Zu spät …
Von
Salzbaron
Samstag 17.08.2024, 15:56
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Salzbaron
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Offensichtlich macht es den meisten Leutchen hier im Seminar Spaß, zu spät zu kommen. Ich rege mich innerlich auf, nach außen gebe ich mich gelassen, weil ich nicht als Spießer gelten will. Ich gehöre nicht zur Fraktion jener Künstler, die so präzise abschätzen können, wie spät man zu spät kommen kann, ohne in die Riege der notorischen Zuspätkommenden eingereiht zu werden. Dann posaune ich mein Credo doch noch heraus: „Ich komme pünktlich – oder gar nicht!“
Ein paar Teilnehmer geben mir recht, andere nicken zustimmend, bei den Zuspätkommenden ist meine Maxime natürlich nur schwer aufrecht zu halten. Die Stimmung ist jedenfalls im Eimer. Wie soll ich jetzt aus dieser Nummer schadlos herauskommen? Zum Glück gibt der Seminarleiter den heutigen Themenimpuls bekannt: „Zufallstreffen”.
Wir haben 90 Minuten Zeit aus dieser Vorgabe eine veritable Geschichte zu bauen. Meine Spezialität sind True-Storys, mit Fiktion tue ich mir schwer. Also reiße ich mich am Riemen und verlier mich wieder einmal in alten Zeiten. Mir fällt eine passende Story ein, die ich noch nie erzählt und auch nicht aufgeschrieben habe. Ich denke, dass ich damit bei der nachfolgenden Feedback-Runde reüssieren kann und man mir mein kleinliches Denken nachsieht.
Titel: ELFRIEDE
Es ist schon ein paar Jahre her, es war die Zeit, in der ich dem Trunke nicht abgeneigt war und zuweilen gewaltig über die Stränge schlug. Da traf ich zufällig Elfriede, eine alte Bekannte. Wir hatten früher einmal ein Gspusi – ein schlampiges Verhältnis. Weil wir grade nicht Zeit hatten, aber trotzdem an das Gleiche dachten, beschlossen wir quasi im Vorübergehen – dass wir uns demnächst bei einem Gläschen an alte Zeiten erinnern sollten … Ein Rendezvous war schnell ausgemacht: Freitag um 15 Uhr im Bajazzo, dem Theatercafé, wollten wir uns treffen. Wie gesagt, es war die Zeit, in der ich den lockeren Umgang mit geistigen Freudestiftern pflegte. Da war es normal, dass ich so ein freudiges Ereignis dementsprechend begießen musste.
Freitag, 15 Uhr, ich war pünktlich. Und wartete auf Elfriede, aber sie kam nicht. Die Barfrau hatte mich die ganze Zeit beobachtet und gesehen, dass ich alle fünf Minuten auf die Uhr und zur Tür schielte und seufzend einen weiteren Drink bestellte. Nach einer Stunde fragte sie: „Warten Sie auf jemand?“ Ich antwortete: „Ja, auf Elfriede, sieht so aus, als würde sie nicht mehr kommen.“ Ein schallender Lacher aus dem Mund der Barfrau ließ mich ziemlich blöd aus der Wäsche schauen.
„Was ist so witzig an mir?”, fragte ich.
Sie hörte auf zu lachen, beugte sich zu über den Tresen und sagte: „Sie sind der Witz der Woche. Elfriede saß am vorigen Freitag genau hier wo Sie jetzt sitzen, sie hielt es nicht so lange aus wie Sie, verließ ziemlich wütend nach einer halben Stunde das Lokal. Sie war stinksauer auf einen Freund, der sie anscheinend versetzt hatte.”
Verdammte Sauferei, dachte ich, zahlte und ging. Ich hatte begriffen, dass ich um genau eine Woche zu spät gekommen war.
© text by suffade
© photo by unsplash