Sonnenkind
Von
tastifix
Montag 28.01.2019, 11:21
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tastifix
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Marie, die kleine Prinzessin des Königreiches Immerfroh, benahm sich so ganz anders als es das Gesetz vorschrieb - nämlich stets fröhlich zu sein. Dabei hätte sie allen Grund dazu gehabt. Die Eltern liebten sie sehr und lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Jeden Tag bekam sie Besuch von den Prinzessinnen und Prinzen aus den umliegenden Schlössern. Dann jagten die Kinder treppauf, treppab durch die riesigen Räume oder spielten den Erwachsenen Streiche. Ab und an platzten sie dabei gar in wichtige Besprechungen des Königs mit seinen Ministern.
Einmal berieten diese gerade, wie das Gesetz zum Glücklichsein gestrafft werden könnte, damit kein Bürger noch mit trauriger Miene herum liefe.
„Vielleicht einen Tag Gefängnis für jede Träne pro Tag!“, forschte ein junger Minister nach Lob heischend im Gesicht seines Herrschers.
“Und für hemmungsloses Weinen eine mindestens einjährige Umschulung zum Frohsein!", ergänzte ein anderer.
Der König kam nicht dazu, sich zu den klugen Äußerungen seiner engsten Mitarbeiter zu äußern. Denn ausgerechnet dann stürmte die Kinderschar in den Saal und urplötzlich hing ihm die kleine Tochter laut schluchzend um den Hals. Dies war dem König vor seinen Untergebenen äußerst peinlich, denn die königliche Familie achtete darauf, vor allem, was die Fröhlichkeit anging, immer und überall dem Volk ein Vorbild zu sein. Erschreckt verstummten die hohen Herren und wandten schnell den Blick von dem beschämenden Bild ab, damit sich der König nicht ganz so schrecklich schämen müssen sollte.
Jener aber wusste sich zu helfen und blickte sein Kind streng an:
„Marie, du weißt, dass es streng verboten ist, zu weinen. Wir leben in einem fröhlichen Land. Ich will sofort wieder ein lachendes Töchterchen an meiner Seite. Schau, wie schön alles um dich her ist. Es gibt wirklich keinen Grund, traurig zu sein.“
Um Maries Vater milde zu stimmen, setzten die kleinen Freundinnen und Freunde Maries fix ein Lächeln auf, das schnell zu einem hell perlenden Kinderlachen wurde. Tapfer schluckte die kleine Prinzessin die aller letzten widerspenstigen Tränen hinunter und versuchte zu lächeln. Doch ihre blitzblauen Augen guckten immer noch traurig.
„Was hast du denn nur?", versuchte der König es mit Sanftmut, denn er war völlig vernarrt in sein Mädchen. „Du besitzt doch alles, wovon ein Kind nur träumen kann!"
„Ja, aber selbst das Toben mit den Anderen macht mir keine Freude mehr!"
Marie war kurz davor, wieder in Tränen auszubrechen. Aber um ihren Vater nicht zu enttäuschen, nahm sie sich zusammen:
„Ich bin traurig, weil ich nicht weiß, warum ich so traurig bin!", flüsterte sie.
Die Minister tuschelten miteinander.
„Ratlose Traurigkeit und das in unserem Lande?"
Bei dem Gedanken blieb ihnen das Lachen im Halse stecken.
„Ist die Prinzessin vielleicht krank?", murmelte einer besorgt. „Hoffentlich ist es nicht ansteckend, unser König?!", wandte sich ein Anderer an den Herrscher.
Nicht auszudenken, was das für Immerfroh bedeuten würde. Denn muntere und fröhliche Leute verrichteten ihre Arbeit viel besser als Griesgrame oder verzweifelte Menschen. Die Minister dachten lieber nicht länger darüber nach, welch niedergedrückte Stimmung sich nicht nur im Schloss, sondern im ganzen Lande breit machen würde. Dazu durfte es auf keinen Fall kommen.
Der König, die Minister wie auch die kleinen Prinzessinnen und Prinzen legten grübelnd die Stirn in Falten. Es war dermaßen ungewohnt für sie, dass sie es erst ein paar Sekunden lang üben mussten, bis alle Sorgenfalten richtig saßen. Um den Ruf des Landes zu retten und genauso aus Angst vor Bestrafung strengten sie sich danach gleich eilig an, sie möglichst schnell wieder zu glätten. Den König plagte die gleiche Sorge, denn er als Herrscher hätte erst recht demütig die harten Strafen deswegen auf sich nehmen müssen, um seinem Volk auch darin ein rechtes Vorbild zu sein.
