Der alte Mann und Berlin Episode II
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 11.04.2019, 17:28 – geändert Donnerstag 11.04.2019, 18:03
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Bodo ist jetzt über 80 Jahre auf dieser Welt und lebt allein. Seine Frau Christa und seine spätere Lebensgefährtin, waren beide an Krebs gestorben.
Er sitzt auf dem Balkon und sieht hoch über dem Rummelsburger See am Himmel die Kondensstreifen mehrerer Flugzeuge und es erinnert ihn an die Zeit der Luftangriffe damals.
Eingeschult wurde er noch in Berlin, aber wegen der zunehmenden Bombenangriffe auf Berlin absolvierte er die zweite Klasse in Wriezen, einem kleinen gepflegten Städtchen im Oderbruchgebiet, bei seinen Großeltern. Seine Schwester kam in ein Heim der Kinderlandverschickung, KLV-Lager genannt, irgendwo in Thüringen.
In den Ferien 1944 holte ihn seine Mutter zurück nach Berlin, weil die Front immer näher rückte. Das Grollen des Geschützfeuers hörte sich an, wie ein fernes Gewitter und Flüchtlingsströme zogen durch das Städtchen.
Wieder musste er sich an eine neue Schule in einer neuen Umgebung gewöhnen aber es ging nicht ihm allein so.
Seine Mutter war berufstätig und hatte für einen organisierten Tagesablauf gesorgt, denn die Luftalarme tagsüber wurden immer häufiger. Bodo bekam die strikte Order, sich an die Anweisungen seiner vier Jahre älteren Schwester Ursula zu halten. Beide trugen die Wohnungsschlüssel, wie die meisten anderen Kinder, an einer Kordel um den Hals. Sein kleiner Rucksack und der kleine Koffer seiner Schwester standen gepackt im Kinderzimmer. Im Küchenschrank lag eine Brieftasche, mit ihren Lebensmittelkarten und den Bezugscheinen für Bekleidung, Brennholz und Kohlen.
Für je zwei Hausaufgänge stand ein Schutzraum zur Verfügung. Vom Hof aus konnte man die Lage der Schutzräume an den außen angebrachten Stahlklappen erkennen, die bei Fliegeralarm vom Luftschutzwart zugeklappt und dann von innen verriegelt wurden.
Bei einem dieser Tagesluftangriffe lief das eingeübte Prozedere wie am Schnürchen ab. Seine Schwester und er standen schon im Keller, als der Luftschutzwart gerade dabei war, die Stahltüren zu öffnen.
Diesmal sollte es auch sie treffen. Nachdem die Stahltüren geschlossen waren, hörte man längere Zeit gar nichts. Dann vernahmen sie dumpfe Einschlaggeräusche und das leichte Beben unter den Füßen wurde immer stärker. Nun verstummten auch die letzten Gespräche. Dann krachte es gewaltig. Bodo dachte sofort an die Hinweise die er in der Schule erhalten hatte. Er riss den Mund weit auf und hielt sich die Ohren zu. Doch es war zu spät. In seinen Ohren klingelte es und er hatte das Gefühl, als würde er durch die Wand hinter ihm gepresst. Er sah, wie der Stützpfeiler in der Mitte des Raumes in Schlangenlinien wackelte. Getroffen hatte es das Eckhaus des Häuserblocks. Zum Glück war nur materieller Schaden entstanden.
Der Geschützdonner kam immer näher und als die ersten russischen Panzer zu sehen waren und die “Stalinorgeln“ über ihre Häuser hinweg die Innenstadt beschossen, nahmen die Hausbewohner das Notwendigste und zogen in die Luftschutzkeller.
Es ging alles sehr schnell. Die Tür wurde aufgerissen und ein mongolisch aussehender Russe und einer mit silbernen Schneidezähnen stürmten in den Raum. Bodo sah die Zähne blitzen, als er » Uhri, Uhri…« rief und dabei mit seiner Maschinenpistole herumfuchtelte.
Am 8. Mai 1945 hatten die Schrecken ein Ende.
Der Krieg war vorbei und der Frieden begann, wie der Krieg aufgehört hatte, mit Hunger.
Quelle:
Werden und Sein
Friedrich Milbradt
Paperback / eBook
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-7407-3588-3
Verlag: TWENTYSIX