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Der alte Mann und Berlin Episode VII

Von ehemaliges Mitglied Dienstag 16.04.2019, 16:55

Bodo ist jetzt über 80 Jahre auf dieser Welt und lebt allein. Seine Frau Christa und seine spätere Lebensgefährtin, waren beide an Krebs gestorben.
Er hatte sich ein Bier geholt, sitzt auf dem Balkon und schaut auf den Rummelsburger See. Damals, einige Jahre nach dem Mauerbau ging es ihnen eigentlich gut, dachte er, als er einen großen Schluck aus der Bierflasche nahm. Man hatte einen großen Bekanntenkreis, den man dringend benötigte, denn man brauchte kein Geld, sondern man brauchte Beziehungen.
Dazu kamen die Pakete aus Westberlin von seiner Schwester und den Freunden von früher.

Mitte 1970 wechselte er dann zum Berliner Glühlampenwerk, dem Stammbetrieb des Kombinates NARVA und wurde dort Bereichsleiter für Arbeitsökonomie im Direktorat für Ökonomie.
Wie auch schon in der Medizinischen Gerätefabrik musste sich Bodo auch hier immer wieder gegen die Aufforderungen, Mitglied der betrieblichen Kampfgruppe zu werden, zur Wehr setzen. Eine klare Absage hätte seiner Karriere geschadet. Also schob er gesundheitliche Gründe vor.
Das hatte ihm ein guter Kollege mal bei einem Kneipenbesuch mit den folgenden Worten wärmstens ans Herz gelegt: »Bodo, du musst dir eine Krankheit anschaffen und dieses Leiden mit dem größten Bedauern als Grund angeben. Dabei darfst du aber nicht übertreiben, sondern zu erkennen geben, dass du nach Heilung deiner Beschwerden, selbstverständlich diesem Haufen bekloppter Friedenskämpfer beitreten wirst. Haste verstanden?«
Bodo brauchte nichts zu erfinden. Er konnte sich nicht erklären, woher diese Beschwerden kamen. Er nahm an, von den Belastungen des Abendstudiums.
Er litt unter vegetativer Dystonie mit vasomotorischen Störungen, so die Diagnose. Organisch war er gesund, das hatten alle Untersuchungen eindeutig ergeben, aber plötzlich bekam er Herzrasen begleitet von den Vernichtungsgefühlen, einen Herzinfarkt zu bekommen. Mit seinen Beschwerden war er in der Betriebspoliklinik in Behandlung.
Man schickte ihn zur Kur und ins "Haus der Gesundheit" in der Karl-Marx-Allee am Alex, zur Teilnahme an Kursen für "Autogenes Training" in einer neu eröffneten psychiatrischen Fachabteilung. Damit hatte er sich den Status "gering belastbar" gesichert und war für den Einsatz als Kampfgruppenmitglied, gesundheitlich nicht geeignet.

Im Freundeskreis hatte man ihm schon des Öfteren im Scherz gratuliert, dass er in seiner Position noch immer nicht SED-Mitglied war und obwohl er vorbereitet war, kam es doch überraschend.
»Bodo, bleib mal noch. Ich muss etwas mit dir bereden.«, sagte seine Direktorin zum Ende der wöchentlichen Dienstberatung. Im Ergebnis des nun folgenden Gesprächs, stellte Bodo den Antrag auf Eintritt in die "Sozialistische Einheitspartei Deutschlands".
Bei seiner ersten Teilnahme an einer Veranstaltung der gesamten Betriebsparteiorganisation war er erstaunt, wen er dort alles sah, von denen er nie geglaubt hätte, dass sie Parteimitglieder waren.
Der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, Konrad Naumann, wurde mit fast frenetischem Beifall begrüßt. und während Naumann mit den üblichen Phrasen referierte, dachte Bodo an das Erlebnis im Ostseeheilbad Graal-Müritz, am Ende einer verordneten prophylaktischen Kur. Da hatte jemand der Kurgäste den Fluchtversuch von zwei Männern zur Anzeige gebracht und wurde auf einer Veranstaltung dafür geehrt.
Damals verließ unter den erstaunten Blicken einiger der Anwesenden, den Raum. Damals ist er noch gegangen. Heute blieb er sitzen und zum Schluss der Rede von Naumann klatschte er, wie alle anderen, Beifall.

Es war wohl im Jahr 1977 als seine berenteten Eltern nach Westberlin ausreisten. Sie wurden ausgebürgert und waren nun Bürger der BRD.
Da er keinen Zugriff auf "Vertrauliche Verschlusssachen" (VVS) hatte, sondern nur auf "Vertrauliche Dienstsachen" (VD) konnte Bodo den Versuch der Kaderabteilung, den Kontakt zu seinen Eltern abzubrechen abwehren, ohne darauf hinweisen zu müssen, dass er das sowieso nie getan hätte.
Dann wurde bei seiner Schwester ein Hirntumor diagnostiziert, der umgehend operiert werden musste. Zu der Zeit war es schon möglich, dass man bei lebensbedrohlichen Erkrankungen, eine Besuchserlaubnis beantragen konnte, die Bodo auch bekam.
Am Abend bestaunte die Familie den Reisepass und am nächsten Tag, in aller Frühe, fuhr er zur Friedrichstraße. Von dort gelangte er durch den "Tränenpalast" und die Kontrollen auf die Westseite des S-Bahnhofs, wo ihn seine Mutter schon erwartete.
Am Empfang im Krankenhaus erfuhren sie, dass Ursel nicht mehr auf der Intensivstation lag. Sie saß mit einem dicken Kopfverband im Bett und winkte ihnen strahlend zu, als sie das Zimmer betraten.

Was er dann, nach über 16 Jahren, vom Leben in Westberlin wahrnahm, wirkte als Kulturschock lange Zeit nach.
Zurück fuhr er mit der U-Bahn. Durch die Stationen, die unter dem Ostsektor lagen, fuhr der Zug ohne Halt durch. Es war gespenstisch. Die Bahnhöfe lagen im Halbdunkel, aber er konnte schemenhaft die Schilder "Nordbahnhof" und "Oranienburger Tor" erkennen, ebenso die bewaffneten DDR-Grenzer.
Für ihn war das bedrückend. Die anderen Fahrgäste schien das aber überhaupt nicht zu berühren.
An der Station "Friedrichstraße" hielt der Zug dann, und zu seiner Verwunderung stieg mit ihm eine Vielzahl der Fahrgäste aus.
Die gingen aber überwiegend nicht zu den Aufgängen mit der Aufschrift "Grenzübergang", sondern zu einem relativ großen "Inter-Shop", kauften dort ein und fuhren entweder mit dem nächsten Zug weiter oder warteten auf einen, der sie wieder zurückbrachte.

Als er die Treppen von der U-Bahn zum Tränenpalast hochging, fiel ihm auf, was er im Westen nicht gesehen hatte, Uniformen. Aber jetzt waren sie wieder gegenwärtig, die vielen Uniformierten.
Doch es störte ihn ebenso wenig wie das schäbige, dunkle Ambiente, das ihn draußen empfing, nachdem er die Ausreisekontrollen hinter sich hatte.
Im Gegenteil, er hatte das Gefühl wieder zu Hause zu sein. Hier war ihm nichts fremd. Er fühlte sich auch wieder sicherer und sein Selbstwertgefühl kehrte zurück.



Quelle:
Werden und Sein
Friedrich Milbradt
Paperback / eBook
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-7407-3588-3
Verlag: TWENTYSIX

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