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Dino-Hochmut!

Von tastifix 09.06.2019, 18:07 – geändert Montag 10.06.2019, 11:45

Ich schaue mir im Kino einen Kinderfilm an. In dem erwachen pünktlich zur Geisterstunde Menschen und Tiere aus Urzeit, Antike, Mittelalter und Neuzeit zum Leben. Jede Nacht machen sie das Museum unsicher und schlagen gehörig Krawall. Es ist ein sorgfältig inszeniertes Theater mit allem Drum und Dran.

Da geben sich die Hunnen, Christoph Columbus, der wilde Westen und die High Society des Mittelalters ein Stelldichein sowie deren Tiere ebenfalls. Zebradamen flirten völlig ungeniert mit einem imposanten Mammutbullen. Kapuzineräffchen ärgern frech die afrikanischen Löwen und ziehen sie am Schwanz. Australische Emus proben für den Marathonlauf und trampeln mit weit ausladenden Schritten alles über den Haufen. Sogar die Neandertaler und der Tyrannosaurus Rex fehlen nicht.

Manche Szenen reizen sogar uns Erwachsene zum Lachen. Kein Wunder: Die Jahrtausende toben auf der Leinwand fröhlich mit-, durch-, um- und auch gegeneinander. Dem Rex mangelt es sichtlich an Fleisch auf den Rippen. Er hoppelt als extra dünner Riesen-Gummi-Twiggyrich durchs Bild. Unwillkürlich pruste ich laut los. Es erweist sich als ein gravierender Fehler.

Rexi - so nenne ich den Schlackerknaben insgeheim - unterbricht seine Furcht einflößende Brüllarie und sucht aus luftiger Höhe jeden Zentimeter der Umgebung nach dem unverschämten Störenfried ab, der sich noch nicht mal, wie der Respekt es eigentlich fordert, bei seinem Anblick vor Angst in die Hose macht, sondern sich stattdessen anscheinend noch königlich über ihn amüsiert. Auf der Leinwand wird Rexi nicht fündig. Er wäre kein echter Tyrannosaurus Rex, wenn er etwa nun die Fahndung einstellen würde. Rasend vor Wut sichert er, den Kopf wendend, mit geblähten Nüstern erschreckend konzentriert in Richtung der Zuschauer. Sein drohender Blick heftet sich auf mich. Noch denke ich an nichts Böses, als dieses Biest plötzlich dem ihm zugedachten ´Lebensraum` kurzentschlossen den Rücken zukehrt, sich voll tonnenschwerer Angriffslust ruckzuck durch die äußerste Flimmerschicht beißt und wie mit Riesenmeilenstiefeln über die Stuhlreihen hinweg zielbewusst auf mich zusteuert. Der hat offensichtlich vor, mir, dem endlich ausgemachten Frevler, in den nächsten Sekunden an die Gurgel zu gehen.

Die Kinobesucher vor, neben sowie hinter mir stieben schreiend dem Ausgang zu und quetschten sich ins Freie. Allein ich klebe erstarrt am Sitz fest. Das Prusten ist mir längst vergangen. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen stiere ich das Monster an. Garantiert hat mein letztes Stündlein geschlagen. So jedenfalls glaube ich ...

Doch ich irre mich gewaltig. Rexi scheint mich wohl für eineen Zahndoktor zu halten, stoppt seinen Rachefeldzug, verharrt mit schief gelegtem Kopf, sperrt das riesige Maul auf und bläst mir, wie ich mir dann einbilde, den fauligen Atem gegen die Nase. Gezwungenermaßen betrachte ich entsetzt das furchtbare Gebiss, das leider ausgesprochen gesund zu sein scheint. Daran zu denken, wie es sein würde, von jenen Hauern zermalmt zu werden, erspare ich mir.

Rexi spricht mich an:
„Warst du das gerade?"
Lauernder Blick, drohende Stimmlage. Ich schlucke und die Stimme droht mir zu versagen. Leugnen hilft ja nicht mehr, ich bin ja schon entlarvt.
„Ja, abaa ich hab`s bestimmt nicht böse ... "
Halb ohnmächtig, verschwimmt mir alles vor den Augen. So sehe ich dessen Fratze nur noch wie durch einen Nebel. ´Schnapp endlich zu. Dann hab ich es wenigstens hinter mir!`
„Du Wurm wagst es, dich über mich lustig zu machen??“
Hoch aufgerichtet steht er dort, eine personifizierte Morddrohung. Fix sammele ich mein noch bestehendes Notfall-Mikro-Denkvermögen zusammen.
´Ich träume. Der ist doch schon seit Urzeiten tot!`
So einer wiederbelebten Staubwolke gegenüber verfliegt meine Furcht wie im Fluge. Ich werde kess:
“ Wurm? - Immerhin zähle ich zur Gattung Homo sapiens - falls Dir das etwas sagt?!“
Prompt guckt er ziemlich blöd aus den weit auseinander ragenden Knochen.
„Huah, grr!“, unternimmt er einen verlegenen Einschüchterungsversuch, der aber ins Aus verpufft. Rexi bleibt tatsächlich so stur wie ich und das sogar ohne Verstand. Sein Auge nähert sich bis auf wenige Zentimeter:
„H... dingsbums, ha, du bist gar nichts gegen mich, du Floh!“
´Floh? Was fällt diesem Klapperknaben eigentlich ein?`
„Immerhin bin ich 1,61m!“

Doch weil ich mit dieser Eröffnung garantiert zu viel des mathematischen Verständnisses bei dem unverständigen Super-Kraftpaket voraussetze, hänge ich beinahe versöhnlich eine präzise Erklärung an:
„Das sind 161cm und 1610 mm!“
Ich habe ihn richtig eingeschätzt. Nun guckt er regelrecht bekloppt aus der Wäsche und reagiert zu meinem Glück total falsch:
„Bist zu klein für mich, Du Fast-gar-nicht-Portion!“
Brüllt es, schaut mich mit dinosaurisch-snobistischer Miene an, ääh, fast eher über mich hinweg, vollführt eine vom Donnergetöse zersplitternder Sitze begleitete Kehrtwendung und trampelt zurück in den Film. In dem nimmt er seinen angestammten Platz auf dem Podest wieder ein und wartet stumm sowie unbeweglich wie vordem auf menschliche Bewunderer.

Erleichtert und sehr viel entspannter sitze ich auf meinem Platz.
„Wenn der wüsste, dass ich sogar ´nen halben Zentimeter größer bin, hätte er es sich vielleicht noch anders überlegt!“

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