Der Gartentisch, der vorüber flog und verschwand
Von
tastifix
Samstag 30.09.2023, 11:36
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tastifix
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Schon seit Wochen war es unerträglich schwül und immer noch kein Gewitter in Sicht.
"Wenn das noch länger so bleibt, werd ich bekloppt!", stöhnte Michaela.
Aber zum Glück zeigten sich dafür bislang noch kein Anzeichen. .
Ein paar Tage darauf betrachtete Michaela wieder mal den Himmel, der zunehmend von einer schweren, blauschwarzen Wolkendecke verhüllt wurde. Ein beklemmendes Gefühl beschlich sie, denn was sich dort oben ankündigte, wirkte äußerst bedrohlich. Es war erst früher Abend, doch draußen plötzlich stockfinster, so, wie man es selbst in tiefer Nacht nicht oft erlebt.
"Weltuntergang!", durchfuhr es Michaela gerade, als der erste Blitz aufleuchtete. Einen solchen Zickzack-Blitz hatte sie noch nie gesehen. Senkrecht niederfahrend schien er den Himmel in zwei Hälften zu spalten. Ihm folgte ein dröhnender Donner, der fast das Haus erzittern ließ.
„Oje, direkt über uns!"
Michaela gruselte es und doch vermochte sie den Blick nicht von dem beinahe höllischen Schauspiel abzuwenden.
Diesem ersten Blitz folgte der nächste, dann der übernächste. Es toste in einem fort. Gespenstisch sah es aus, das urplötzlich aufflammende grelle Licht im Todesdunkel. Wind kam auf, wurde zum Sturm und wuchs an zum Orkan. Die Schleusen des Himmels öffneten sich und wahre Sturzfluten ergossen sich zur Erde. Im unheimlichen Licht der Blitze verwandelte der Orkan die sich unter ihm ächzend knarrend biegenden Bäume in mystische Schattenwesen. Sie schienen grausame Fratzen zu tragen und mit ihren weit ausladenden Zweigarmen nach allem Umstehenden und Umliegenden zu greifen. Doch noch fühlte sich Michaela m Haus geschützt. Jene Wesen der Unbezähmbarkeit würden ihr nichts anhaben.
Weiterhin wütete das Unwetter in unverminderter Wildheit. Zäune barsten, Sträucher wurden aus dem aufgewühlten Erdreich entwurzelt und umher geschleudert oder knallten gegeneinander. Vom Nachbarhaus löste sich ein erster Dachziegel und krachte zu Boden. Steine polterten gegen die Hauswand und der Regen peitschte die Dachfenster.
„Oh nein, der Garten!"
Verstört wandte sie sich vom Fenster ab. Doch ihre wirblenden Gedanken konnte sie nicht bezwingen, quälten sie mit einem Albtraum ...
In Gummistiefeln stand sie an der Terrassentür, schaute auf ein Chaos der Zrstörung, kehrte geschockt um und lief auf wackelndenin Beinen in die Diele. Im selben Moment drang ein schriller Schrei zu ihr. Besorgt stieg Michaela ins Zimmer ihrer Tochter hinauf. Das Mädchen stand vor der breiten Fensterfront, blass vor Entsetzen nach draußen starrend.
„Jetzt ists soweit. Ich dreh durch!!"
Michaela schaute auf ein langgestrecktes grauschwarzes Etwas. Vom Sturm geschoben, flog es langsam vorüber. Ein Blitz erhellte es. Die Umrisse verrieten das Etwas als den den Beiden so sehr vertrauten Gartentisch. Die breiten Seitenplatten waren wie zwei Flügel ausgeklappt und Böen trieben ihn vorwärts, Zentimeter für Zentimeter.
Michaela und ihre Tochter sahen hilflos zu, wie der Tisch dabei immer höher stieg, bis er schließlich vom unheimlichen Schwarz der Wolkentürme verschluckt wurde.
„Mamaa?", kam zweifelnd.
„Ja, mein Kind!", antwortete Michaela fast tonlos bestätigend.
Mehr der Worte benötigte es nicht. Ja, die Fantasie spielte ihnen ein schlimmes Horrorszenarium vor.
In ihrer Vorstellung überquerte der Gartentisch abgedeckte Häuser und verwüstete Gärten. Überall sah es aus wie nach einem Krieg, kaum mehr etwas wie vor diesem Jahrhundert-Unwetter. Aber nach einer Weile änderte sich etwas. Die Blitze wurden seltener, die Donner leiser und der Sturm verlor an Kraft, Er trug den Gartentisch nicht länger. Jener sank ständig schneller, bis er letztendlich in irrem Tempo mit einem fürchterlichen Knall irgendwo auf krachte. Seine Platten brachen aus den Halterungen, wurden durch die Wucht des Aufpralls umher geschleudert. Von dem einstmals so hübschen Gartentisch blieben nichts als hässliche Bruchstücke zurück.
Michaela schreckte auf aus jenem fruchtbaren Tagtraum. Noch halb benommen stand sie dort ind blinzelte nach draußen. Das Unwetter hatte sich verzogen und die Sonne schickte erneut wärmende Strahlen zur Erde. Prüfend ließ Michaela den Bick über Haus und Garten streifen. Ihr Heim war verschont geblieben, bis auf zwei lange abgeknickte Bambuswedel präsentierte sich ihr kleines grünes Paradies in gewohnter Schönheit und der hübsche Gartentisch schmückte wie eh und je unversehrt die Terrasse.
Aber in Michaelas Erinnerung an diesen Albtraum blieb er der einzige Gartentisch, der jemals an einem Fenster vorbei geflogen und dann verschwunden war ...