Zimmer ELF
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Pinnacle
Donnerstag 16.04.2020, 09:30
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Zimmer ELF
Joa Bosch ©BJS
Es war eines der kleinen, schäbigen Hotels im Bahnhofsviertel einer grauen Industriestadt, in dem nur gescheiterte Existenzen in billigster Langzeitmiete auf eine nie kommende Chance warteten.
Fenster schauten blind aus der abblätternden Fassade, von der Neonreklame blinkten nur noch Fragmente und durch das finstere Treppenhaus zog ein schaler Geruch von ranzigem Bohnerwachs vermischt mit kaltem Rauch billiger Zigaretten und abgestandenen Essensresten. Nur eine nackte Glühbirne hing über der Rezeption und beleuchtete schummrig den Eingangsbereich. Dahinter saß der Nachtportier, ein alter Griesgram, der schon so manches Elend hier stranden sah.
Und er blickte erst gar nicht auf, als der hinkende Fremde eintrat, sondern murmelte ihm nur ein: „alles belegt“ zu. Der Ankömmling, der einen sehr markanten Dufflecoat trug, stellte eine große Sporttasche neben sich, nahm den Hut ab, wischte sich Schweiß von der Stirn und legte eine größere Banknote auf den Tresen, die in etwa dem Monatsgehalt des Portiers entsprach. Dabei flüsterte er: „nur eine Nacht und ohne Formalitäten“. Gierig griff der Alte mit seiner Klaue nach dem Geld, denn er wusste, dass der größte Anteil in seiner Tasche landen würde. „Momentemal, mach gleich Zimmer 11 frei, das liegt ganz ruhig zur Hinterhofgasse und dauert nur ne Sekunde“ raunte er verschwörerisch und verschwand in dem dunklen Flur.
Der Hinkende hörte kurz darauf einen lauten Disput mit einer keifenden Frau und das Schlagen von klapprigen Türen. Listig lächelnd erschien der Portier wieder und lud den neuen Gast mit linkischen Verbeugungen zum Betreten von Zimmer 11 auf. Nervös blickte der Mann um sich, nahm den Hut, packte die Sporttasche, hinkte in seine Bleibe und flüsterte dem Alten zu: „um sechs Uhr wecken“. Dabei zog er eine dünne Blutspur hinter sich her, die aus einem seiner Hosenbeine rann.
Als die Tür sich hinter dem Hinkenden schloss, zählte der Alte 1 und 1 zusammen, wischte den Boden auf und dachte: „halt dich da raus, sonst ist dein schönes Geld futsch“. Er hockte sich auf seinen abgewetzten Stuhl, schaltete den kleinen Monitor ein und schaute den üblichen Müll im Fernsehen an.
Der Fremde nahm den Hut ab, zog den Mantel aus, ging zu dem Waschtisch, öffnete sein blutverschmiertes Hemd, presste ein Handtuch in die offene Wunde und spuckte dabei schmerzverzerrt Blut in das Becken.
Die Killer waren ihm schon sehr dicht auf den Fersen gewesen, und bei dem letzten Schusswechsel hinter dem einsamen Rangierbahnhof bekam er diesen verfluchten Schuss in die Brust ab. Jetzt war er erst mal hier in Sicherheit. Glaubte er. Aber die Verfolger wussten, dass er sich in dieser Absteige verkrochen hatte, nur nicht in welchem Zimmer. Das Syndikat hatte befohlen bei nächster Gelegenheit die Sache ohne großes Aufsehen zu regeln; das unterschlagene Drogengeld zurück zu holen und den geflüchteten Kassierer zu erledigen. Zwei Teams parkten ihre Autos unauffällig vor und hinter dem Hotel. Sie wollten die Nacht und eine günstige Gelegenheit für ihr Tun abwarten.
Vom Schüttelfrost geplagt packte der Schwerverletzte seine persönlichen Sachen, den Ausweis und die Pistole zu dem Geld in die Sporttasche, legte sich auf das zerknüllte und schmutzige Bett, hielt sich krampfhaft an der Tasche fest und schlief sofort erschöpft ein.
Am frühen Morgen, kurz vor dem Schichtwechsel, kam der Portier dem Auftrag nach, klopfte an Zimmer 11 mehrmals an, und als sich nichts rührte öffnete er mit seinem Hauptschlüssel die Tür, machte Licht und trat vorsichtig ein. Als erstes sah er den befremdlichen Mantel und den Hut neben der Tür an einem Haken hängen. Der Fremde selbst lag angekleidet, mit blutverschmiertem Hemd und Hose auf dem Bett, die Sporttasche fest umklammert und die Augen blickten starr zur Decke. „Hast wohl ausgehinkt“ sagte er zu dem Toten, öffnete mit großer Anstrengung die Finger des Leichnams und nahm die Sporttasche an sich. Gierig öffnete er den Verschluss, sah die Pistole, ein paar Papiere und die Hauptsache, das viele Geld. Sein Geld !
Und er wollte es sogleich zählen. In diesem Moment hörte er die Hotel-Besitzerin, die ihn ablösen wollte, laut und ungeduldig nach ihm rufen. Er musste jetzt eine Entscheidung treffen.
Mit der fremden Sporttasche konnte er zur Rezeption nicht zurück und der Chefin damit unter die Augen treten. Das Geld wollte er bei dem Toten auch nicht lassen und nach draußen vor das Fenster stellen war ihm zu riskant. Panikartig blickte er sich im Zimmer um und suchte nach einem Ausweg. Da sah er den markanten Mantel und den Hut des Toten. Ja, jetzt, für immer und ewig mit dem Geld verschwinden, das ist die Lösung, dachte er glücklich. Hastig zog er den Dufflecoat an, setzte den Hut auf, nahm die Tasche, öffnete das ebenerdige Fenster und stieg über die Brüstung in die schmutzige und unbeleuchtete Gasse. Ohne sich umzublicken eilte er davon.
Kurz vor der Einmündung zur Hauptstrasse traf ihn die lautlose Kugel
direkt in den Hinterkopf. Der Alte fiel erst auf die Knie und dann langsam vornüber in eine Pfütze. Das letzte was er sah, war sein entsetztes Spiegelbild, das ihn im Fallen aus der schillernden Wasserlache entgegenblickte.
Der Killer schraubte den Schalldämpfer von seiner Pistole ab, ging langsam zu dem Toten und sprach dabei: „Charly, Charly, das war heute nicht dein Tag“. Er drehte den Toten um, blickte in das fratzenartig verzogene Gesicht, nahm sichtlich irritiert die Tasche auf, überzeugte sich von ihrem Inhalt und stieg in das wartende Auto.
Als der Wagen davon fuhr sagte der Killer zu dem Fahrer: „Sachen gibt’s, Wahnsinn, Charly muss heute Nacht vor lauter Angst um 100 Jahre gealtert sein“.
Die Kripo konnte sich auf das Ganze keinen Reim machen. Der eine unbekannte Tote lag verblutet im Zimmer 11, der tote Portier mit einem Kopfschuss, in einen fremdartigen Mantel gehüllt und einer großen Banknote in der Hosentasche, hinten in der Gasse. Beide Toten starben durch das gleiche Kaliber und wurden nach der Autopsie zusammen in einem anonymen Grab bestattet. Und die Hotelbesitzerin hängte ein Schild raus:
„Nachtportier gesucht“.