Waschsalon
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 03.05.2018, 20:24 – geändert Donnerstag 03.05.2018, 20:31
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Es begann alles so harmlos. Ein traumhafter Oktobertag erwacht aus herbstlichem Frühnebel. Zuerst zurückhaltend von zarten Sonnenstrahlen umarmt, dann immer mutiger durch die schwebenden zart-luftigen Zuckerwatte-Wolken durchdringt. Vielleicht der Letzte vor dem Winter, um einen Ausflug in die Natur noch zu wagen.
Natürlich, mit dem Fahrrad. Noch einmal den Duft der Felder und Wiesen aufzuspüren. Den Wald flüstern hören. Die freizügigen Windspiele mit den bunten Blättern verstohlen beobachten. Alle Eindrücke, sorgfältig im Herzen aufbewahrt, als Vorrat für den langen Winter.
Ach je, der Haushalt … Hm, das kann warten. Und die Wäsche? Die kann ich noch abends in Dunklem auch machen. So ist es vernünftig. So kann ich bei der Wäsche mit einem Buch gut entspannen und den Tag nochmal Revue passieren lassen.
Abends ist fast gemütlich in unserem Waschsalon gleich um die Ecke. Behaglich warm und menschenleer. Da quatscht keiner mir die Ohren voll und belästigt mich nicht mit Kaffee-Klatsch-Geschichten.
Und ganz wichtig – man kennt sich.
Gedacht, gemacht. Nun bin ich zurück von meinem Ausflug. Viele Menschen waren mit Fahrrädern und auch zu Fuss auf den Feldwegen. Wollten noch das gute Wetter richtig auskosten, wie ich auch.
Noch schnell etwas für den leeren Magen und los geht’s .
In eine Ikea-Tasche stopfe ich schnell meine Sachen. Noch das Buch „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick dazu und ich „reite“ schon auf meinem Drahtesel Richtung „Tempel der Reinheit“.
Angekommen „verbiss“ ich mich ohne zu zögern in meine „Trudi“. Habe schon etliche Automaten hier ausprobiert, aber der „Trudi“ bin ich treu geblieben. Die ist die „Beste“ und macht meine Wäsche im Nu sauber. Bis 22.00 Uhr werde ich ohne Anstrengung fertig.
Überlege noch kurz, ob ich doch inzwischen noch einen Spaziergang wagen soll? Entschied mich dagegen. Genug heute auf der frischen Luft gewesen. Meine Lunge hat sich richtig erholt von der giftigen Stadtluft. Da die Dämmerung im Oktober schon relativ früh einsetzt, blieb ich hier. Auch die Abend-Frische merkte man schon um diese Jahreszeit. Herbst eben. Die lauen Abende sind leider vorbei.
Na dann … Ich mache es mir gemütlich auf einer schon sehr abgenutzten Bank und spüre eine wohlige Wärme in meinem Körper. Eine selige Müdigkeit erfasst mich. Ich mache mich richtig lang und freue mich auf den morgigen Tag. Ach ja, bloss nicht vergessen, die Pilze, die ich heute dem Wald geraubt habe, müssen noch unbedingt gesäubert werden.
Morgen habe ich eine Verabredung mit meiner Freundin Meta. Die ist eine leidenschaftliche Köchin. Pilzragout bereitet sie einfach vorzüglich zu. Das hat sie mir schon oft bewiesen. Die kennt sich auch mit den Pilzen gut aus. Ganz wichtig, da ich auf diesen Gebiet keine Ahnung habe. Die hat schon manches Mal einige Exemplare aus meiner Sammlung als Ausstellungsstücke aussortiert.
Meine Gedanken kreisen noch um dies und das.
Aber nun zum Buch ...
Ach, der Rilke und die Frauen? Der kann sich auch nicht entscheiden.
Konzentrationsschwierigkeiten … klar, nach so einem erlebnisreichen Tag. Was für ein herrlicher Tag, der Abend, wo alles sich verlangsamt, fast stehen bleibt. Nur einmal Augen zu ...
Der Automatenkaffee schmeckt nach gar nichts, Morgen muss ich um 6.00 Uhr aufstehen … Muss ich wirklich? Ja, versprochen ist versprochen ...
Dieser Sekundenschlaf, das muss so gewesen sein … Aber ich fahre ja kein Auto, Auto, Auto ...
Hey, was ist los, was ist denn das für ein Lärm?
Bin brutal aus meinen Träumen, eh … Kurznickerchen rausgerissen! Mein Buch liegt auf den Fliesen. Der aufgeklappte Umschlag zeigt das eigentlich noch nicht vollendetes Bild von Vogeler.
Ich atme tief ein und versuche mit der einen Hand, mich auf der Bankrückenlehne festhaltend, die andere Hand direkt so weit es geht Richtung Buch zu strecken und … erstarre.
