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Der alte Mann und Berlin Episode V

Von ehemaliges Mitglied 14.04.2019, 16:11 – geändert 14.04.2019, 16:13

Bodo ist jetzt über 80 Jahre auf dieser Welt und lebt allein. Seine Frau Christa und seine spätere Lebensgefährtin, waren beide an Krebs gestorben.
Er sitzt auf dem Balkon und schaut auf den Rummelsburger See. Die Wohnung hier ist wirklich ein Glücksfall denkt er. Damals im Dezember 1958 hatte Christas Mutter durch Beziehungen eine Wohnung für sie ergattert und eine Bescheinigung für das Standesamt dazu, damit sie innerhalb einer Woche heiraten konnten, um zum 1.Januar 1959 in den Mietvertrag eintreten zu können. Das glaubt einem heute kein Mensch, wenn man das erzählt, grinste er vor sich hin.

Die Eltern unterstützten sie materiell und auch finanziell bei der Renovierung und Einrichtung der Wohnung. Aber es fehlten noch runde 2000 Mark. Bankkredite gab es nicht, sondern nur Sparbücher. Also musste man sich privat etwas leihen und das taten sie bei Heinz Schüßler, einem Cousin von Christa, der war Schuhmachermeister und hatte bis zum vorigen Jahr seinen Laden direkt unter seiner Hochparterrewohnung an der Sektorengrenze in der Liesenstraße.
Wenn man das Haus verließ, war man im französischen Sektor und wer die Treppe, die zum Laden hinabführte betrat, war im Ostsektor. Das hatte den Vorteil, dass seine Kunden fast ausschließlich Westberliner waren.

Völlig überraschend wurden dann 1957 an einem einzigen Sonntag von den DDR-Behörden neue Banknoten eingeführt. Durch diese Maßnahme sollten in erster Linie Spekulanten und die Betreiber von Wechselstuben in Westberlin geschädigt werden, die nun auf ihrer alten und wertlosen Ostmark sitzen blieben. Mit der Regelung war auch verbunden, dass der Verkauf hochwertiger Konsumerzeugnisse und die Inanspruchnahme von Dienstleistungen nur noch erfolgen durften, wenn man sich durch Vorlage des Personalausweises, als DDR-Bürger legitimieren konnte.
Im Zusammenhang mit dieser Maßnahme musste Schüßler nun sein Geschäft in der Liesenstraße schließen und bekam dafür einen Laden in der Nähe und eine andere Wohnung zugewiesen.
Schon nach kurzer Zeit regelten sich die Verhältnisse jedoch wieder.
Diesmal nahmen die Ostberliner Dienstleister und Kleinhändler, egal ob privat oder staatlich, den sich bietenden Vorteil war. Bei jeder Gelegenheit, die sich bot, wurde nun unter Beachtung eines vorteilhaften Wechselkurses gegen Westmark verkauft und die Kassendifferenz, aus der eigenen Tasche, in Ostmark ausgeglichen.
Und auch die ehemaligen Kunden des Schuhmachers hielt das nicht davon ab, ihre Schuhe weiterhin bei ihm, zu den günstigen Wechselkurskonditionen, besohlen zu lassen.

Sie waren nun komplett eingerichtet. Bodo nahm in diesem Jahr keinen Urlaub. Er arbeitete wegen eingetretener Terminverzüge durch. Das Urlaubsgeld bekam er vom Chef in voller Höhe in Westmark ausgezahlt. Dadurch konnten sie ihre Schulden noch vor dem Jahresende bei Schüßler begleichen.
Die Euphorie über die Wohnung wurde zunehmend von den Mängeln, die der Alltag offenbarte, überlagert. Die fehlende Badewanne und der dadurch entstehende Zwang, die tägliche Körperpflege in der Küche zu verrichten, war ebenso belastend wie die wöchentlich wechselnde Badeprozession zu einem der Elternpaare. Auf diesen Wechsel legten die Schwiegermütter aber Wert.

Mit der Gründung einer Arbeiterwohngenossenschaft (AWG) an der Humboldt Universität, wo Christa beschäftigt war, stellte sie einen Antrag zur Aufnahme in die AWG ab 1. Januar 1960.
Noch vor Weihnachten kam die Mitteilung, dass sie als Mitglied in die "AWG Humboldt Universität" aufgenommen und für sie eine 2 1/2 Zimmerwohnung vorgesehen war.
Das Datum für den Wohnungsbezug war mit August 1961 angegeben. Die Wohnung hatte zwar 20 qm weniger Wohnfläche, dafür aber ein halbes Zimmer mehr, ein Bad mit Wanne, warmes Wasser aus der Wand und es war ein Neubau.
Die Mängel, die mit letzterem verbunden waren, stellten sich erst später heraus.

Gerüchte machten die Runde, dass etwas mit Westberlin geschehen würde, an den Grenzbahnhöfen wurde mit Bauarbeiten begonnen. Dann gab Walter Ulbricht Mitte Juni in einer Pressekonferenz bekannt, dass niemand die Absicht hätte, eine Mauer um Westberlin zu errichten.

Bodo erinnerte sich, dass sie wegen des bevorstehenden Umzugs Urlaub genommen, und am 12.August 1961 aus dem Büro der AWG die Wohnungsschlüssel abgeholt und Christa den Mietvertrag unterschrieben hatte.
Am Nachmittag fuhren sie zu ihrer neuen Wohnung in die Belforter Straße. Sie fanden das alles sehr modern, nur dass in der Wohnung, wie im Hausflur, Schutt und Reste von Baumaterial herumlagen, störte ein wenig. Danach besuchten sie seinen Freund Jürgen und seine Frau Lilo, die in unmittelbarer Nähe wohnten.
Auf dem Rückweg nach Wilhelmsruh, fuhren sie mit der S-Bahn bis zum Grenzbahnhof Schönholz. Am Bahnhof entschieden sie sich kurzfristig für den Besuch der Nachtvorstellung im Kino "Mars" auf der Westberliner Seite. Kurz nach Mitternacht passierten sie dann die Grenze zurück in den Ostsektor, um mit dem Bus nach Hause zu fahren.
Am Grenzübergang, gleich hinter der S-Bahnbrücke, standen zwei bewaffnete Volkspolizisten am S-Bahnausgang und rauchten. Es war alles, wie man es seit Jahren kannte.
Auch die anderen Kinogänger, die auf dem Heimweg nach Hause in den Ostsektor waren, ahnten nicht, dass dieser beginnende Sonntag, der 13.August 1961, ihr Leben für die nächsten Jahrzehnte entscheidend beeinflussen und verändern sollte.


Quelle:
Werden und Sein
Friedrich Milbradt
Paperback / eBook
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-7407-3588-3
Verlag: TWENTYSIX

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