Zum Glück durften die sträflichen Zeichen für Unsicherheit und Probleme schnell wieder verschwinden. Der Hofzeremonienmeister neigte sich nämlich zu des Königs Ohr und flüsterte ihm etwas zu, worauf dessen Gesicht zu leuchten begann. Die Minister beobachteten es und beeilten sich, gleichfalls schnell wieder eine heitere Miene aufzusetzen, obwohl sie überhaupt keine Ahnung hatten, was wohl der dienstbare Geist dem besorgten Vater soeben gesagt hatte.
„Hört zu!“, hub der König mit fester Stimme an. „Ich glaube, die Prinzessin braucht Abwechslung. Sie sollte die Welt außerhalb des Schlossparks kennen lernen. Führt sie vor die Stadt, damit sie all das Schöne sieht, was das Leben zu bieten hat."
Begeistert klatschten seine treuen Untergebenen Beifall. Die Prinzessinnen und Prinzen hüpften vor Freude herum.
Schon am nächsten Morgen zog Marie ihr aller schönstes Kleid an und dazu die hübsche bunte Holzperlenkette, die sie so sehr mochte. Dennoch sah sie geknickt drein, als sie sich von den Eltern, den Ministern, dem Hofzeremonienmeister, den Freunden und zu guter Letzt von Fips, dem Hofhund, verabschiedete. Der ließ die Ohren tief hängen und setzte einen Blick zum Steine erweichen auf. Er spürte, wie traurig Marie war und wurde prompt fast noch trauriger als die Prinzessin selber.
„Ich bin bald wieder bei dir!", versprach sie und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Schnauze.
Doch Fips war verzweifelt:
„Sie lässt mich allein. Ob sie überhaupt je wiederkommt?"
Winselnd legte er sich für ein Nickerchen auf den königlichen Rasen vor dem Schloss und hoffte, im Traum seinem Kummer entfliehen zu können.
Betrübt lief Marie langsam durch den riesigen Park und dann durch das breite Eingangsportal. Draußen schaute sie unsicher umher. Überall aber sah sie singende und tanzende Leute. Die Bäcker vor den Öfen strahlten und die Arbeiter auf den Feldern unterbrachen ihre Beschäftigungen immer wieder für einen kurzen Tanz.
„Wieso seid ihr so fröhlich?", fragte Marie.
„Die Sonne lacht vom Himmel, die Ernte ist reich und dein Vater kümmert sich darum, dass es uns gut geht. Warum sollten wir denn traurig sein!?"
Maries Herz machte einen kleinen Sprung.
Sie schlenderte weiter, an Pferde- und Kuhweiden entlang. Marie liebte Tiere. Diese spürten es und schenkten ihr die Zuneigung tausendfach zurück. Als sie sich dem Gatter näherte, trabten die Pferde freudig herzu und wieherten laut. Die Kühe ließen sich von ihr streicheln und leckten ihr die Hände. Maries Herz tat einen zweiten Sprung.
„Sie mögen mich, so wie ich sie mag!", dachte sie und war ein kleines bisschen froh.
Kurz darauf kletterte sie eine Anhöhe hinauf, betrachtete von dort den in der Nähe gelegenen See, schaute auf die weiten Äcker und blickte zu den fernen Wäldern am Horizont.
„All dies gehört meinem Vater und später einmal mir!", sagte sie sich stolz.
Sie lief den Hügel wieder hinunter, schnell und immer schneller. Ohne es selber recht zu merken, begann sie zu hüpfen und rannte ans Ufer des in der Sonne glitzernden Sees. Es sah einfach wunderschön aus. Verträumten Blickes hockte sich Marie ins Gras. Es kitzelte sie. Unwillkürlich lächelte das Mädchen. Um sie her wuchsen Wildkräuter mit Blüten in zarten Farben. Zwischen ihnen reckten überall vorwitzige Gänse- und Butterblumen ihre kräftig leuchtenden Köpfe der Sonne entgegen.
„Wie fröhlich die Blumen im Winde schaukeln!"
Marie pflückte eine der zierlichen Pflanzen und strich zärtlich über die Blütenblätter.
„Du bist ja so niedlich!!“, murmelte sie und plötzlich fing sie an zu lachen.
Der Trübsinn war auf einmal wie weggeblasen, denn Marie empfand die große Freude, die im Kleinen liegt und der Seele mehr gibt als jeder Besitz.