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Der alte Mann und Berlin Episode VI

Von ehemaliges Mitglied Montag 15.04.2019, 16:12 – geändert Montag 15.04.2019, 18:58

Bodo ist jetzt über 80 Jahre auf dieser Welt und lebt allein. Seine Frau Christa und seine spätere Lebensgefährtin, waren beide an Krebs gestorben.
Er sitzt auf dem Balkon und schaut auf den Rummelsburger See. Gegenüber, auf der Stralauer Halbinsel sieht er das Gebäude des Seniorenheims, in dem seine Mutter die letzten Jahre bis zu ihrem Tod verbracht hatte.
Damals im August 1961 war er sehr wütend auf sie, als er erfahren hatte, dass sie hinter seinem Rücken, aus einer Ahnung heraus, wie sie ihm später versicherte, Kontakt zu einem ehemaligen Kollegen im VEB Medizinischen Gerätefabrik aufgenommen hatte.
Durch den Mauerbau wurde die Aktivität seiner Mutter doch zum Glücksfall für Bodo.
Seine Mutter hatte dem Leiter der Abteilung Arbeitsnormung damals erzählt, dass Bodo schon eine zeitlang abends einen Lehrgang zum REFA-Techniker an der Beuth-Hochschule in Westberlin besuchte. Der zeigte sich wohl interessiert und wollte sich dafür einsetzen, dass man Bodo, obwohl er Grenzgänger war, einstellen und zum Arbeitsnormer, das war die Berufsbezeichnung in der DDR, ausbilden lassen würde, da die dringend gesucht wurden.

Bei seinem Vorstellungsgespräch stellte sich der Leiter als Werner Kohl vor und begrüßte Bodo mit Handschlag.
»Morjen Kollege Klann. Ich will gleich zur Sache kommen. Es hat sich ja einiges verändert.«, sagte er, als sie sich gesetzt hatten. Bodo schwante nichts Gutes und es war ihm anzusehen.
»Aber keine Angst, wir brauchen immer noch Arbeitsnormer. Auf Grund der sich geänderten Gegebenheiten und deiner Tätigkeit in Westberlin ist eine Bewährungszeit in der Produktion erforderlich, was man ja auch irgendwie verstehen kann. Dein Einsatz hier bei uns ist darum erst ab kommenden Januar möglich. Bis dahin ist ein Arbeitsplatz in der Gussputzerei mit Lohngruppe 3 vorgesehen. Übrigens ich heiße Werner, wir duzen uns hier alle.«
»Was ist denn die Gussputzerei?"«
»Ich will ehrlich zu dir sein, das ist die dreckigste Arbeit im Betrieb. Da werden die Gussunterteile der OP-Tische für die spätere Lackierung bearbeitet. Bring dir also alte Arbeitssachen mit, denn die kannste hinterher wegschmeißen.«
»Und das ist sicher, dass das nur bis zum Jahresende geht?«
»Ja, das ist alles mit der Kaderabteilung abgesprochen und vorbereitet. Hier ist der Arbeitsvertrag als Gussputzer ab kommenden Montag und hier der Änderungsvertrag als Arbeitsnormer ab 1. Januar 1962, verbunden damit ist aber, dass du dich verpflichtest, noch im gleichen Jahr einen Qualifizierungslehrgang zu absolvieren.. Du brauchst nur noch zu unterschreiben. Würde mich ehrlich freuen.«
Vielleicht hätte Bodo in einer anderen Situation abgelehnt, aber Werner Kohl war ihm sympathisch und er hatte ja auch keine andere Wahl. Bodo unterschrieb die Arbeitsverträge.
»Na, dann auf gute Zusammenarbeit ab Januar und viel Spaß beim Gussputzen, Bodo«, sagte er zum Abschied lachend.
»Ja danke, Herr…«
»…ich heiße Werner.«
»Ja Werner. Daran muss man sich ja erst gewöhnen.«

