen Seite nähern sich hunderte gut gelaunter Radfahrer. Es geht los, vorne läuft Fridays for Future, unterstützt von vielen Anwohnern, deren Dörfer durch den Braunkohleabbau gefährdet sind. Eine junge Frau trägt ein Kleid aus Plastikmüll und sagt lachend, dass sie darin leider sehr schwitze.
Ein Lautsprecherwagen trennt den vorderen Teil von der Gruppe „Ende Gelände“. Hier sind keine Kinder und auch kaum ältere Menschen dabei. Was sie wollen, ist klar: Sie bereiten sich darauf vor, den Tagebau zu stürmen. Jörg läuft in seinem Maleranzug mit. Die Stimmung ist gut, aber durch die größere Polizeipräsenz inklusive Wasserwerfer etwas angespannt. Ein gestresster Ordner läuft an der Grubenkante entlang und ruft: „Die Leute von Fridays for Future, schließt euch wieder dem Demozug an, wir gehen weiter, es wird gefährlich“. "Ende Gelände" durchbricht die Absperrung.

Mir reicht es für heute. Mein Fahrrad steht hinter einer Reihe Dix-Klos, ich nehme es und radle nach Hause.
Gedanken schwirren durch meinen Kopf. Recht haben sie, die Demonstranten und auch Jörg.

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