Spätherbst 1956
Von
Salzbaron
gestern, 07:44 – geändert gestern, 07:55
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Ich war gerade zehn Jahre alt geworden und ging in die erste Klasse Hauptschule. Eigentlich wollte ich an diesem Tag nur den Auftrag unseres Lehrers ausführen. Wir sollten für den Zeichenunterricht bunte Herbstblätter und glänzende Kastanien sammeln. Ich war sofort begeistert, ich liebte den Wald, den Duft feuchter Erde und vom Wind verwehte Blätter. Für mich gab es kaum was Schöneres, als durch rauschendes Laub zu stapfen.
Mein Plan war es, die feurigsten Ahornblätter zu sammeln und prächtige Kastanien aus ihren stacheligen Gehäusen zu lösen. Dafür schien mir der Kalvarienberg im Klosterwald der perfekte Ort zu sein.
Ich war kaum angekommen, als das Wetter umschlug – plötzlich war nur mehr kreidegrauer Himmel zu sehen. Dazu kam kalter Ostwind auf und brachte den ersten Wintergruß in Form von patzigem Schneeregen. Nass und durchdringend nicht nur für meine Jacke sondern auch für all die bunten Blätter und Kastanien am Waldboden. Um nicht ganz ohne Blätter heimzukehren, entschloss ich mich, diese Schätze direkt und unversehrt vom Baum zu pflücken. Aber die Bäume waren hoch und ich so klein.
Mein Blick ging hinüber zum Hügel des Kalvarienbergs, wo sich die Silhouette der drei Kreuze scharf gegen den Himmel abzeichnete. Dort standen zwischen hohen Tannen auch bunte Laubbäume und umrahmten die Kreuzigungsgruppe. Plötzlich fiel mir der Priester aus dem Film ‚Don Camillo’ ein, den ich am Sonntag im Stadtkino sehen durfte. Da gab es diesen Priester Don Camillo, der immer den Herrn am Kreuz fragte, wenn er ein Problem hatte und nicht mehr weiter wusste – und bekam meistens eine Lösung angeboten.
Ich sah mich um – es war keine Menschenseele zu sehen – also fragte ich tapfer den Herrn Jesus, was ich tun könnte – und bekam keine Antwort. Sein Kopf war nach unten gesenkt – aber seine Augen waren geöffnet – und ich hätte schwören können – dass er mir Mut machend zugezwinkert hat. Also kletterte ich vom Sockel des Kreuzes auf die Steinmauer hinter ihm, hielt mich am Kreuzbalken fest und erwischte mit ausgestreckter Hand gerade noch den Ast eines Ahornbaumes und pflückte die letzten blutroten Blätter vom Baum.
Ich stand immer noch auf der Mauer und schielte hinüber zu den glänzenden Kastanien. Plötzlich war die Ruhe des Nachmittags vorbei. Ein tiefes Brummen drang an mein Ohr. Ich trat an den Rand der Mauer und schaute hinunter ins Tal. Und sah eine endlose Kolonne von Lastwägen. Aber es waren keine gewöhnlichen Lastautos. Die Planen der Lastwägen waren alle behelfsmäßig mit weißen Leintüchern überspannt und mit dem Rot-Kreuz-Zeichen bemalt. Wagen um Wagen rollten sie unaufhaltsam nach Osten in Richtung ungarische Grenze.
In diesem Moment vergaß ich die bunten Blätter in meiner Hand. Sie rutschten mir aus den Fingern und fielen unbemerkt in das Gras. Ich spürte eine Kälte, die nichts mit dem Schneewind zu tun hatte. Zu Hause hatten die Eltern in den letzten Tagen am Radio gesessen, die Köpfe an den Lautsprecher gedrückt, während die Stimme des Nachrichtensprechers ernst und beschwörend klang.
„Budapest“, hatte er gesagt. „Sowjetische Panzer.“ „Volksaufstand.“
Ich verstand die große Politik nicht, aber ich verstand die Angst in den Gesichtern meiner Eltern.
„Die Ungarn kämpfen um ihre Freiheit”, sagte Vater.
„Um Gottes Willen, es wird doch nicht schon wieder Krieg geben“, sagte meine Mutter.
Der Zweite Weltkrieg war erst elf Jahre her. Die Wunden in unserer Stadt und in den Herzen der Menschen waren noch gar nicht richtig verheilt. Und nun das. Würden die Funken der Gewalt über die Grenze springen? Erst vor einem Jahr hatten die Sowjets unser Land verlassen.
Plötzlich war Angst da.
Doch mit der Angst kam auch eine Welle der Hilfsbereitschaft, die ich nie vergessen werde. Die Lastwägen da unten im Tal waren die Vorboten einer beispiellosen Rettungsaktion. Während die Panzer rollten, eilten die Menschen im ganzen Land den unzähligen Flüchtlingen zu Hilfe, die bald über die Grenze strömen sollten. Es wurde Essen gesammelt, