VIP`s
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Pinnacle
Montag 04.05.2020, 08:26
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Joa Bosch ©BJS
Robert und Marianne Blassmann waren eine glückliche Durchschnittsfamilie und wohnten mit ihren Kindern in einem Reihenhäuschen am Stadtrand von Berlin. Nach der fünften Geburt ließen sie ihren biologischen Auftrag gut sein und Marianne unterzog sich in einer privaten Fachklinik einer dauerhaften Sterilisation. Es war eine schonende Operation. Ihre Eierstöcke wurden entfernt und die Eileiter zusätzlich verschlossen. Somit war das Zusammenkommen von Spermien und eventuell noch vorhandenen Eizellen ausgeschlossen.
Aber das Leben sucht sich immer wieder neue Wege, und nach einem Jahr wurde Marianne überraschend doch wieder schwanger. Sie erwartete, obwohl sterilisiert, eine Tochter - und das war eine medizinische Sensation!
Just zu dieser Zeit suchte der Fernseh-Privatsender JUHUU öffentlich-keitsfreudige Protagonisten die mit einer außergewöhnlichen Geschichte für eine neue Weekly-Reality-Soap sorgen konnten. Es winkte eine Startprämie von 250.000 €, zuzüglich einem Honorar über 1000 € für jede Episode pro Staffel. Pragmatisch wie die Blassmanns waren, meldeten sie sich bei dem Sender mit ihrer Story an.
Monique, eine taffe Reporterin, erkannte sofort die zündstoffgeladene Brisanz und stellte der Geschäftsleitung ein so gut durchdachtes Konzept mit dem Titel: „Das vergessene Ei“ vor, so dass sie für diese Sendungen zur Redakteurin ernannt und mit einem 2 Millionen Budget ausgestattet werden sollte, falls sie die Familie Blassmann unter Vertrag bringen würde. Monique und der Medienanwalt von JUHUU nahmen mit der Familie Kontakt auf und nach wenigen Stunden war der Vertrag unter Dach und Fach. Jedoch hatten Robert und Marianne das „Kleingedruckte“ nicht ganz gelesen oder gar verstanden. In ihren gierigen Augen blinkten dauerhaft nur die 250.000,00 Euro!
Alsbald wurde der Drehort für die ersten Aufnahmen in eine schäbige Altbauwohnung in Neukölln verlegt. Aus Robert, der eigentlich als
Buchhalter bei einem Baumarkt beschäftigt war, wurde ein erfolgloser Staubsaugervertreter und aus Marianne, die einer Nebenbeschäftigung
in einem Blumenladen nachging, machte man eine abgehärmte Putzfrau. Auch die fünf Kinder mussten eine gespielte Armut darstellen.
Mittelpunkt war laut Vertrag Mariannes Schwangerschaft mit dem „Vergessenen Ei“. Danach sollten weitere Staffeln von der Geburt an, über den üblichen Lebensweg: vom Säugling über Kindergarten, Einschulung, Abschluss, Ausbildung bis hin zur Volljährigkeit und Führerscheinprüfung gedreht werden.
Bedingung war auch, dass der Vorname für das Neugeborene durch einen Zuschauer-Wettbewerb ausgewählt wird. Danach soll bei einer Live-Sondersendung das Kind von dem bekannten Medien-Schamanen, „Miracumix aus Wuppertal“, mit dem Gewinner-Namen geweiht, sprich getauft, werden. Unter den fast 950.000 Vorschlägen wurde in einer landesweiten Telefonaktion der Name „Alma-Berta“ auserkoren. Der Einsender von dem Namens-Vorschlag konnte sich mit 10.000 € glücklich schätzen. Und die Firma „PAMPA“, die Teigwaren herstellt, kaufte dem Sender die Namensrechte ab, zudem patentierte sie ihn für das neue Produkt "PAMPA - Alma-Berta-Eiernudeln - PAMPA“. Die ausgeklügelte Werbestrategie verband das Produkt mit jenen Bezeichnungen, mit denen man eigentlich „glückliche“ Hühner benennt: Alma und Berta!
Und JUHUU machte gegenüber der Honorarkosten an die Blassmanns, sowie allen Aufwendungen für die gesamte Produktion, alleine mit den Einnahmen aus Werbung, sowie Vergabe von Namensrechten und nach Abzug der Steuern, einen satten Gewinn von 8,5 Millionen Euro.
Gleich bei der ersten Episode wurde der Familie Blassmann in ihrer fiktiven „ärmlichen“ Wohnung von Monique mit großem Brimbamborium ein überdimensionaler Scheck aus Pappe mit dem Aufdruck 250.000,00 € überreicht. Alle mussten glücklich in die Kameras lachen, ganz viel weinen und immer wieder hysterisch „Oooh mein Goooott, Oooh wie geil, Oooh mein Goooott“, Oooh ich fass es nicht" rufen.
