Tante Emma
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Pinnacle
Montag 30.03.2020, 10:15
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Tante Emma
Joa Bosch ©BJS
Tante Emma war gar nicht meine richtige Tante.
Sie war eine gute Freundin unserer Familie. Meine Eltern hatten 1950 in dem zerbombten Frankfurt am Main eine kleine Existenz gegründet. Es war ein so genanntes „Wasserhäuschen“. Das ist ein kleiner Kiosk. Aber es war eher eine selbst zusammengezimmerte windschiefe Bretterbude, die im Stadtteil Bornheim zwischen Ruinen einen Platz gefunden hatte. Verkauft wurden Getränke und Zigaretten aller Sorten, die ersten Nachkriegs-Zeitschriften und vor allem Süßwaren jeglicher Art!
Das Geschäft lief so gut, dass eine Frau aus der Nachbarschaft bald als Aushilfe eingestellt werden musste. Emma Dudek war eine große, füllige, ja sehr dicke Frau, die sich in das „Lädchen“ regelrecht hineinzwängen musste. Sie hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Ihr rosarotes Mondgesicht lächelte aus dem kleinen Schalter so freundlich heraus, dass sie in dem Kiosk mehr Umsatz machte als Vater und Mutter zusammen.
Ihr Sohn Werner ging mit mir in der Brentano-Volksschule in die gleiche Klasse. Wir waren gute Freunde und erlebten viele spannende Abenteuer. In der Trümmerlandschaft, für Erwachsene mehr ein elendes Chaos, aber für uns Kinder der größte Spielplatz der Welt, hatte unsere Nachkriegsgeneration so manch wichtige Lebensregel erlernt - auch Verzicht. Nicht nur das körperliche, sondern auch das seelische Gleichgewicht festigte unser Selbstbewusstsein. Mit Klettern und Balancieren auf Bäumen und Mauern, auch in ausgebrannten Wohnhäusern, entwickelten sich Kraft und Stärke zum Mut - was sich im späteren Erwachsenenleben auszahlte. In „Straßenkämpfen“ zwischen rivalisierenden Bubenbanden lernten wir uns durchzusetzen, aber auch zu verlieren.
Wir Buben kämpften meist gegen die Bande aus der „Rossdorfer Straße" mit selbst gebastelten Holzschwertern, die mit Ofenrohr-Bronze silbrig angestrichen waren. Unsere Clique aus der "Habsburger Allee" wurde von „Moppel“, einem 15-jährigen Riesen angeführt. Wir nannten uns „Die Habsburger Recken“. Mädchen waren nur als Zuschauer geduldet. Wenn wir siegten, warf man, um Bewunderung zu erheischen, auch schon mal einen verschämten Blick zum anderen Geschlecht. Aber wir siegten nicht so oft. Meist liefen wir weinend zum Kiosk, in dem meine Eltern oder Werners Mutter hockten. Sie trockneten unsere Tränen, klebten ein notwendiges Pflaster auf, schoben uns ein Lakritz oder „Nappo“ in die schluchzenden Münder; und das war es auch schon.
Taschengeld gab es auch, aber nicht immer. Meist nur fünf Pfennige in der Woche. Zigaretten, die man damals auch einzeln kaufen konnte, kosteten das Stück gerade einmal zwei Pfennig. Da wir selbst ein „Süßwaren- und Raucherparadies“ hatten, kauften wir uns dafür in dem historischen „NORDSEE“-Fischgeschäft mit zwei Pfennigen etwas SENF! Der wurde aus einem großen Porzellangefäß auf Pergamentpapier gezapft, von dem wir die Kostbarkeit genussvoll abschleckten.
