Der alte Mann und Berlin Episode III
Von ehemaliges Mitglied Freitag 12.04.2019, 16:37
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Bodo ist jetzt über 80 Jahre auf dieser Welt und lebt allein. Seine Frau Christa und seine spätere Lebensgefährtin, waren beide an Krebs gestorben.
Er sitzt auf dem Balkon und schaut auf den Rummelsburger See. Vielleicht hätte er damals auch eine Uni besucht und alles wäre anders gekommen, dachte er und vor allem hätte er sich dann die strapaziösen Jahre des Abendstudiums erspart. In welcher Klasse war er damals noch? Egal, jedenfalls sollte er seinen Eltern einen Brief vom Schuldirektor übergeben. Damals war es üblich, dass bei Verfehlungen der Schüler, die Eltern schriftlich benachrichtigt wurden.
Bodo hatte einen unruhigen Nachmittag. Am Abend, als seine Eltern den Brief gelesen hatten, kam die Erlösung, denn es war ein Antrag für die Aufnahme an eine Aufbauschule, den seine Eltern unterschreiben sollten.
»Wir sind richtig stolz auf dich, Junge. Hier steht, dass du auf Grund deiner Leistungen und Anlagen in eine weitergehende Lehreinrichtung wechseln sollst.«
»Weitergehende Lehreinrichtung? Was ist denn das?«
»Höhere Schule, Gymnasium, vermute ich ’mal.«, sagte seine Mutter.
»Ich soll schon wieder die Schule wechseln? Das will ich aber nicht. «
»Aber es ist doch nur zu deinem Besten. Für später. Dann kannst du mal studieren.«
»Ich will aber nicht studieren.«
»Bodo, nun sei nicht bockig. Nächste Woche ist die schriftliche Prüfung. Enttäusche uns nicht.«
Die schriftlichen Prüfungen hatte er bestanden. Der Tag, an dem Bodo die Weichen für seine weitere Entwicklung stellte, war ein Donnerstag. Er hatte einen Plan. Er nahm an, wenn er nicht zum Aufnahmegespräch ging, dann würde er auch nicht in die neue Schule aufgenommen werden. Das stimmte zwar, aber die Logik hatte einen Mangel, er hatte die Folgen nicht bedacht. Denn was dann an Vorwürfen auf ihn einstürmte, nahm Bodo nur bedingt war, aber danach empfand er die Strafe, Stubenarrest auf unbestimmte Zeit, fast als gerecht.
Kurz darauf sperrten die Russen die Zugangswege nach Westberlin. Die Zeit der Luftbrücke und der familiären Solidarität begann.
Die Verwandten aus den Westsektoren kamen regelmäßig zu den Wochenenden zum Essen und Bodo brachte Kohlen zu seiner Tante nach Tempelhof. Wenn er den S-Bahnhof Tempelhof verließ, war die Luft von andauerndem Flugzeuggedröhne und einem eigenartigen öligen Geruch erfüllt, den man auch auf der Zunge schmecken konnte.
Die Maschinen flogen so tief, dass man die Piloten in der Kanzel sehen konnte. Er kletterte auf einen Schuttberg, wo schon andere Kinder standen und staunte nur.
Mit dem Ende der Blockade, die durch die Russen wegen der Einführung der D-Mark, als offizielle Währung in den Westsektoren, befohlen worden war, begann eine neue Zeit.
Im Sprachgebrauch war jetzt von West- und Ostgeld die Rede und daraus entstanden, der Logik folgend, die Bezeichnungen West- und Ostberliner.
Bodo begann zu begreifen, dass Geld einen unterschiedlichen Wert hatte. Es kam aber nicht darauf an, welche Zahl auf den Scheinen und Münzen stand, sondern was man dafür kaufen konnte.
Der Renner war Westgeld, weil es dafür Dinge gab, die man in der Gegend wo sie wohnten, nicht bekam. Ostgeld brauchte man für Fahrgeld oder fürs Kino.
»Die können mir alle Geld schenken, aber Westgeld. Ich kaufe mir dann davon etwas Schönes am Gesundbrunnen.«, antwortete Bodo, als ihn seine Mutter fragte, was er sich denn zur bevorstehenden Einsegnung wünschen würde.
Es war Bodo egal, dass die Erwachsenen seine Einsegnung feierten, als wäre es ihr Ehrentag. Er zählte das Westgeld, dass er geschenkt bekommen hatte. Die Höhe der einzelnen Beträge war sehr unterschiedlich. Das lag aber nicht nur an der Großzügigkeit, sondern richtete sich auch nach dem Wohnort, denn wer im Ostteil wohnte, musste ein Vielfaches an Ostgeld in Westgeld umtauschen. Bodo achtete von nun an auch auf die großen Holztafeln, auf denen stand, ob man den "Ostsektor" verließ oder betrat.
Kurz danach musste seine Schwester ausgezogen sein, glaubte er sich zu erinnern. Sie wohnte nun im amerikanischen Sektor in einem möblierten Zimmer und arbeitete auch in Westberlin.
Für die Gegenwart hatte der Wegzug seiner Schwester den Vorteil, dass er nun das Zimmer für sich allein hatte und für das, was die Familie in der Zukunft durch die politischen Ereignisse erwartete, ein richtiger Glücksfall.
Quelle:
Werden und Sein
Friedrich Milbradt
Paperback / eBook
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-7407-3588-3
Verlag: TWENTYSIX