Meine Fähigkeit zum Denken, geschweige denn zum Reden, ist nicht vorhanden, wie gelöscht.
O Gott, ist das wahr? Nein, das kann doch nicht sein! Bin nicht allein. Da ist noch jemand. Oder träume ich? Auch Augenreiben hilft nicht. Ich muss mich kneifen.
Die männliche Erscheinung ist aufgestanden und schreitet direkt auf mich zu.
Panische Angst erfasst alle meine Sinne. Ich höre nichts, ich sehe nichts und aus meinen verkrampften Lippen kann ich kein Wort rauspressen. In meinem Hals ein Kloß. Bin total gelähmt.
Da durchdringt es zu mir, wie durch einen Vorhang:
„Entschuldige, wenn ich Sie erschreckt habe. Das wollte ich nicht. Bitte, hier, das Buch. Ist Ihnen aus der Hand gerutscht und hat Sie so unsanft geweckt.“
Er ist groß, athletisch, nicht ganz jung und versperrt mir total die Sicht. Ich sammle mich. Der Fremde bleibt direkt vor mir stehen. Ich kann sein aufdringliches Rasierwasser riechen. Riechen alle Rasierwasser gleich? Oder ist das nur Sinnestäuschung?
Normalerweise begegne ich jedem Menschen mit Respekt und ohne Vorurteile. Nun habe ich mich selber blamiert. Vielleicht noch undamenhaft laut geschnarcht? Wie peinlich! Die ganze Situation entzieht sich meiner Kontrolle. Das ärgert mich – total.
Jetzt reicht es. Versuche aufzustehen und bei der ganzen komischer Begegnung noch die Oberhand zu gewinnen.
Es geht aber nicht. Ich klebe fest, zu fest an der verflixten Bank. Ich kann mich von ihr nicht trennen, nicht befreien. Die hält mich fest.
„Ihre Wäsche ist fast fertig“ höre ich ihn wie von Weitem sagen.
„Meine aber … nun ja, ich bin hier Neuling. Weiß nicht, wie man diese Geräte bedient. Würden Sie mir helfen? Das wäre nett, sonst schaffe ich es zeitlich nicht mehr. Heute Abend habe ich noch eine wichtige Verabredung … mit einer Frau … mit meiner Frau.“
Moment mal … jeden Abend eine Verabredung … mit meiner Frau ...
Das kommt mir bekannt vor, ich kenne diesen Spruch ...
Ich ergriff ohne Zögern seine angebotene Hand und so standen wir sozusagen auf Augenhöhe uns gegenüber. Jetzt in vollem Licht der einziger Deckenlampe war mir alles plötzlich ganz klar geworden.
Ich glaube, so wütend war ich noch nie. Er hat sich einen Scherz erlaubt, auf meine Kosten. Jetzt war ich in meinem Element, habe zu MIR gefunden.
„Hey, Holger, was machst Du denn hier? Bist ein richtiger Scherzkeks. Wir kennen uns so lange, warum siezt du mich?“ Habe endlich die Fassung gefunden.
Er lächelte nur schelmisch. Ich merkte, er amüsierte sich prächtig. Ich allmählich auch.
„Seit wann machst du Wäsche?“, fragte ich nun mit einer festen Stimme.
„Ja, das ist es ja. Meta fand es richtig, dass ich mal eure Tempel der Reinheit auch mal betrete. Ich ließ mich überreden, oder besser gesagt, ich hatte keine Wahl.“
„Wenn ich das morgen Meta erzähle … unglaublich. Hast Lust auf Pilzragout morgen? Bist herzlich eingeladen. Deine Frau kocht.“ Spontan lud ich ihn ein.
„Oh, herzlichen Dank. Was habt ihr beide nun jetzt ausgeheckt? Wollt ihr mich vergiften?“, scherzhaft konterte er ab, aber ich fand eine winzige, leicht durchdringende Unsicherheit in seiner Stimme.
Es war in der ganzen Nachbarschaft bekannt, dass meine Pilzgerichte selten bekömmlich waren, auch wenn ich sie immer schmackhaft zubereitet habe.
„Wir doch nicht. Wir und giftig? Nee, immer gut gelaunt, zum Scherzen und Lachen immer bereit. Aber die Pilze, du weißt … ich kenne mich nicht aus.“
So heiter verging die Zeit. Auch seine Wäsche war schon getrocknet. Die Dunkelheit hat sich draußen breitgemacht. Wir packten unsere duftenden Ikea-Taschen auf die Fahrräder und trottelten Richtung Wendeplatz, den Treffpunkt unserer Straße. Auch Meta hatte schon Ausschau nach ihrem Gatten gehalten.
Und bis heute ahnt sie nicht, wer damals ihre Wäsche gemacht und sorgfältig zusammengelegt hat.
Muss sie auch nicht .
So ist es eben unter Freundinnen.
Karola