YOUNGSTERR
Von
Pinnacle
Dienstag 07.04.2020, 09:11
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Pinnacle
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Joungster
Joa Bosch©BJS
Die gegelten Finger glitschten und flutschten klibbrig so lange durch mein tiefschwarz gefärbtes Haar bis das Spiegelbild mir ein eitles Lächeln mit blenden weißen Zähnen zeigt.
Nein, heute war kein besonderer Tag. Einer wie immer. Mache meine gleichen Rituale wie zig Tage zuvor auch. Letzter Blick im Garderobespiegel – alles OK!
Die genietete Lederhose, pechschwarz wie mein Haar, saß passgenau. KangaRoo-Stiefelletten, deren Absatz ich bei „Mr. Mint“ habe höher machen lassen, schloss die untere Präsentation perfekt ab. Zufrieden wandert mein Blickt vom Gürtel, der ebenfalls genietet ist, bis hinauf in die allerletzte Haarspitze. Die Pracht des Diamant-Ohrringes ergänzt das dazu passende Titan-Nasengeschmeide wirkungsvoll.
Ja, selbst die massive Halskette aus Gold, harmoniert mit dem silberfarbigen T-Shirt, auf dem die Rolling-Stone-Zunge lustvoll leckt. Natürlich hat das Shirt einen so tiefen V-Ausschnitt, damit die tätowierte Dornenranke, die meine Hals umschlingt, auch schön sichtbar ist.
Ebenso passt dazu die in Altöl patinierte Motorjacke, aus den 30er Jahren, mit grinsendem Totenkopf auf dem Rücken. Jetzt Kopfhörer übergestülpt, NY-Baseballkappe ebenso und das übergroße Smartphon mit einer Fahrradketten-Imitation am Gürtel befestigt - Ich war perfekt gestylt!
Knopf auf ON und „Whol Lotta Love“ von Led Zeppelin dröhnt mit tiefen Bässen und den Urschreien vom bandleader Robert Plant so gewaltig durch das seitliche Kopfhaar, dass sich meine Schläfen im Takt hoben und senkten.
Wahnfried, der Allzeit-Begleiter in meinem Kopf, schreit:
"Gib mir drei: Geil, Genial, Gigantisch“!
Als ich wohlgemut pfeifend die Wohnung verlasse, geschieht das, was in diesem Augenblick immer geschah. Die gegenüberliegende Wohnungstür öffnet sich und im wattierten Blümchen-Morgenmantel lächelt mich mit aufgespritzten Schmollmund die alte Witwe Schauermann lasziv an.
Huch – nix wie weg! Hastig eile ich die Treppen hinunter und mach mich aus dem Staub.
Mein Ziel ist wie immer das Einkaufszentrum. Auf den Weg dorthin erinnert mich Wahnfried giftig: JA, ich bin ein alleinstehender und eigentümlicher Mann, der nicht allzu viele Freunde hat. Genau gesagt: keine in meinem Alter. Freundin oder Bekannte? JA, hatte ich. Ein Stockweck tiefer, wohnte früher ebenfalls eine Witwe, die alte Frau Grollmus, mit der ich mal im Suff ein Techtelmechtel hatte. Unglücklich darüber, dass ich keine festeren Absichten zeigte, war sie verstorben.
Und NEIN, ich will, kann und muss nicht arbeiten. Mein gesichertes Einkommen garantiert eine zufriedenstellend Existenz. Darüber hinaus folgen mir bei Facebook in dem Blogg "FOREVER YOUNGSTER", 1000ende neugieriggeiler Follower und bringen mir noch ein schönes Sümmchen ein.
Noch eine Querstraße, dann bin ich in meinem geliebten Konsumtempel. Die Menschen, die mein Qutfit Kopf schüttelnd oder grinsend mustern sind mir Scheißegal. Wahnfried schreit in mir: „Ihr Arschlöscher – ICH bin ICH“!
Beim ALDI schnell noch ein Sixpack RED BULL gekauft, lässig geschultert und hüftschwingend, die vielen offenen Mäuler hinter mir lassend, tänzle ich beschwingt mit Led Zeppelin weiter. Youngster sein ist einfach herrlich!
Endlich, bei „Da Luigi“, meinem Stammlokal angekommen, setze ich mich an mein dauerreserviertes Alu-Tischchen, das sich natürlich in erster Reihe befindet. Hier, in der Basement-Passage, kann ich die fleischgewordene Masse des Kundengewusels ( meist graugesichtige Rentner, grau in grau gekleidet, einfach grauenhaft! ) ausgiebig Beobachten, Kritisieren und über den einen oder anderen auch Lästern. Und da gab es so Einiges!
Luigi stellt mir wie immer einen „Hugo“ hin und sagt: „Bruder, cool schaust heute aus.“ Als ich gerade den ersten Schluck nehmen will, steuert zielgerecht ein junger Mann auf mich zu, pflanzte sich neben mich hin und sagt: „Alter so langsam machst du mir große Sorgen.“
Bedächtig zieh ich mir einen Joint aus der NY-Kappe, zünde ihn an, schieb mir die „Schluppe“ in den rechten Mundwinkel und mustere den Typen gelangweilt.
„Opa, jetzt reicht es aber“ schreit mein 25-jährigen Enkelsohn Kevin, und weiter: „Du hast gerade beim ALDI einer jungen Frau auf den Po geklatscht.“
Bevor ich was sagen kann, mault Wahnfried: „Was will das Zigarettenbürscherl eigentlich? Das muss doch erst mal da hin riechen, wo du schon 75 Jahre lang hin gefurzt hast.“
Ja, das stimmt, als Großvater habe ich schon Vieles erlebt!
Ach, da fiel mir ein, ich muss ja wieder mal zur Zahnreinigung und auch die Goldkette polieren lassen.
Forever Youngster!