SPUREN
Von
Pinnacle
Donnerstag 09.04.2020, 07:53
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
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SPUREN
Joa Bosch ©BJS
06:00:00 Uhr
Kevins Smartphon weckt ihn und verbindet sogleich das Gerät mit dem Funkmast auf dem Nachbargebäude. Er tippt auf sein Display, wählt die Nachrichten von seinem regionalen Radiosender und überfliegt die Schlagzeilen. Noch bevor der 40-jährige sein Bett verlassen hat, wird sein Handy, auf wenige Meter genau, von einem Peilsender erfasst. Ohne es zu wissen, wird ab nun von ihm ein Bewegungsprotokoll erstellt. Kevin zieht ab nun den ganzen Tag eine breite Datenspur hinter sich her. Alle wollen etwas von ihm etwas erfahren. Die Datensammler aus Wirtschaft und Industrie, ebenso die Sicherheitsbehörden, die sich jederzeit in sein Profil einklinken können.
06:28:38 Uhr
Während Kevin sich einen Kaffee zubereite, schaut er schnell mal bei „Facebook“ "Whats App" und „Twitter“ nach, ob es für ihn Neuigkeiten gibt. Jetzt geschieht Ungeheuerliches. Sein Smartphon klinkt sich auch in sein häusliches „WLAN“ ein. Jeder seiner Klicks, jede Email und jede On-linebestellung kann einem einzelnen Gerät zugeordnet werden, das macht seine „ip-Adresse“ möglich, denn jede „website“ besitzt eine eigene Kennung, dem „URL“ . Selbst das bloße Surfen im Internet hinterlässt aussagekräftige Spuren des Nutzers. Diese Angaben können von allen Systemen gespeichert werden, nicht nur beim Sender oder Empfänger.
Frisch rasiert und fertig angezogen macht Kevin noch ein „Selfi“ von sich und mailt es mit einem lieben Gruß an seine Freundin. Auch sie hinterlässt spätestens ab jetzt Datenspuren.
07:14:12 Uhr
Nach dem Frühstück geht Kevin zum Fahrstuhl. Kameras auf dem Flur haben ihn sofort im Visier. Die Videoüberwachung soll Diebe, Einbrecher und „Sprayer“ abschrecken. Die Daten werden bis zu 30 Tage gespeichert oder direkt zu dem Sicherheitsanbieter übertragen.
Auf dem Weg zur Arbeit, bei Besorgungen in der Mittagspause und auf dem Rückweg wird Kevin zwischen 80- bis 100-mal am Tag von öffentlichen Videoanlagen erfasst.
Im Aufzug nimmt er die Kamera gar nicht wahr. Im Untergeschoss angekommen, hält Kevin seine Berechtigungskarte an ein Lesegerät, erst jetzt kann er die Tiefgarage betreten.
Am Auto drückt er seinen Finger in die „Scannermulde“ , das Fahrzeug öffnet sich, Spiegel und Fahrersitz stellen sich auf sein programmiertes Profil ein. Als er im Navigationsgerät die Adresse von seinem neu bezogenen Büro eingibt, wird er schon vom „GPS-System“ erfasst, sein Standort ermittelt und er ist auf dem Meter genau zu orten.
Als Kevin zur Ausfahrt fährt, erfasst ein Sensor sein Nummernschild, registriert es sekundengenau, die Schranke öffnet sich und er reiht sich in den Verkehr ein.
07:52:39 Uhr
Bei seiner Arbeitsstelle erhält er mit seiner „Chipkarte“ Zugang zum Büro und wird genauso minutiös erfasst wie später auch beim Hochfahren seines Computers. Das Kontroll-System registriert, dass er seinen Arbeitsatag um 07:58 begonnen hat. Der Arbeitgeber überwacht ihn und seine Kollegen mit dem „Keylogger“, einem Gerät, dass alle Tastaturbefehle, Suchbegriffe und Kennwörter aufzeichnet. Die Personalabteilung kann somit seine Arbeitsweise, ob schnell oder fehlerhaft, für immer in seinem Profil speichern.