Auch Metzger Labzda füllte für zwei Pfennig die Aluminium-Milchkannen mit „Worschtsupp“ auf. Dieser Brühe-Abfall stank fürchterlich, schmeckte aber herrlich gut. Danach mussten wir mit den ausgetrunkenen, fettigen und stinkenden Kannen zum „Milchholen“ in das „MOHA-Milchgeschäft. Für den restlichen Pfennig vom Taschengeld kauften wir dann noch braunen Kandiszucker. Den gab es nur hier. Er hing an Kordeln von der Decke herab. Die Portionen wurden mit einem Hammer abgeschlagen und gewogen. Meist erhielten wir viel mehr als für das hinterlegte Kupferstück.
An Glückstagen konnten wir Briketts aus eigenem oder der Nachbarn Keller „hamstern“. Damit gingen wir flugs in das „Apollo“ Kino. Der Eintritt kostete 15 Pfennig oder - drei Briketts! Fasziniert schauten wir erst der „Wochenschau“ zu und dann „ritten“ wir in Schwarzweiß mit „Zorro“ oder „Der Reiter mit der Todesmaske“ um die Wette.
Nach zwei Jahren hatten meine Eltern, dank „Tante Emma“ so viel zur Seite gelegt, dass sie ein kleines Restaurant aufmachten und Frau Dudek gegen eine Ablöse den Kiosk überließen.
Die Dudeks wohnten in einem alten Kutscherhaus, das sich im Hinterhof einer ausgebrannten Ruine befand. Dort gab es weder Strom noch fließend Wasser. Josef, Tante Emmas Mann, war auf dem Finanzamt als Bürobote beschäftigt. Er war ein in sich gekehrter Mensch. Ich habe ihn nie ein Wort sagen hören. Stumm war er aus dem Krieg gekommen und blieb es auch. Wenn Werner und ich aus der Schule kamen, gingen wir Mittags immer zu Tante Emma ins Kutscherhaus. Werner musste als erstes einen großen grüngeblümten Emaille-Eimer mit Deckel hinaustragen und zwischen dem Gestrüpp ausgießen. Es war die Toilette der Dudeks und stank bestialisch.
Tante Emma, die immer eine blaue Kittelschürze trug, hatte jeden Tag leckerfrisch Gekochtes auf den Tisch gebracht. Besonders ihr Napfkuchen mit Schokoglasur war ein Traum. Elfriede, ihre 16-jährige Tochter, saß während der Mittagspause im „Wasserhäuschen“ und bediente die Kunden.
Eines Tages, an einem Sonntagnachmittag, saßen wir alle in Dudeks großer Wohnküche, einem ehemaligen Pferdestall, zusammen bei Kaffee und Napfkuchen, als ich eines meiner schrecklichsten Erlebnisse verdauen musste. Tante Emma hatte, ob zu Hause oder auch im „Wasserhäuschen“, wie immer ihre blaue Kittelschürze an, die von vorne zu knöpfen war. Ich dachte mir schon lange, entweder hatte sie nur diese eine oder mehrere der gleichen Art. Das Geheimnis konnte ich nie lösen.
Jedenfalls plauderten alle munter durcheinander und nachdem Tante Emma ihr drittes Kuchenstück mit Sahne verdrückt hatte, meinte mein Vater, dass sie doch etwas auf ihre Figur achten solle und fügte spöttisch hinzu, sonst müsse man ja den Kiosk noch erweitern. Tante Emma schmunzelte fröhlich und entgegnete, dass sie immer noch einen Handstand machen könne.
Sprach`s, stand auf, ging zur Küchenrückwand, nahm einen Anlauf, rannte donnernd wie der Riese „Timpetu“ durch den Raum, stieß einen animalischen Schrei aus, sprang auf den Händen kopfüber und landete krachend vor dem scheppernden Küchenschrank.
Dabei rutschte ihr die Kittelschürze über den Kopf nach unten und legte Schreckliches frei. Oben, fast an der Decke, steckten ihre Füße in abgeschnittenen halblangen Nylonstrümpfen, die durch rote Einweckgummis gehalten wurden. Weiter unten erblickte man ihre mehlsackartige, knielange „Pump-Unterhose“ aus blaugrauem „Makko-Baumwollstoff“, und der Schwerkraft folgend, schwabbelten ihre dickfleischigen Kniescheiben bodenwärts. Nach einem weiteren, fürchterlichen Schrei machte sie eine Rückwärtsrolle, landete mit einem lauten Knall und bei rauschendem Beifall wieder sicher auf ihren Füßen. Ich habe das Trauma lange nicht vergessen können!
