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Der alte Mann und Berlin Episode VIII

Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 17.04.2019, 17:03

Bodo ist jetzt über 80 Jahre auf dieser Welt und lebt allein. Seine Frau Christa und seine spätere Lebensgefährtin, waren beide an Krebs gestorben.
Er sitzt auf dem Balkon und schaut auf den Rummelsburger See. Wann war das noch mit dem Besuch von der Stasi? Ja, so Anfang oder Mitte der 80er Jahre muss das gewesen sein. Zu der Zeit wurden die Regelungen zum Besuch Westberlins für Ostberliner, auf Grund besonderer Anlässe, schrittweise immer weiter gelockert.
Christa hatte anlässlich des 75. Geburtstages ihrer Tante, ein Visum für drei oder vier Tage bekommen. Der Ausreisetermin 6. Oktober hatte allerdings den Nachteil, dass Bodo nicht zum Geburtstag seines Vaters konnte, denn die Tante hatte am 7. Oktober, dem Nationalfeiertag der DDR, ihren Geburtstag und das war einen Tag vor dem seines Vaters.
Die durch die Staatsorgane genehmigte Freiheit ging zu dem Zeitpunkt noch nicht so weit, dass man sie beide gemeinsam ausreisen ließ. Das passierte erst etwas später.
Bodo hatte sie am frühen Morgen zum Grenzübergang Chausseestraße gefahren. Am frühen Abend klingelt es an der Tür und vor ihm stand ein großer, schlanker Mann, der freundlich lächelte, als er sich als Kramer vorstellte und flüchtig einen Klappausweis vorzeigte und fragte, ob er eintreten könnte.
Nachdem sie sich gesetzt hatten, kam Kramer umgehend zur Sache und erklärte Bodo die Notwendigkeit der Abwehr feindlicher Infiltration jeder Art, zur Aufrechterhaltung von Sicherheit, als Garant für den Fortbestand der DDR und des gesamten sozialistischen Lagers und das man dazu aufrechte und klassenbewusste Mitarbeiter brauchte. Er würde sich wieder melden und ihn detailliert informieren, wenn Bodo sich dann positiv entschieden hätte.
Bodo hatte ein Problem und als Kramer wieder gegangen war, rief er guten Bekannten an. Sie trafen sich am nächsten Tag nach der Kundgebung in einer Kneipe und Bodo erzählte von dem Besuch. Seine Vermutung wurde bestätigt. Er sollte als IM für die Stasi angeworben werden. Zu seinem Erstaunen erfuhr er von seinem Gegenüber, dass sie das bei ihm auch mal versucht hatten, aber ein guter Mensch hätte ihm damals geraten, die Regeln der Konspiration zu verletzen und Bodo erfuhr nun detailliert die Einzelheiten.
Am nächsten Tag bat er um einen Termin bei der Betriebsparteisekretärin, Annelise Kimmel und fragte sie, ob es üblich sei, dass jemand zu ihm nach Hause kommt, unter dem Vorwand, den Klassenfeind zu bekämpfen. Er gab sich alle Mühe aufrichtig besorgt zu wirken, weil Parteisekretärin Kimmel ihn während seiner Ausführungen sehr aufmerksam betrachtete. Aber sie bedankte sich für seine Wachsamkeit und Bodo sollte sie sofort informieren, wenn sich Kramer wieder melden sollte.
Kramer hat sich nicht mehr gemeldet.

