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Das blaue Licht

Von ehemaliges Mitglied Samstag 12.05.2018, 13:01

Das blaue Licht

Jeden Tag ging Aline oben auf der Straße an diesem traurig verlassenen Fenster vorbei, aus dem seit einiger Zeit ein blaues Licht irisierend schimmerte. Ein eisernes Gitter verschloss die Treppe, die hinunter ins Souterrain des Hauses und zu diesem Fenster führte. Oftmals dachte sie, sie müsse da hinunter steigen und erkunden, wozu das Licht leuchtete. Aber eine unbestimmte Angst hielt sie zurück, denn man hatte ihr gesagt, da habe ein junger Mann gelebt, der sich in der Talsperre ertränkt hätte und nie gefunden worden sei.

Aline ging die Straße weiter hinunter bis zum Stallgelände, jeden Tag etwas verträumter, schloss das Melkhaus auf und setzte den Kaffeetopf auf den Herd. Erst dann weckte sie den Schweizer und dieser trommelte die Melkjungen zusammen.

Es wurde Herbst, die Morgen dunkler und kühler, und das blaue Licht erhielt für Aline eine größere Anziehungskraft. Wenn sie jetzt an den frühen Abenden zurück und an dem verlassenen Fenster vorbei kam, schien es ihr, als würde das blaue Licht einen unergründlicheren Schein versprühen und ihr geheimnisvollere Zeichen senden, so, als sei sie es, für die diese seltsame Bläue verschwendet wurde.

Das Jahr ging dahin, der Winter auch und langsam stieg die Sonne wieder höher in das Blaue des Himmels und für Aline schien es, als würde das merkwürdige Licht allmählich verblassen.

Mit dem beginnenden Sommer nahm sie ihre Spaziergänge nach dem Morgenmelken, wenn die Kuhherden in die weiten Bergwiesen hinaus getrieben wurden, wieder auf und stieg zum Bergbach hinab, der zwischen Erlen und Bergahorn dahin zog und das Sonnenlicht blitzend zurückwarf. Eine gewisse Unrast zog sie am Bach entlang, der sich in den Vorfluter der Talsperre ergoss.

Mit den Hundstagen kam die Hitze auch hier ins Tal und Aline ließ sich so manches mal vom Bach in den Vorfluter treiben und genoss das träge Wasser, dass das verblassende Licht der Sonne in der Tageshelle merkwürdig fahl zurückwarf und in ihr eine sorglose Weitsicht entfachte, die sie immer weiter hinein in die tieferen Wasser treiben ließ. Unbewusst stiegen so manches Mal die Umrisse des gefluteten und versunkenen Dorfes aus den Wassern in ihren Gedanken empor und es kam vor, dass sie glaubte, den Ton der Kirchturmglocke zu hören, was ja nicht sein konnte, wie sie wusste, denn diese Glocke hing oben im Ort am Gedenkstein.

Von Tag zu Tag dehnte sie ihren Badegenuss aus und kam später und später nach Hause und das blaue Licht in dem einsamen Fenster zerstreute sich mehr und mehr.

Und je mehr das Licht verblasste, desto tiefer und tiefer tauchte Aline in das vergessene Dorf hinab und ließ sich treiben, oder ziehen, bis sie mit ihren Händen das weiche Bett aus Sand erspürte, das schon lange den blauen Schein um sie gewoben hatte, wie eine Spinne um ihr seltsames Opfer.

Und wieder wurde es Herbst und Winter, und irgendwann zeigte sich das Frühjahr und der Sommer würde kommen.

Nur Aline blieb verschwunden. Tag um Tag suchte man sie, Woche um Woche.
Ihre Wohnung war oed und kalt und Staub begann, einen feinen Hauch auf allem zu hinterlassen.
Manchmal läutete die alte Kirchenglocke, aber niemand schien das zu hören und noch weniger, an Aline dabei zu denken.
Die eiserne Gittertür war längst vom Efeu überwuchert und von dem einsamen Fenster da unten wusste niemand mehr.

Dann aber kam die große Flut.

Beim Aufräumen barg man aus dem gewissen Souterrain ein Bett aus Sand mit einem wie in einer bläulichen Aura liegenden Paar, das sich eng umschlungen hielt.
Als man sie beerdigte, hörten die Dorfbewohner mit Verwunderung die alte Glocke läuten, die auf dem Gedenkstein für das versunkene Dorf aufgehängt war...

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