Mitleid
Von
tastifix
Dienstag 03.09.2019, 20:19 – geändert Mittwoch 04.09.2019, 10:00
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tastifix
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Es war im tiefen Winter. Sogar bei uns im Ruhrgebiet lag ein halber Meter Schnee. Wir Kinder stapften bei grauem Himmel und Kältegraden weit unter dem Gefrierpunkt missmutig zur Schule. ´Schneefrei` gab es schon lange nicht mehr. So durften wir uns allein beim Blick durchs Fenster an der glitzernden Landschaft erfreuen.
Eines Tages ereignete sich etwas, was uns alle sehr berührte. Wie immer machte ich mich des Morgens auf den Weg und betrat eine Viertelstunde später den Schulhof.
„Brr, ist das kalt! Na ja, gleich kann ich mich drinnen aufwärmen!“
Gedankenverloren steuerte ich auf die Eingangstür zu. Plötzlich hörte ich etwas leise wimmern. Erschrocken sah ich mich um. Neben einem kleinen Gebüsch hockte ein junger Hund. Ich brachte es nicht über mich, einfach weiter zu gehen, sondern lief rasch zu ihm. Es war ein Schäferhundwelpe, vielleicht gerade mal fünf Monate alt. Sein Fell hing in verfilzten Zotteln an ihm herunter. Er zitterte wie Espenlaub.
„Ach, du Armer!“
Der Hund guckte mich aus treuen Augen flehend an. Ich schloss ihn in die Arme und versuchte ihn mit meiner Jacke ein wenig zu wärmen. Er hörte auf zu winseln und leckte mir die Hand.
„Ich darf dich aber nicht mit hinein nehmen!“
Ich schluckte.
Bei dem Gedanken, den Winzling draußen in der Kälte zurücklassen zu müssen, war es mir sehr elend zumute. Ich streichelte ich ihn noch ein letztes Mal und marschierte schleppenden Schrittes ins Schulgebäude. Vom Unterricht bekam ich in der ersten Stunde nichts mit. Viel zu sehr beschäftigte mich das Schicksal des einsamen Hundekindes. Mich quälten grausame Überlegungen:
„Mein Gott! Wurde er herzlos ausgesetzt oder hat er sich verlaufen und findet nicht mehr zurück? Was wird aus ihm, wenn sich niemand um ihn kümmert? Muss er dann verhungern oder gar erfrieren?“
Es schnürte mir fast die Kehle zu.
Man muss es mir angesehen haben, wie sehr da etwas in mir arbeitete, denn plötzlich fragte mich unser Lehrer:
„Gaby, was ist denn mit dir? Hast du Kummer?“
Ich nickte, hielt die aufsteigenden Tränen nicht mehr zurück und stieß hervor:
„Auf dem Schulhof sitzt ein kleiner, hilfloser Hund. Er scheint kein Zuhause zu haben und zittert sich dort halbtot.“
Er entgegnete mit ernster Miene:
„Du weißt, dass hier in den Klassen Tiere nicht geduldet werden!“
„Ja, aber... Wir dürfen doch dieses arme Wesen dort ...“
Hilflos und nichtverstehend blickte ich ihn an. E wurde sichtlich verlegen. Da spürte ich, dass mein Lehrer genauso dachte wie ich. Es gab mir einen Mut ein, wie ich ihn selber von mir nie vermutet hätte.
Ich erhob mich und sah meine Klassenkameraden beschwörend an:
„Den überlassen wir doch nicht seinem Schicksal. Ich mach da nicht mit, egal, ob ich ´nen Tadel kriege oder nicht!“
Nochmals schaute ich meinen Lehrer an. Er widersprach nicht und ich glaubte, ein leises Lächeln in seinen Augen zu sehen. Das gab dann den Ausschlag.
Alle waren einer Meinung, dass wir einen Weg finden mussten, dem kleinen Kerl zu helfen.
„In die Klasse darf er zwar nicht, aber bestimmt vorne in die Eingangshalle. Dagegen sagt keiner was.“
Einer von uns kramte im Tornister und holte sein Frühstücksbrot heraus.
„Er braucht es dringender als ich!“
Der Lehrer guckte sichtlich gerührt und dann geschah es: Er schickte tatsächlich eine Schülerin in die Schulküche. Sie brachte von dort eine große Schale lauwarmen Wassers mit.
Er selber lockte dann den Kleinen mit einem Happen Wurst in die Halle, in der wir alle schon auf ihn warteten. Zur Begrüßung gab es -zig Streicheleinheiten, die der kleine Hund ungemein genoss.
„Ängstlich ist der nicht! Also hat er bisher keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht!“
Das machte uns sehr froh.
„Strubbel“, wie wir den Findling nannten, ließ sich von hinten bis vorne verwöhnen und verteilte Vollwäschen am laufenden Band. Auch unser Lehrer blieb davon nicht verschont. Er wehrte den Hund nicht etwa ab, sondern schmuste sogar mit ihm.
„Strubbel braucht ein Zuhause!“, erklärte er uns. „Wir müssen ihn ins Tierheim bringen. Dort ist er wenigstens gut versorgt.“
„Ins Tierheim?“, empörte sich die ganze Klasse. „Dann ist er aber doch wieder allein!“
Nein, das käme gar nicht in Frage!!
Da meldete sich ein Junge:
„Ich weiß, was wir machen. Meine Eltern lieben Tiere. Die haben bestimmt nichts dagegen, wenn Strubbel erst mal für ein paar Tage bei uns wohnt. Ich ruf am besten gleich mal zu Hause an.“
Strahlend kam er zurück:
„Der darf zu uns. Mein Vater hat gesagt, dass wir dann in den nächsten Tagen rum hören werden, ob irgendwo ein kleiner Hund vermisst wird. - Und, falls nicht“, jubelte er los, „dann darf ich ihn behalten!!“
Vor Freude sprang er wild herum. Die Klasse geriet außer Rand und Band:
„Strubbel, dann gehörst du zu uns!“
Der Unterricht war vergessen, obwohl ... Wir hatten etwas sehr Wichtiges gelernt. Wir hatten erfahren, was es bedeutet, die Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen.
Es endete fast wie im Märchen. Strubbel wurde nirgendwo vermisst und gewann nicht nur eine Familie, sondern gleichzeitig mit uns sehr viele Freunde dazu.