Und es ging weiter mit der Stasi. Diesmal hieß er Dr. Heilmann ein "OibE", also ein Offizier im besonderen Einsatz der Stasi. Das erfuhr Bodo aber erst nach der Wende aus einer Zeitung.
Dr. Heilmann wurde neuer Direktor für Ökonomie, nachdem man die ehemalige Direktorin Lehmann in einen anderen Betrieb versetzt hatte.
Schon nach kurzer Zeit begann er damit, die gewohnten Arbeitsabläufe in den ihm unterstellten Bereichen schrittweise zu verändern. Diese Maßnahmen und die Leitungssitzungen wurden nicht nur für Bodo zur Tortur und führten dazu, dass einige Leistungsträger das Direktorat verließen, aber überraschend schnell von Dr. Heilmann, durch relativ junge Männer, ersetzt wurden.
Bodo blieb, nahm den Kampf gegen Dr. Heilmann auf und kam auf die Verliererstraße und es kam, wie es kommen musste. Kurz vor dem Urlaub, fiel Bodo während einer Beratung, mit einem Kreißlaufkollaps, vom Stuhl.
Er wurde arbeitsunfähig geschrieben und blieb es. Man schickte ihn in die Charité zu allen möglichen Tests und Untersuchungen. Es wurde schon wieder Sommer und Bodo war immer noch arbeitsunfähig geschrieben, obwohl es ihm gut ging.
Bodo erinnerte sich noch gut an den letzten Termin bei der HNO-Ärztin, Dr. Langer, die auch die stellvertretende Oberärztin in der Betriebspoliklinik war.
Auf seine Frage, wie es denn nun weitergehen würde, kam die Antwort: »Herr Klann, wir kennen uns ja nun schon jahrelang aus ihrer Funktion als Verantwortlicher für die strukturellen und organisatorischen Belange der Klinik. Da ich ihnen vertraue und in der nächsten Woche in den Ruhetand und danach zu meinen Kindern ins Rheinland ausreisen werde, möchte ich mich erstens hiermit von Ihnen verabschieden und zweitens eine Indiskretion begehen. Ich bitte Sie aber, das wirklich vertraulich zu behandeln. In Ihrer Begleitakte steht der Vermerk "Berentung".«
»Berentung? Sieht es denn so schlecht aus? Ich fühle mich doch wohl.«
»Die Begleitakte hat auch nichts mit ihrem Gesundheitszustand zu tun. Mehr kann ich Ihnen dazu nun wirklich nicht sagen.«
Als er wieder im Auto saß und nach Hause fuhr, brach es wie ein Schock über ihn herein. Berentung hieß totale Einschränkung im Lebensstandard. Er als Frührentner? Unmöglich. Ob das vielleicht die späte Rache der Stasi war?

Im Jahr 1989 fing es überall in der DDR an, unruhig zu werden. Die Wahlergebnisse wurden kritisch hinterfragt. Gorbatschows Politik hatte reges Interesse geweckt. Die Situation spitzte sich immer mehr zu. Honecker wurde entmachtet und Krenz übernahm. Eine nicht genehmigte Massendemonstration fand spontan auf dem Alexanderplatz statt.
Dann sprach Schabowski im Fernsehen auf einer Pressekonferenz die alles entscheidenden Worte und die Mauer fiel.

Einige Zeit danach besuchte Bodo den Betrieb und gab sein Parteibuch ab und als er wieder nach Hause kam, hatte er Post vom Rat des Stadtbezirks, Abteilung Gesundheitswesen, darin teilte man ihm mit, dass er seinen Schwerbehindertenausweis abholen konnte, für den er nie einen Antrag gestellt hatte. Etwas später kam dann die Mitteilung über den Beginn seiner Berentung ab 1. Mai 1990.
Als Invalidenrentner mit Schwerbeschädigtenausweis konnte er wieder bis zur Hinzuverdienstgrenze tätig werden. Das tat er dann auch.
Als er am Vormittag des ersten Arbeitstages im Betrieb ankam, hatte er Schwierigkeiten ins Gebäude zu kommen. In einer langen Schlange standen die Menschen im Gang vor der Sparkassenfiliale im Hauptgebäude, bis auf die Straße, um sich DM zu besorgen. Dabei herrschte eine Stimmung, wie beim Fasching.
Aber wie das mit dem Fasching so ist, der dauert nicht lange, denn die Treuhandanstalt übernahm den Betrieb. Die Kapitalanleger versprachen Maßnahmen zur Weiterbeschäftigung, vertraten aber nur ihre Immobilieninteressen. Die Produktion wurde gedrosselt und später eingestellt.
Die meisten Beschäftigten wurden bei vollem Lohnausgleich nach Hause geschickt und später entlassen und damit mit einer Situation konfrontiert, die sie nicht kannten. Sie waren ohne Arbeit und ihre privaten und beruflichen Biografien wurden plötzlich ganz anders bewertet.

Bodo bemerkte, dass die Sonne schon sehr tief stand, guckte auf die Uhr und musste sich beeilen ins Zimmer zu kommen, um nicht den Beginn der “Berliner Abendschau“ vom RBB zu verpassen.




Quelle:
Werden und Sein
Friedrich Milbradt
Paperback / eBook
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-7407-3588-3
Verlag: TWENTYSIX

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