Punaises
Von
Schachspieler
Montag 25.01.2021, 16:52
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P u n a i s e s
Als 16-jähriger Schüler lebte ich drei Wochen in einer französischen Familie in Südfrankreich. Schnell hatte ich mich darauf eingestellt, morgens den Milchkaffee (Café au lait) aus einer großen Schale (Bol) ohne Henkel, also mit zwei Händen haltend, zu trinken. Auch, dass die Tochter des Hauses bis mittags im Morgenmantel durch die Küche schlurfte und schon zum Mittagessen die Flasche Wein auf dem Tisch stand. Unsere ganze Klasse war auf verschiedene Familie verteilt worden und wir trafen uns entweder zum Französischunterricht oder auch im Schwimmbad, das Wetter war immer gut, Sonne satt. Mit der zweiten Woche begann mein Unglück. Im Schwimmbad entdecken meine Klassenkameraden Pickel auf meinem Rücken, die ich zuvor da nie gehabt hatte. Ein Franzose sagte grinsend: "Punaises!" Das sagte uns Deutschen nichts und die Erklärungen mit Händen und Füßen brachten auch kein Ergebnis. Als ich wieder in der Gastfamilie war, nahm ich mein Wörterbuch und fand unter "Punaise" die Übersetzung "Wanze". Panik ergriff mich! Sofort fielen mir die alten Kriegsgeschichten meines Vaters ein, er hatte Erfahrungen damit gemacht und viel davon erzählt. Nachts kämen die Viecher aus ihren Verstecken, kaum, dass man das Licht ausgemacht hätte, um zu schlafen. Damit war es natürlich um meinen Schlaf geschehen. Ich traute mich nicht das Licht auszumachen und lauschte immerzu, ob die Wanzen, nicht trotz des Lichtes aus ihren Löchern kommen würden. Irgendwann mussten mir aber wohl zwischendurch immer mal wieder die Augen zugefallen sein, denn am nächsten Morgen hatten sich die Pickel vermehrt, jetzt hatte ich sie auch an den Oberarmen. Am nächsten Abend band ich mir den Schlafanzug sowohl an den Fußknöcheln als auch an den Handgelenken und am Hals mit Schnürsenkeln zu. Das konnte die Viecher aber wohl nicht aufhalten, die Pickel hatte ich am nächsten Morgen auch an den Beinen. Mein Besuch in der Apotheke war wenig erfreulich, da verstanden sie mein Anliegen nicht so richtig, trotzdem bekam ich ein Pulver mit. Dieses kippte ich mir in Mengen in meinen Schlafanzug, um eventuelle Eindringlinge zu vernichten! Das Ergebnis am nächsten Morgen war wieder frustrierend, mehr Pickel und keine toten Wanzen. Dem Selbstmord nahe, erzählte ich meinem "Professeur de france" von den Wanzen und zeigte ihm die vielen Pickel an meinem Körper. Er war entsetzt, für ihn war das Ansehen Frankreichs in Gefahr und er beschloss, mich nicht mehr zu meiner Gastfamilie zu lassen, sondern zu sich nach Hause mitzunehmen. Er lebte, wohlhabend, bei seiner alleinstehenden Mutter. Es war spät, das große Gästezimmer war aber auf überraschenden Besuch eingerichtet und ich schlief in einem großen französischen Bett, seit langer Zeit wieder mal tief und fest! Geweckt wurde ich durch einen heftigen und lauten Streit zwischen Mutter und Sohn. Ich verstand kein Wort, nur, dass es wohl um mich ging. Die Mutter kam dann mit dem Frühstück für mich ins Zimmer, machte einen großen Bogen um mein Bett, stellte das Tablett auf einen kleinen Tisch und sagte dann nur ein Wort im fragenden Ton: "Punaises?" Ich nickte, was wohl ein Fehler war. Sie ging raus und kaum war die Tür wieder zu, stritten Mutter und Sohn lautstark. Ich verstand immer nur mal wieder "Punaises" oder "Punaises de lit", sonst nichts. Um es kurz zu machen, die Mutter wollte keine Wanzen in ihren Haus und ich war wohl eine große Gefahr in ihren Augen, diese in meine Klamotten mitgebracht zu haben. Ich musste in meine ursprüngliche Gastfamilie zurück, was eine peinliche Angelegenheit war. Mein Französischlehrer erklärte irgendwas und alle schauten sich meine Pickel an, die mittlerweile meinen ganzen Körper bedeckten. Jede Freundlichkeit war bei meiner Gastfamilie verschwunden. Mein Verdacht, sie hätten Wanzen in ihrem Haushalt, war eine schwere Beleidigung für sie. Kurze Zeit später betrachteten mich drei Spezialisten, Ärzte wohl und kamen zu einer gemeinsamen Diagnose. Keinesfalls waren Wanzenbisse an meinem Körper, die Pickel wären eine Unverträglichkeit durch das südländische Essen, die vielen marinierten Auberginen und sonst was. Es war also ein Hautausschlag, eine allergische Reaktion gegen das ungewohnte Essen. Als ich dann später in Bremen zuhause ankam, klingelte ich und meine Eltern öffneten, beide bewaffnet mit Sprühflaschen gegen Ungeziefer und nebelten mich gesundheitsschädlich ein. Leider hatte ich ihnen per Brief mitgeteilt, dass ich Kontakt zu Bettwanzen gehabt hatte.