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Der alte Mann und Berlin Episode I

Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 10.04.2019, 16:36

Bodo ist jetzt über 80 Jahre auf dieser Welt und lebt allein. Seine Frau Christa und seine spätere Lebensgefährtin, waren beide an Krebs gestorben.
Er sitzt auf dem Balkon, schaut auf den Rummelsburger See und denkt über sein Leben nach.

Eigentlich würde er ja Riemer heißen und nicht Klann, denn das war sein Adoptivname, den er und seine Schwester Ursula angenommen hatten, als ihre Mutter ihren zweiten Mann Theo geheiratet hatte. Er hatte seinen Vater, Rudolf Riemer, nie kennengelernt, sondern kannte ihn nur von Bildern und nur in Uniform.
Einige der späteren Erzählungen seiner Mutter, Herta, sind ihm immer in Erinnerung geblieben. So die, dass er beinahe am 01. August 1936 einem Sonnabend, der Tag an dem die XI. Olympischen Sommerspiele eröffnet wurden, geboren wäre, aber Bodo war kein Olympiakind geworden, dafür aber ein Sonntagskind und dem Volksglauben nach, sollte das Glück bringen.
Und dann die, über seinen Vater. Zum Weihnachtsfest 1936 war die Familie zusammen. Nebenbei erzählte er von einem Auftrag des Führers, zu dem er in vier Wochen abkommandiert werden würde. Die erstaunten Fragen dazu, beantwortete er nur mit:»Strengste Geheimhaltung!«.
Mitte Januar 1937 war sein Urlaub beendet.
»Wann kommst du denn wieder?«, hatte Herta gefragt, als sie seine Sachen zusammenpackte.
»Ach, das dauert nicht lange.«
»Trotzdem wirst du mir schreiben und wehe nicht.«
Anfang Februar bekam Herta dann Post, aber nicht von Rudolf, wie sie gehofft hatte, sondern vom Reichsluftfahrtministerium. Darin wurde der „Volksgenossin Riemer“, im Auftrag des Oberbefehlshabers der Luftwaffe, Hermann Göring, mitgeteilt, dass Oberfeldwebel Rudolf Riemer, in treuer Pflichterfüllung für Führer, Volk und Vaterland, auf dem Feld der Ehre gefallen und auch dort bestattet ist. Unterzeichnet war der Brief vom Stabschef der Legion Condor, Wolfram v. Richthofen. Dem Brief waren noch Hinweise zur Antragstellung für die Hinterbliebenenversorgung beigefügt.
Sie hielt das Schreiben in der Hand und las den Inhalt zum wiederholten Male, ohne zu verstehen, was er bedeute. Was war mit Rudolf? Das muss ein Irrtum sein.
Mechanisch legte sie das Schreiben in die Kennkarte, die man neuerdings immer bei sich tragen musste, denn sie beinhaltete Angaben zur Person und neben einem Passbild auch die Abdrücke beider Zeigefinger.

An das Ereignis, das dann folgte, konnte sich Bodo noch schemenhaft erinnern.
Auf der Straße, die sie entlang liefen, standen einige LKW und darum herum herrschte Menschengewirr mit weinenden Frauen und Kindern und Gebrüll von Männern in SA-Uniform, die mit Gummiknüppeln herumfuchtelten.
Herta wollte mit den Kindern schnell an dem Auflauf vorbei, als sie von einem sehr korpulenten SA-Mann angerempelt wurde. Durch den Stoß kam Bodo zu Fall.
»Passen Sie doch auf, wo Sie hinlaufen.«, schimpfte Herta ihn an und hob den weinenden Bodo hoch. Der Mann in der braunen Uniform blieb ruckartig stehen und musterte die Gruppe. Herta hatte fast schwarze Haare und dunkelbraunen Augen und Bodo kam im Aussehen, anders als Ursula, nach seiner Mutter.
»Was willst du…du Zigeunerschickse mit deinen Bastarden? Du kannst gleich mit auf den Wagen.«, brüllte er.
Herta war derart erschrocken, dass sie kein Wort herausbrachte. Doch dann kam ihr das Wissen aus ihrer Zeit mit Rudolf zu Hilfe. Sie sah an den Kragenspiegeln, dass sie einen Rottenführer vor sich hatte.
»Ich werde mich bei Ihrem Sturmführer beschweren, Rottenführer! Holen Sie ihn bitte her!«, sagte sie in scharfem Ton.
»Nun mal langsam, erst zeigen Sie mir mal Ihre Kennkarte.«
Herta holte die Kennkarte aus ihrer Handtasche und gab sie dem SA-Mann. Dann umfasste sie schützend ihre ängstlichen Kinder. Der SA-Mann klappte die Kennkarte auf, in der das zusammengefaltete Schreiben vom Oberkommando der Wehrmacht lag, er machte es auf, las und wurde blass, verglich noch auf Namensgleichheit und ohne weiter den Inhalt der Kennkarte zu prüfen, nahm er Haltung an und entschuldigte sich bei Herta.
»Das konnte ich ja nicht ahnen, Volksgenossin. Wir haben hier einen Befehl auszuführen. Wenn Sie darauf bestehen, dass ich den Sturmführer herhole, dann werde ich das tun, Ich bitte Sie aber, davon abzusehen.«
Herta nickte und nahm ihre Papiere zurück und verstaute sie wieder in ihrer Handtasche.
Bevor sie weiter gingen, stellte sich der SA-Mann mit erhobenem Arm vor ihnen auf und grüßte mit einem strammen »Heil Hitler!«.

Ja, erinnerte sich Bodo, vor diesen arroganten Uniformträgern hatte er keinen Respekt, sondern Angst. Wie vor diesem Herrn Ruhmland aus dem Nebenhaus. Der trug immer die SS-Uniform und eine Lederknute am Handgelenk, mit der er an die Stiefelschäfte klopfte, wenn er die Straße in Richtung Gefangenenlager entlangging. Nicht nur Bodo passte auf, ihm nicht zu begegnen, sondern auch die meisten anderen Kinder versuchten Ruhmland aus dem Weg zu gehen.
Bewundert hatte er damals wohl nur die heldenhaft kämpfenden Soldaten an der Front, wie sie in der "Wochenschau" vor dem Kinderfilm im Kino gezeigt wurden und seinen Cousin Kurt, denn der war Rottenführer bei der Hitlerjugend (HJ).



Quelle:
Werden und Sein
Friedrich Milbradt
Paperback / eBook
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-7407-3588-3
Verlag: TWENTYSIX

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