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Der alte Mann und Berlin Episode IV

Von ehemaliges Mitglied Samstag 13.04.2019, 16:12 – geändert Samstag 13.04.2019, 16:15

Bodo ist jetzt über 80 Jahre auf dieser Welt und lebt allein. Seine Frau Christa und seine spätere Lebensgefährtin, waren beide an Krebs gestorben.
Er sitzt auf dem Balkon und schaut auf den Rummelsburger See. Ob er damals eine Lehre als Stahlschiffbauer begonnen hatte, weil die Lebensmittelkarten noch in Kategorien eingeteilt waren und es für die überaus schwere Arbeit die höchste, die für Schwerarbeiter gab, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Aber es war durchaus möglich.
Seinen ersten Arbeitstag hat er bis heute nicht vergessen. Auf der Vorstellungsveranstaltung für die neuen Lehrlinge ergriff als Vertreter der Betriebsparteiorganisation der SED ein Genosse Koltermann das Wort. Er erzählte von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, dem Rot-Front-Kämpferbund, der Befreiung vom Faschismus und kam dann auf die gegenwärtige politische Lage zu sprechen. Bodo konnte sich noch sehr gut an den kleinen schmächtigen Mann und an das Ende seiner Rede erinnern und musste lächeln.
»… auch solche Kriegstreiber in den USA, wie ein gewisser John Foster, der Beauftragte von Dalles, werden keine Chance haben unser revolutionäres Ziel aufzuhalten. Unter Führung der großen Sowjetunion, mit dem Genossen Stalin an der Spitze, lebt heute schon ein Sechstel der Menschheit im Sozialismus. Bald werden es ein Siebtel, ein Achtel und…«, aber ehe der Funktionär die sozialistische Welt auf ein Zehntel zurückschrumpfen konnte, wurde er vom Ausbildungsleiter unterbrochen.
»…ich bedanke mich ganz herzlich beim Genossen Koltermann für seine eindrucksvolle Schilderung, aber wir müssen im Zeitrahmen bleiben.«
Das nächste Mal als er den Parteisekretär sah, war am 17. Juni 1953. Auf dem Weg zum Arbeitsplatz kamen den Lehrlingen Gruppen von Schiffbauern entgegen.
»Wo wollt ihr denn hin? Heute wird nicht gearbeitet. Heute hau’n wir den Spitzbart Ulbricht und die ganzen anderen Bonzen vom Sockel.«
Keine Arbeit? Das hörte sich gut an. Als sie mit den anderen aus dem Werktor strömten, erkannte Bodo in einer Gruppe dort Ausharrender, den Genossen Kolterman, der fassungslos dem Geschehen zusah.

Die schwere Arbeit, die kommende Dreischichtarbeit und die lange Anfahrt führten dazu, dass er kurze Zeit nach der Gesellenprüfung die Arbeitsstelle wechselte, in den VEB Aufzugbau.
Der dortige Kaderleiter, der ihn ein wenig an Genossen Koltermann erinnerte, schien ihn ins Herz geschlossen zu haben, denn er wurde einem Arbeitskollektiv zugeteilt, das den Ehrentitel "Brigade der kollektiven Aktivistenarbeit" erringen wollte.
Schon nach einer Woche sollte er sich in der Kaderabteilung melden. Der Kaderleiter stellte ihm einen
Mann in einer blauen Polizeiuniform vor, der ihn davon zu überzeugen versuchte, in den Dienst der Kasernierten Volkspolizei einzutreten. Nach einer knappen Stunde war das sehr einseitige Gespräch beendet. Nachdem er dem Kaderleiter zugesichert hatte, alles zu überdenken und ihm seine Entscheidung umgehend mitzuteilen, verließ Bodo das Büro.
Bodo dachte, wenn er sich nicht meldete, würde sich die Sache von selber erledigen. Doch eines Tages erschien Kaderleiter Krell bei ihm am Arbeitsplatz.
»Na, Kollege Klann, hast du dich entschieden?«, fragte er freundlich lächelnd und reichte ihm die Hand. Bodo druckste herum und antwortete ausweichend, dass er noch etwas Zeit bräuchte.
Das Lächeln von Kaderleiter Krell fror ein und im Weggehen sagte er über die Schulter hinweg zu Bodo, dass er ja wissen würde, wo sein Büro ist.
Kurze Zeit später teilte ihm sein Brigadier mit, dass er sich sofort im Materialzuschnitt melden sollte. Wegen fehlender Arbeitskräfte müsste man sozialistische Hilfe leisten. In der Frühstückspause wurde er dort eines Tages von einem der Kollegen gefragt, wo er denn vorher gearbeitet hätte. Man kam ins Gespräch und Bodo berichtete.
»Haste jehört Erwin, der kommt von den Irren da oben.«, sagte ein älterer Kollege zu seinem Nebenmann. Der nickte und fragte Bodo, was er denn angestellt hätte.
»Eigentlich nichts.«
»Irgendwat musste gemacht haben, sonst wärste nich hier.«
»Wieso?«
»Na, weil alle aus der Superbrigade vom Türenbau hier landen, wenn se wat jegen den Sozialismus gemacht haben.«
Nun erzählte Bodo vom Gespräch mit dem Kaderleiter.
»Na, da ham wat doch.«, beendete Erwin die Frühstückspause.

Dass er von der Kaderabteilung, im Rahmen sozialistischer Hilfe, für die Ausführung dringender Hofarbeiten abgestellt worden war, erfuhr er dann etwas später vom zuständigen Vorarbeiter.
Bodo war außer sich vor Wut und rannte in Richtung Kaderabteilung und lief durch das Vorzimmer in das Büro des Kaderleiters. Der blickte erschreckt auf, als Bodo ins Zimmer stürmte.
»Eigentlich müsste ich dir sofort aufs Maul hauen, du Wicht. Das lasse ich mit mir nicht machen.«, und als Bodo, mit diesen Worten, auf den Schreibtisch des Kaderleiters zustürmte, sprang der auf und rief mit überschnappender Stimme: » Hiiilfe…«
Bodo besann sich noch rechtzeitig, aber es war zu spät. Die Sekretärin hatte schon den Betriebsschutz alarmiert. Zwei Angehörige vom Betriebsschutz betraten den Raum. Im gleichen Moment löste sich Genosse Krell von der Wand und nahm wieder hinter dem Schreibtisch Platz.
»So etwas ist mir ja im ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Aber ich hatte gleich kein gutes Gefühl mit Ihnen, Herr Klann. Kollege zu sagen, wäre eine Verhöhnung unserer Arbeiter. Das hat natürlich Konsequenzen. Sie sind fristlos entlassen.« und an die beiden Wachmänner gerichtet, »Begleitet ihn zur Umkleide und lasst ihn nicht aus den Augen, Genossen. Danach verbleibt er unter Aufsicht bei euch im Pförtnerbereich, bis die Arbeits- und Lohnunterlagen fertig sind.«
Knapp zwei Stunden später, stand Bodo mit seinen Sachen auf der Straße.

Nach diesem Vorfall nahm er wieder eine Tätigkeit als Schiffbauer auf, aber diesmal in Westberlin. So wurde Bodo zum “Grenzgänger“ und er war der Erste in der Straße, der Nietenhosen trug. Die hatte er sich für sein erstes selbstverdientes Westgeld in einem Shop der US-Army gekauft.




Quelle:
Werden und Sein
Friedrich Milbradt
Paperback / eBook
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-7407-3588-3
Verlag: TWENTYSIX

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