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Der lange Aufstieg zum goldenen Gästebuch

Von MasterOne Donnerstag 18.06.2020, 10:38


Irgendwo in den östlichen Pyrenäen, bevor sie auf französischer Seite ins Mittelmeer hin abfallen, erhebt sich ein Berg mit einer besonderen Weihe. Ein breiter Fußweg zum Gipfel, gesäumt von merkwürdig unterschiedlichen Grabstätten, in denen nur selten Leichen begraben liegen.

Licht bewaldet, von sehr alten, knorrigen Kiefern, in denen unzählige Zikaden ihren kreischenden Gesang, betäubend laut und monoton, unaufhörlich über den ganzen Berg senden, bietet dieser Berg einen wilden Naturfriedhof der besonderen Art. Buchsbaumartige Gewächse, wilder duftender Lavendel, Thymian, hohe Lorbeerbüsche, Efeu und andere Pflanzen, für uns unbekannt, prägen diese mediterrane Berglandschaft.

Es ist heiß an diesem Nachmittag und nach etwa einer Stunde Fußmarsch zum Gipfel, wandern wir nur noch bedächtig mit entblößtem Oberkörper und schwitzen.

Es sah schon befremdend aus: Die Frauen in Unterwäsche-BH, ihre
Blusen übern Arm gehängt und wir Männer, knüllten unsere Hemden leger um den Bauch. Eine illustre Gesellschaft, bei einer nachmittäglichen Wanderung, von der nur unsere Gastgeber - Giselle und Mario - ahnten, was uns erwartet, oder noch bevorstand.

Dieser Berg ist ausschließlich zu Tode gekommenen Seeleuten gewidmet. Matrosen, Offiziere, Köche, ob sie tief auf dem Meeresgrund ruhen, verschollen sind oder in irgendeinem Hafen zu Tode kamen - gleichgültig ob Militär oder Zivil, auf diesem Berg wird ihnen christliches Gedenken zu teil. Eiserne oder steinerne Grabtafeln behüten ihre Namen und Schicksale, für die menschliche Ewigkeit. Und so mancher Künstler, hat im Laufe der Zeit, in diesen Bergfels eine Skulptur gemeißelt - eine betende Madonna, ein segnender Christus, weinende Engel, oder ganz weltliche Motive - die diesen außergewöhnlichen Friedhof allmählich zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk werden ließ.
Man muß hier wissen, daß viele Nordfranzosen, vor allem die Bewohner großer Städte wie Paris, Lyon usw., in den Sommermonaten wie Heuschrecken in den bergigen Süden, dem "Languedoc" und „Roussillon“ oder wie wir es bezeichneten, "dem bayerischen Frankreich" einfallen. Und seltsamer Weise, mögen die "bayerischen Franzosen" die „preußischen Franzosen“ so ganz und gar nicht. Eine vermutliche Konsequenz, aus der Zeit als Kreuzritter - des damaligen Papstes in Avignon - aus dem Norden, mit ihren spanischen verbündeten aus dem Süden gemeinsam, diesem Land und Volk - eine blutige Apokalypse bescherten und dabei nicht mal, gegenüber Kinder oder Haustiere, christliches Erbarmen fanden. Ein Ethnischer Garaus eines Bergvolkes mit einer eigenen Sprache, eigener Religion und Kultur. Das hat man hier scheinbar bis heute nicht vergessen, und macht ihnen daher, in ihrer südlichen Urlaubsidylle, das Leben mächtig schwer. "Touriste", ist in diesem Teil Frankreichs eine Beleidigung und ich erinnere mich, wie die Südfranzosen aus Wut über die bevorstehende Sommer-Invasion, sämtlich Autobahnschilder und Wegweiser, in einer Nachtaktion mit grauer Farbe, blind gepinselt haben.

Doch da gibt es - mehr als bei uns - begabte Künstler, welche in den
Invasionsmonaten ebenfalls den Süden bevölkern, unterwegs sich ihren Lebensunterhalt dort zu verdienen, wo alle sind; mit phantastischer Straßenmalerei - ihrem einnehmenden Charme, die peripheren Transvestiten-Bühnen zu bereichern, aber nicht als Solokünstler auftreten, sondern immer als Ensemble-Mitglied. Denn hier unten sind ja auch die meisten von ihnen beheimatet.