Nachdem die Dudeks in ganz kurzer Zeit das Kutscherhaus mit Strom, Wasser und Abwasser versehen hatten, verstarb Josef sprachlos wie er gewesen war. Aber das Leben ging weiter. Elfriede verkaufte während ihrer Vertretung im Kiosk auch „Schwarze Zigaretten“. Ein netter „GI“, so nannte man die amerikanischen Besatzungssoldaten, den sie beim Tanzen kennen gelernt hatte, schenkte ihr so oft Tabakwaren und Nylons, dass sie bald als 17-jähriges „Frolleinwunder“ mit ihrem Bill in die Staaten ging und ihn dort heiratete.
Josef und Elfriede waren nicht mehr da und das kleine Kutscherhaus wurde plötzlich zu groß. Tante Emma vermietete daraufhin ein Zimmer an eine junge hübsche Schneiderin. Werner erzählte mir einmal, dass die Untermieterin ab und zu auch von „Onkels“ besucht wurde. Werner musste dann immer nach draußen. Ja, so war das nach dem Krieg.
Die Jahre vergingen, wir beendeten die Schule und begannen eine Lehre; Werner als Frisör, ich als Bauzeichner. Danach ging es zur Bundeswehr; Werner nach Köln, ich nach Kassel, wo ich auch meine spätere Frau kennengelernt hatte. Man verlor sich aus den Augen. Jahre später erfuhr ich, dass Werner den Frisörsalon verkauft hatte und mit seiner Frau und den zwei Kindern nach Kanada ausgewandert sei. Seitdem habe ich von ihm nie mehr etwas gehört.
Nachdem meine Frau 2004 verstorben war, besuchte ich, nun 60-jährig, wie schon so oft meine Schwester, ebenso alte Freunde in Frankfurt. Auch Tante Emma. Sie wohnte jetzt schon 54 Jahre in dem alten Kutscherhaus. Als ich vor dem Gebäude ankam, befand sich dort ein riesiger Container. Während ich bei ihr eintrat, überkam mich große Schwermut. Das alte Schleiflack-Wohnzimmerbuffet stand immer noch an seinem alten Platz, gefüllt mit Nippes und Bildern aus glücklicheren Tagen. Sie erkannte mich sofort und erzählte mir weinend, dass Werner in Quebec vor drei Monaten bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Jetzt, mit ihren 78 Jahren, werde sie mit all ihren Möbeln zu ihrer Schwiegertochter und Enkelkinder nach Kanada ziehen. Dabei blätterte sie in alten Fotoalben und zeigte mir auch ihre Urlaubsbilder von Mallorca. Nicht nur an den Schwimmbeckenfliesen konnte ich erkennen, dass sie seit über 40 Jahren immer das gleiche Hotel besucht hatte.
Je mehr die Spediteure einpackten, umso mehr mussten wir hin- und herrücken. Der Chef lästerte dabei, dass die Übersee-Transportkosten weit höher lägen als der Zeitwert ihres ganzen Hausrates. Tante Emma wollte sich aber von all dem nicht trennen. Wir saßen lange schweigend zusammen und hielten uns an den Händen. Zum Abschied gab mir Tante Emma ihre neue Adresse von Kanada.
Hin und wieder schrieben wir uns, meist zu Weihnachten. Glücklich war sie dort nicht. 2008 ist meine liebe „Tante Emma“ mit 82 Jahren in einem Altersheim in Kanada verstorben. Je älter ich werde, umso mehr denke ich an sie, auch an die guten alten Zeiten.
Nein, sie waren nicht gut, sie waren nur besser.
Ach ja, alte Bäume verpflanzt man nicht!