Wallenstein
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Pinnacle
Montag 13.04.2020, 09:22
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WALLENSTEIN
Joa Bosch ©BJS
Es gibt Dinge im Leben die man irgendwann ändern muss. Gerade dann, wenn Ungewolltes zum Schicksal wurde. Schon als Kind litt ich unter meinem Namen. Ich heiße Willy Wallenstein. Eigentlich könnte man auf den historischen Namen eines berühmten Feldherrn stolz sein. Aber Kinder sind gemein. Kaum eingeschult, nannten mich die Mitschüler nur noch „Gallenstein“. Auch die Lehrer nahmen meine „Taufe“ belustigt auf.
Später, inzwischen erwachsen, kam es in Verbindung mit meinem Namen immer wieder zu spöttischen Bemerkungen wie: „Ahhh, Wallenstein! Wohl Nachkomme von diesem blutrünstigen Feldherrn“ oder „Jaja, Wallenstein, dieser Protestantenfresser“. In den meisten Fällen spielte wohl Neid eine große Rolle.
Auch Verwechslungen, wie „Quallenschwein“, machten mir zu schaffen. Um Falschnamen zu vermeiden sagte ich bei Telefonaten: „Wallenstein mit W“. Meistens wurden ein „WallenWein“ daraus. Jedenfalls der Sache überdrüssig, wollte ich noch vor meiner Hochzeit den Namen ändern lassen. Meiner Frau und den Nachkommen sollte dieses Schicksal und Gehänsel erspart bleiben.
Also ließ ich mir im Rathaus einen Termin geben. Tags drauf begab ich mich auf das Standesamt und wartete vor der Tür des zuständigen Referates. Auf dem Namensschild stand Frau Herrenreiter. Irgendwann öffnete sich die Tür und ein großer Schatten fiel auf mich. Im Rahmen stand ein Riese, der schrecklich lange Zöpfe trug. Es war Frau Herrenreiter, fast zwei Meter groß, versehen mit einem schwarzen Oberlippenbart, sowie einem riesigen Mund. Als sie mit wogenden Busen meinen Namen aufrief, kam aus ihrem Maul ein fürchterliches Grollen:
„WALLLLLENSTEIN“.
Irgendwie erinnerte sie mich dunkel an ein "Déjà-vu" der ganz besonderen Art. Und meine Vorstellung, wie sie peitschenschwingend auf Herren herumritt, machte mir große Angst.
Ich begab mich, nein, ich schlich mich in das Zimmer und nahm vor dem Riesen Platz. Dann trug ich mein Anliegen vor und erklärte, dass ich mit diesem berühmten Namen nicht mehr leben könne. Frau Herrenreiter erklärte, sie verstehe das sehr gut, aber das Verfahren einer Namensänderung sei sehr schwierig, langwierig, äußerst kostspielig, sowie für Immer und Ewig für endgültig.
Ich wollte das alles in Kauf nehmen und trug auch meinen Wunsch vor: Willy Winter, doch ein harmonisch klingender Name!
Frau Herrenreiter entgegnete in ihrer Grollsprache, das ginge auf gar keinen Fall. Die Änderung bzw. Namensgebung erfolge nach gewissen Regeln. Unter anderem nach der verfügbaren ABC-Auswahl, um Namens-Häufigkeiten zu vermeiden. Verstanden habe ich das Ganze zwar nicht, aber stimmte dem zu.
Nach Erledigungen der Formalitäten überwies ich später die Gebühr von 1299,75 Euro! Ein teurer Spaß, aber mir war es, auf die Aussicht einer neuen Lebensqualität, dass wirklich wert.
Nach sechs Wochen „grollte“ mich Frau Herrenreiter an und teilte mir telefonisch mit, dass der Vorgang abgeschlossen sei, ich mir eine Urkunde und meinen Personalausweis, Reisepass sowie Führerschein bei ihr abholen könne. Froh gelaunt, aber auch gespannt auf meinen neuen Namen, begab ich mich Flugs in das Rathaus zur Frau Herrenreiter.
Breit lächelnd überreichte sie mir die Papiere und freudig erregt nahm ich mit zitternden Händen mein neues Leben entgegen – und es verschlug mir die Sprache:
Ich heiße jetzt auf Immer und Ewig Willy GALLENSTEIN!
*
Erst in der Nervenheilanstalt erfuhr ich die ganze Wahrheit.
Frau Herrenreiter hieß mit Mädchennamen Wacker. Liselotte Wacker. Ja, die Liesl, meine ehemalige Schulkameradin hatte sich zum Riesen entwickelte. Und meine neue Namensgebung geschah aus purer Rache. Ich hatte sie damals wohl doch zu oft an ihren schrecklich langen Zöpfen gezogen.