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Der 17. Juni 1953 in meiner Heimatstadt Halle

Von Steiger1 Montag 17.06.2019, 12:10


Ich war gerade einmal fünf Jahre alt, als auch in Halle der Volksaufstand der Werktätigen der damaligen DDR ausbrach. ich erinnere mich noch sehr gut, habe allerdings nur wenig gesehen und mit dem Wenigen konnte ich als kleiner Junge auch noch nicht viel anfangen.

Persönlich erlebt habe ich nur, daß es auf einmal von allen Seiten klang: "Es wurde ein Ausnahmezustand verhängt, „wir haben Ausnahmezustand" und: „es sind russische Panzer aufgefahren". Wie gesagt, was das bedeutete, war mir damals völlig unklar.

Dann erinnere ich mich noch, wie meine Mutter abends aus dem geöffneten Fenster nach draußen schaute und von draußen mehrere Schüsse zu hören waren. Auch diese Bedeu-tung war mir nicht klar. Es klang für mich einfach nur aufregend. Heute bin ich sicher, daß da wohl „Jagd" auf Menschen gemacht wurde.

Weiter ist bei mir „hängen geblieben" der Spruch: „Spitzbart, Bauch und Brille, sind nicht des Volkes Wille!" Eine Anspielung auf Walter Ulbricht, der von 1949 bis zu seiner Ent-machtung 1971 der bedeutendste Politiker der Deutschen Demokratischen Republik war.
Wo ich diesen Spruch aufgeschnappt habe, ist mir nicht mehr in Erinnerung. Ich weiß auch nicht mehr, woher ich als kleiner Knirps, als ich noch nicht mal zur Schule ging, die feste Überzeugung hatte, daß Stalin ein Engel und Adenauer der Teufel war.

Weiter erinnere ich mich, daß irgendwann, ein paar Tage nach dem 17. Juni, mein Vater mit drei Kollegen und mir im Außendienst irgendwo außerhalb von Halle mit dem Auto un-terwegs war. Gegen Abend, auf der beabsichtigten Rückfahrt, beschlossen die Erwachse-nen ziemlich einstimmig, daß sie besser nicht nach Halle fahren sollten, um außerhalb von Halle den nächsten Tag abzuwarten. Das war bestimmt wegen der Gefahren, die durch den „Ausnahmezustand" besonders abends und nachts in Halle drohten.

Ein paar Tage oder Wochen später stand vor unserem Haus immer ein auffällig unauffälli-ger schwarzer PKW, sowas wie ein Opel P4. Darin und drum herum liefen Männer in schwarzen Ledermänteln. Mein Vater war in das Visier der Stasi geraten. Mein Vater war im Auftrag der Regierung in der Sicherheitskontrolle elektrischer Anlagen in Betrieben und öffentlichen Einrichtungen tätig.
Es war wohl irgendwie aufgefallen, daß mein Vater flüchtende Aktive des 17. Juni in unse-rer Wohnung versteckte, damit sie von dort aus in den Westen fliehen konnten. Eines Mor-gens hab ich sogar gesehen, wie meine Mutter ein Kopfkissen, welches ein Aktiver nachts benutzt hatte, so auswrang, daß es nur so tropfte. Es muss wohl Angstschweiß gewesen sein.

Diese sich nun auch für uns zuspitzende Gefahr nahmen meine Eltern dann zum Anlass, ich glaube es war der August 1953, angeblich wegen eines Urlaubs, mit meiner Schwester und mir in den Westen zu meinen Großeltern nach Delmenhorst zu flüchten.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was meine Eltern beschlossen hatten und war nur überrascht als meine Mutter uns nach dem Grenzübertritt fragte, ob wir Kinder denn für immer in Delmenhorst bleiben wollten.
Ich selbst stimmte freudig zu denn irgendwie hatte ich vor allem Sehnsucht nach meiner Cousine Helga und meinem Vetter Hermann in Delmenhorst.

Ich bin sehr dankbar dafür, daß meine Eltern so gehandelt haben und mir wohl viel Elend in der DDR erspart haben, denn heute weiß ich, daß ich ganz schön aufsässig werden kann, wenn mir irgendwas nicht passt.
Auch bin ich meinen Großeltern dankbar dafür, daß sie uns nach der Flucht in ihr Haus in Delmenhorst aufgenommen haben, wodurch mir unschöne Erfahrungen mit dem damals üblichen Grenzaufnahme- oder Grenzdurchgangslager erspart blieben.

Ja. so war das damals und ich glaube, ich habe da eine ganze Menge Glück gehabt, auch wenn der „goldene Westen" sich für mich nach und nach gar nicht als so „golden" heraus-stellte. Nein, da kamen dann doch noch eine ganze Menge anderer Probleme auf mich zu.

Später erfuhr ich auch, dass der 17. Juni 1953 die erste Massenerhebung im Machtbereich der Sowjetunion überhaupt war und eines der Schlüsselereignisse, die den Gang der deutsch-deutschen Geschichte bis zur Einheit im Jahr 1990 maßgeblich mitbestimmt ha-ben.

Autor.: Norbert Mertens (alias bei YouTube: Torsten Ardent)

Diesen Text veröffentliche ich im Gedenken an meinen Freund Norbert Mertens aus Bremen. Ich habe seit Monaten nichts mehr von ihm gehört und mein Gefühl sagt mir, dass er verstorben ist.
Vielleicht kann ich ja auf diesem Wege etwas über Norbert Mertens, der auch Mitglied bei feierabend.de war, erfahren. Er war auch Musiker und hat unter dem Nikname Torsten Ardent bei YouTube seine Musikstücke veröffentlicht.
Ich wäre sehr dankbar, wenn mir jemand Bescheid geben könnte.

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