Eine Woche später, schon bei der zweiten Episode, wurde der Dreh von einem Umzug in eine schicke 6-Zimmerwohnung mit Dachterrasse in Berlin-Charlottenburg am Kurfürstendamm aufgenommen. Der Sender hatte sie für die nächste Staffel-Aufnahmen extra angemietet. So sollte dem Zuschauer, dank JUHUU, eine heile und glückliche (Schein-)Welt vorgegaukelt werden. Robert kündigte nicht nur seinen echten Beruf als Buchhalter, sondern auch vertragsmäßig den vom imaginären Staubsaugervertreter, kaufte sich real ein Porsche-Cabrio, kutschierte damit täglich durch Kreuzberg und riss so manch „Steilen Zahn“ auf. Nur bei den Aufnahmen mit den Atmungsübungen bei Mariannes Schwangerschaftskurs musste Robert dabei sein und sie mit endlosen Schnappatmungen unterstützen. Marianne selbst belegte in einem Fitness-Tempel einen „Werdende-Mutter-Vorbereitungskurs“ und ließ sich dabei von gigantischen Muskelmännern das Becken trainieren. Dabei wurde sie in allen Positionen in Bild und Ton von den Kameras erfasst und später, in den Werbepausen mit den passenden Aufbaupräparaten geschickt präsentiert.
In den nächsten Episoden sollten auch die Eltern von Robert oder Marianne als Omas und Opas mitspielen. Jedoch alle Vier lehnten entrüstet ab. Monique engagierte daraufhin zwei Statisten und benannte sie "Oma und Opa Bolle“. Sie mussten mit den vorhandenen vier Kindern in allen Episoden zu Werbespots für Smartphons, Spielkonsolen, TV-Geräte usw. unsinnige Gespräche, auch über Geld, Sex, Drogen und Alkohol, führen, so dass die Zuschauer nicht nur etwas zum lachen hatten, sondern dem Konsum auch hemmungslos frönten.
Aus den Blassmanns wurden schnell so genannte JUHUU-VIP`s; und sie mussten sich von dem Sender auch bei Baumarkts-Eröffnungen und Sportveranstaltungen kostenlos vermarkten lassen. Sie waren bald landesweit bekannt.
Bald war die Niederkunft zu erwarten und der Sender hatte mit Hilfe der Presse-Abteilung der Privatklinik „Kunzelmann“ die Räumlichkeiten von dem Kreißsaal, einem Konferenz- und Pressezentrum und einem Mutter-Kind-Apartment entsprechend ausgestattet. Auch ein exklusiver Stab, bestehend aus hochrangigen Professoren sowie Ärzten, Psychologen, Hebammen, Schwestern und Pflegern wurde eingerichtet. Die Show konnte beginnen!
Die 8. Episode mit der Geburt hatte dann die höchste Einschaltquote. Auch die anderen Ereignisse wie Taufe, Fitnesskurs für Mutter und Kind, Baby-Schwimmkurs, sowie das ultimative Workout einem “Mutter-Kind-Kanga-Stretch-Training“ wurde so geschickt vermarktet, dass JUHUU und alle beteiligten Firmen gewaltige Profite machten. Monique war hoch zufrieden und sonnte sich bei vielen Interviews in den Abendshows der Konkurrenzsender in ihrem Glück.
Robert hatte inzwischen auch seinen dritten Porsche im Suff zu Schrott gefahren und Marianne hatte es ein muskulöser Trainer angetan. Aber er war mit den anderen vielen Fitness- und Spinning -Frauen so etwas von überfordert, dass er nur ab und zu Marianne sehen und verstehen konnte. Dafür lernte sie bald den Martini kennen und genoss ihn fast stündlich - nur trocken, mit Eis und einer Olive am Spieß.
Das Baby entwickelte sich zu einem normalen Kleinkind und so nach und nach verloren die Fans von „Das vergessen Ei“ das Interesse. Nach der letzten Staffel und der 155. Episode wurde die Sendung ganz eingestellt. Monique wurde wieder zur Reporterin degradiert und berichtete nun über demente Rentner, die aus Altersheimen entlaufen waren, oder von Fetischisten, die Damenschlüpfer von der Leine gestohlen hatten.
Und die Blassmanns?
Robert und Marianne haben sich getrennt und das ganze Geld war auch futsch. Es war für Alkohol, Kaufräusche, falsche Freunde und die schmutzige Scheidung draufgegangen. Die Blassmanns, ihre sechs Kinder und alle Großeltern haben sich in Vier Winde verweht. Sie leben jetzt von Hartz IV oder Minirenten.