Und so kommt es, daß sich manche Künstler, mit anderen Qualitäten, auf
solch einem Friedhof ihr eigenes, figürliches Denkmal setzen und sozusagen ihr Gesellenstück hinterlassen. Skulpturen für namenlose Seeleute, Gräber die noch keine sind, oder diesem Berg mit ihrer Kunst noch mehr Erhabenheit verleihen. Dieser Berg genießt wahrlich außergewöhnliche Attraktivität, wird auch als Geheimtipp geschätzt, dennoch begegneten wir in diesen frühen Septembertagen keiner Menschenseele.

Mario nimmt mich am Arm, zeigt stumm mit seiner Rechten, zwischen Baumwipfeln hindurch, auf den Gipfel unserer Wanderung, wo eine klitze kleine Kapelle zu entdecken war. Jetzt wußten wir, was uns noch bevor stand. Also, mit Kaffeetrinken zu Hause oder irgendwo anders, war an diesem Nachmittag keine Hoffnung mehr zu nähren. Aber mehr noch sehnte ich mich nach einem erfrischenden Hechtsprung ins tiefblaue Mittelmeer, doch auch dieses Vergnügen war zunächst unerreichbar. Wir befanden uns nämlich praktisch auf einer Wallfahrt.

Die Betrachtung der Grabmähler wurde immer oberflächlicher, unser Blick nur noch aufs wesentliche gerichtet, dem steilen Anstieg, Kräfte zu sparen und da in dieser Höhe schon bald keine Bäume mehr wachsen, war uns auch kein Schatten gnädig.

Somit schleppten wir uns wortkarg, schweißtriefend und luftringend durch die Windstille, die das eigene Keuchen hörbar machte - wie ein Fisch den man aus dem Wasser geworfen hat - weiter nach oben, ohne darüber nachzudenken, wohin unsere Gastgeber und Weg uns führten und vor allem warum?

Als die letzte Bergkante überwunden war, eröffnete das Gipfelplateau einen einmaligen Weitblick über das gesamte Vorgebirge, mit all seinen Burg- und Schlossruinen - und wer die historische Vorgeschichte dieser Region kennt, verharrt hier betroffen, in stillem Angedenken.

Da war auch diese kleine Kapelle wieder, die aber jetzt gar nicht mehr so klein war und Giselle und Mario bestanden darauf, gemeinsam mit uns, dorthinein zu gehen. Nein, so verschwitzt und ohne Hemd wollte ich nicht. Auch meine Frau und meine Tochter Renate wehrten sich und sahen diese Absicht als Sakrileg, hier wie ein "Touriste" die Würde dieses Gotteshauses zu beschädigen.

"Ca fait rien", meinte Giselle leicht erregt, zog ihre leichte Seidenbluse wieder an und ging gleichgültig, als wäre schon alles so vereinbart, langsam – ohne sich weiter umzudrehen - voraus in die Kirche. Und in der Tat, liegen die mediterranen Empfindlichkeiten bei weitem nicht so eng, wie wir das in Bayern gewohnt waren.

So also schleppte uns der gute Mario in seiner Autorität eines Gastgebers sowie der Gewandtheit seiner Gestik - denn mit der Sprache klappte es nicht so recht - in diese Bergkirche, wo auch sogleich ein kolossaler Geistlicher, in naturweißer Mönchskutte und weit offenen Armen uns entgegen kam und begrüßte. Giselle, die am Eingang auf uns wartete, schloß sich uns wieder an, flüsterte mit Mario und diesem Hünen von Gottesdiener - welcher nach Art seines Ordens, artig seine Hände in den Ärmeln verbarg - vermutlich über unsere Herkunft.

Von Sonne geblendet sah ich erst mal gar nichts. Dunkelheit umfing uns und es roch nach Wachs, so wie Weihnachten, wenn die Kerzen auf dem Christbaum ausgeblasen wurden. Allmählich dann erkannte ich in diesem Haus der Andacht und inneren Einkehr, da und dort brennende Kerzen, wo sie von Nöten. Ein kleines buntes Giebelfenster, nicht größer als ein Blatt Papier, über einem niedlichen Altar, sollte Licht spenden, doch es reichte gerade dieses Fensterchen selbst, zu erhellen. Wir, meine Familie, drängten uns ein wenig abseits, schämten uns, weil wir nicht vernünftig angezogen waren und kein Geld für Opferstock dabei hatten, der hier eine Opferschale war. Denn das sollten wir in weiser Voraussicht alles im Auto lassen.