Die Baracke der Gussputzerei stand hinten auf dem letzten Hof.
Mit seinem Hinweis auf die Art der Arbeit und die Arbeitsbedingungen hatte Werner Kohl stark untertrieben. Die Gussteile mussten vom Form- und Kernsand befreit werden. Schon nach kurzer Zeit waren alle unbedeckten Hautteile fast schwarz. Der schwarze Staub setzte sich unter den Fingernägeln fest. Bodo schnitt die Nägel ganz kurz und behielt das auch später bei.
Das Mittagessen und die kostenlose Milch wurden in den separaten Pausenraum geliefert, denn man durfte den Arbeitsbereich nur durch die Wasch- und Umkleideschleuse verlassen. Es gab Erschwerniszulage und jeden Tag neue Handtücher, dazu Waschpaste und Seife.
Es herrschte ein rauer Ton und Bodo bekam mit, dass hier auch Leute arbeiteten, die schon im Gefängnis gesessen hatten. Er begriff die Regeln der hier herrschenden Kollegialität schnell und nahm seinen Platz in der Rangfolge hin. Er wurde geduldet.

Der Lehrgang zum Arbeitsnormer begann nach Ostern, dauerte vier Monate und fand in einer Bildungseinrichtung des Ministeriums in einem alten Jagdschloss auf dem Kyffhäuser statt. Bodo bestand mit „Sehr Gut“ und wurde weiter zum „Lehrer für Arbeitsnormung“ ausgebildet.

Die Verschärfung der militärischen Aktivitäten der USA in Vietnam führte zu Protestreaktionen in aller Welt. In einer kurzfristig einberufenen Versammlung wurde ein Aufruf verlesen, in dem durch die Mitarbeiter aufs Schärfste gegen die angloamerikanische Bombardierung Nordvietnams protestiert wurde, weil durch diesen verbrecherischen und menschenverachtenden, kriegerischen Akt, unschuldige Frauen und Kinder getötet würden. Es gab einige Wortmeldungen. Auch Bodo meldete sich zu Wort und stellte die Frage, ob nur die unschuldigen Frauen und Kinder Nordvietnams in dem Krieg getötet würden und stellte den Antrag, das Wort "Nordvietnam" durch "Vietnam" zu ersetzen. Zu seiner Verwunderung bemerkte er, dass mit einem Mal alle Blicke auf ihn gerichtet waren und sich eine merkwürdige Stille im Raum ausbreitete.

Nach Feierabend saßen sie in einer Kneipe in der Münzstraße.
»Du warst Thema in der Parteileitung.«, sagte Werner Kohl zu Bodo.
»Ich, warum denn?«
»Bodo, wenn von zentraler Stelle eine Protestresolution gegen den miesen Krieg der Amis in Nordvietnam formuliert worden ist, dann stellt man das nicht in Frage.«
»Aber das ist doch nicht fair, dass nur die unschuldigen Kinder im Norden…«
»…hör auf Bodo. Hier geht es nicht um Fairness, sondern um Klassenkampf und da kennt man so etwas nicht. Wenn du nicht wieder anecken willst, dann denke daran, Recht hat immer der, der gerade der Bestimmer ist. Glaube mir, ich weiß, wovon ich rede.«
Auf dem Heimweg nahm sich Bodo vor, alle weiteren Ratschläge, die ihm der ältere Kollege an diesem Abend im vertraulichen Gespräch gegeben hatte, zukünftig weitestgehend zu beachten. Auch wenn er meistens anderer Meinung war, kritisierte er von nun an die von Partei und Regierung beschlossenen Maßnahmen nie wieder direkt in der Öffentlichkeit.
Er wurde zum Opportunisten, beendete sein Abendstudium als Ingenieur-Ökonom und wurde Abteilungsleiter.


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Quelle:
Werden und Sein
Friedrich Milbradt
Paperback / eBook
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-7407-3588-3
Verlag: TWENTYSIX

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