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Die Welt der Menschen

Von tastifix Dienstag 11.02.2020, 13:54

In der Tropfsteinhöhle wurde es unruhig. Deckenstrahler tauchten die unterirdische Welt in ein fahles Licht, alles wirkte verwunschen. Aus verborgenen Lautsprechern trug eine Stimme Gedichte vor. Dazu spielte eine leise Melodie.

Karbo, der mit erst dreihundert Jahren noch sehr junge Stalagmit beobachtete aufgeregt die fremden Wesen, die sich in einer großen Gruppe seiner Höhlenkammer näherten und schließlich an der Absperrung davor stehen blieben.
„Wer sind sie?“
„Es sind Menschen. Sie kommen aus der Oberwelt.“
Die alte Säule neben ihm wurde auf einmal sehr ernst.
„O...Oberwelt??“
„Ja, dort ist alles völlig anders als hier.“
„Wie - anders?“
„Helligkeit und Dunkelheit wechseln sich ab, Still ist es nur selten und die Menschen führen ein unruhiges, anstrengendes Leben.“
Karbo war neugierig geworden.
´Was es dort wohl alles zu entdecken gibt ... ?`
Als ob die alte Säule seine Gedanken erraten hätte, seufzte sie:
„Uns jedoch ist es vorbestimmt, für immer hier zu stehen und zu wachsen. Mehr nicht.“
Traurig schwieg Karbo.

Da hörte er, wie sich die Menschenkinder unterhielten.
„Hier ist es so langweilig. Ich will lieber auf die Kirmes.“
„Au ja!“, meinte ein anderes Kind. „Dann fahren wir mit der Achterbahn!“
„Oder wir gehen zum Schwimmen!“, schlug ein drittes vor.
„Oder in den Zoo. Da war ich schon so lange nicht mehr.“
Plötzlich wünschte sich Karbo nichts sehnlicher, als die Welt der Menschen kennenzulernen.
„Ich will auch nach oben!“
„Es ist unmöglich!“, erklärte die Säule.
„Ich will aber!!“, quengelte Karbo zunehmend drängender.
Mittlerweile war die Führung zu Ende, die miteinander flüsternden Menschen stiegen die Treppen hinauf zurück in ihre helle Welt, die Lichter in der Höhle verloschen und es herrschten wieder Dunkelheit und Stille wie zuvor. Erschöpft schlummerte Karbo ein.

Ihn weckte die dunkle Stimme der ältesten Säule. Sie war mindestens schon dreitausend Jahre alt, sehr weise und es hieß, dass sie zaubern konnte.
„Karbo!“
„W..Was ist d..denn?“
„Ich hab ein großes Geschenk für dich. Du wirst die Menschenwelt besuchen!“
Sofort war Karbo hellwach.
„Aber, ich kann hier nicht weg, hast du doch gesagt.“
„Doch, du kannst es. Mach dich auf den Weg!“

Kaum hatte sie zu ende gesprochen, als Karbo ein starkes Kribbeln verspürte. Verunsichert sah er an sich herunter. Es wuchsen ihm tatsächlich Arme und Beine, wie sie die Menschen hatten. Zögerlich wedelte er mit den Armen in der Luft herum, trippelte zunehmend mutiger hin und her und strahlte.
„Und nun viel Glück!“, sagte die Säule.

Aufgeregt erklomm Karbo die Treppe nach oben. Draußen blendete es ihn.
„Die haben hier auch eine Lampe, die Sonne!“
Zuversichtlich machte sich der kleine Stalagmit auf den Weg in die Menschenwelt. Erschrocken ob des lärmenden Trubels in den Städten mied er diese, marschierte lieber über bunte Blumenwiesen, wogende Felder, durch die weiten Wälder und über die felsigen Berge.
Er lernte die Tiere und die wunderschöne Natur kennen. Schlimm dagegen bedrückte ihn das Traurige, Schlechte und Grausame in der Oberwelt, das Leid der Verletzten furchtbarer Kriege sowie das Elend verhungernder Kinder. Er beobachtete entsetzt die Menschen, wie sie sich gegenseitig quälten und niedermetzelten wie auch desgleichen die Tiere und alles um sie her ohne jedes Nachdenken immer weiter veränderten und zerstörten.
„Bald wird es hier keine tollen Wiesen, keine schönen Wälder und dann auch keine Menschen und Tiere mehr geben.“

Traurig und enttäuscht schaute er abends in den Himmel mit dessen unüberblickbarer Lichterschar, den Sternen. Überall ringsum herrschte nun Stille. Seine Sehnsucht nach daheim wuchs und wuchs.
„Wie zu hause! Ach, wenn ich doch wieder zurück wäre. Dort gibt es nichts Lautes und Böses.“
Ermüdet von all den Eindrücken schloss er die Augen.

Karbo schreckte hoch, sah sich einen Moment lang verwirrt um und fand sich an seinem an gestammten Platz in der Tropfsteinhöhle wieder. Neben ihm stand seine Freundin, die alte Säule.
„Uund?“, fragte sie.
„Nie wieder!“, antwortete Karbo. „Jetzt weiß ich erst, wie gut ich es hier habe!“
Die Säule lächelte weise.









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