Plötzlich kam dieser gut zwei Meter große Kirchenhirte mit seinem weiten Ordenskleid, welches mit einem dicken Seil seine Nacktheit verhüllte, auf uns zu und redete leise und ruhig auf uns ein. Die beiden Rossas, also Giselle und Mario, wussten dass wir kein Wort verstanden, traten dazu und taten es ebenfalls, als ob deren Französisch, deutscher zu sein wäre, dabei schoben sie uns langsam den Mittelgang nach vorne zum Altar. Doch dies war offensichtlich nicht deren Ziel und da half auch mein stilles Dankesgebet nichts, was meine Frau und Tochter mir gleich taten.

Abseits, rechts vom Altar, war nämlich ein kleines, zierliches Tischchen mit weißem Spitzendeckchen, um das sich bereits unsere französischen Freunde mit diesem weißen Priester, der schon wieder seine Hände in den Ärmeln versteckt hatte, reihten.

Mein Gott wie peinlich, da warten die Menschen auf uns, als wären wir
hochgestellte Persönlichkeiten und wir, wir „bummeln“ da brav gläubig vor dem Altar rum.

Zwei brennende Kerzen auf diesem Tisch beleuchteten nur fahl, was zwischendrin einladend auf einem kleinen Pult, zur Verewigung aufforderte, nicht weniger als ein goldenes Gästebuch!!!

Schnell trat ich ein, zwei Schritte zurück - oh nein - nicht ich - unmöglich, das kann ich nicht - habe ich noch nie gemacht und dieses wird auch nicht das berühmte "erste mal" sein. Ich war müde, leicht erschöpft und wahrlich nicht in kreativer Stimmung. Giselle redete auf mich ein, Mario redete auf mich ein, sie gestikulierten, blätterten ehrfurchtsvoll in den Seiten und der stramme Hochwürden mit seinen Armen in den weiten Ärmeln, stand mit ernstem Blick hinter diesem Tisch wie ein Fels gewordener Zerberus.

Viele namhafte Einträge waren da zu lesen, aus Hochadel, auch Päpste und Bischöfe - Berühmtheiten aus Politik, Sport und Bühne, und an zwei Persönlichkeiten kann ich mich sogar noch gesichert erinnern, Franz Joseph Strauß, unser damaliger Ministerpräsident und Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer.

Ich wurde immer ehrfürchtiger, auch obwohl wir zum Fußballer-Franz praktisch fast Nachbarn waren. Außerdem fiel mir überhaupt nichts vernünftiges ein, was ich da hineinschreiben könnte und ich schwitzte noch immer derart, so daß ich Sorge hatte, dieses wertvolle Buch mit meinem Handschweiß zu versauen.

Das war dann auch meine letzte Ausrede. Ich zeigte dem Mario meinen triefenden Arm, der im Kerzenschein glänzte, glaubte zu überzeugen, ihn zu überreden - der meinte jedoch lakonisch, er schwitze ja auch, nahm meinen Arm und wischte mit seiner Hand meinem feuchten Arm entlang, daß es richtig peinlich wurde, aber in diesem Land haben die Menschen zu solch natürlichen Dingen ein unkompliziertes Verhältnis. Ich sah meine Frau an, dann meine damals 14jährige Tochter, die wohl meinen Seelenkrampf noch am ehesten bedauerte und dann schrieb ich: Als ginge es um mein Leben - ungeachtet aller Widrigkeiten, schwächelnder Muskeln, krikselnder Handschrift, nimmer versiegendem Schweiß und der mahnenden Mimik eines gehärteten Gebirgsmissionars.

Der spontane Eintrag war im nachhinein betrachtet, nicht einmal schlecht. Da muß wohl ein hilfreicher Engel meine Hand geführt haben. Ich bedankte mich darin bei Gott und meinen Gastgebern, weil sie uns hierher geführt haben - und daß wir so gute Freunde geworden sind. Klar - war die Seite anschließend unter meiner Handkante feucht, ja schon transparent geworden und hatte einen großen, dunklen Schweißfleck. Doch der Padre nahm zufrieden seine Hände aus den Ärmeln, blätterte ungeniert weiter und legte das goldene Lesezeichen in die nächste Seite. Dann trat er hinter dem Tischchen hervor - und mit tiefer Verbeugung, leisen Worten des Dankes, gab er uns zum Abschied seinen Segen und gute Wünsche mit auf unseren Weg.


Wasserburg, im Sommer 2004

Rolf A. BECK

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