Auch Suchmaschinen speichern jeden Nutzer und das wofür er sich interessiert. Dabei helfen die so genannten „cookies“ , das sind kleine Dateien, die sich auf jeden Rechner installieren: Mit ihnen lassen sich Profile wieder erkennen. Kevin weiß, dass er am Arbeitsplatz und im Internet viel über sich preisgibt, aber eine Digitalverweigerung ist nicht möglich.
13:11:44 Uhr
Nachdem er im Casino sein per Internet bestelltes Mittagessen eingenommen hat, muss er einen Kunden besuchen und fährt mit dem Auto los. Unterwegs erfasst ihn eine Spezial-Kamera der Polizei, die unauffällig am Straßenrand steht. Eigentlich soll so ein Gerät den Verkehrsfluss und Ampeln steuern. Aber über ein Kennzeichen-Lesesystem wird auch noch nach verdächtigen Fahrzeugen gefahndet, herausgefiltert und Datenabgleiche getätigt
.
16:31:12 Uhr
Vor der Heimfahrt stellt Kevin per Handy in seiner Wohnung die Heizungs-Thermostate, das Waschmaschinen-Programm und die Kochzeit für ein Gericht, das auf einer Herdplatte steht, sorgfältig ein. Alle diese Geräte hinterlassen jetzt ebenfalls Spuren, die von der Software der Hersteller erfasst werden. Aus diesen digitalen Abdrücken lassen sich Tagesrhythmen und Gewohnheiten erfassen. Wenn der Nutzer den Herstellern und den Geräten vertraut, wird er berechenbar - denn Wissen ist Macht! Es gibt kein Entrinnen, wenn Überwachungssysteme von Häusern, Autos oder Elektrogeräten Besitz ergreifen.
17:08:58 Uhr
Zu Hause, von der Videoüberwachung wieder erfasst, packt Kevin alles zusammen, was er für den Nachtflug zu einer Ausstellung in Los Angeles braucht. Die Veranstalter haben ihm eine Identifikationskarte geschickt. Vor Ort wird er dann einen „badge“ erhalten, den er um den Hals tragen muss. Darin befindet sich ein „RFID-Chip“ – wie er sich auch in den neuen Personalausweisen befindet. Mit dieser Technologie werden Gegenstände markiert: Bus- und Bahntickets, Arzneipackungen, Paketversand, Rinder in den Schlachthöfen, Wildtiere und Kampfhunde. Sogar demenzkranke Patienten erhalten „RFID-Arm-bänder“, damit Pfleger sie gleich identifizieren können. Ein Typ dieser Chips verfügen über eine eigene Stromquelle, die ein Signal kilome-terweit senden können. Der andere Typ, ohne Batterie, ist passiv, er wird erst von einem Lesegerät in näherer Umgebung aktiviert. Auch in Ausweisen von Krankenkassen, Discounter und Clubs etc. stecken diese Chips.
19:36:27 Uhr
Am Flughafen checkt Kevin für den Flug in die Staaten ein. Er zeigt seinen Reisepass vor, in dem seine biochemischen Daten gespeichert sind: Fingerabdruck, Augenfarbe, Form der Iris. Die Fluggesellschaft hat längst Kevins Abflugzeit, sein Ziel und den Rückflug in eine weltweite Datenbank übertragen. Mit diesen Informationen können Sicherheitsbehörden frühzeitige Maßnahmen in die Wege leiten oder Reisebewegungen von Verdächtigen verfolgen.
10:48:22 Uhr Ortszeit
Bei der Einreisekontrolle hat Kevin keine Probleme und lässt sich von einem Taxi in das Hotel fahren. Ermüdet angekommen, wird er beim Einchecken von Kameras erfasst. An der Rezeption erteilt er noch einen Weck-Auftrag für 18:00 Uhr und begibt sich dann, vom Videoüberwachungssystem verfolgt, auf sein Zimmer. Erschöpft legt er sich, so angezogen wie er ist, auf das Bett, schaltet sein Smartphon aus und den Fernseher ein. Ein Mikrofon und eine Camera des Fernsehgerätes, die beide auf den Raum ausgerichtet sind, erfasst mit einer Gesichts- und Spracherkennung umgehend Kevins Aktivitäten.
Während des Schlafes wird Kevin für wenige Stunden keine neuen Datenspuren erzeugen - nur sein Schnarchen wird aufgezeichnet.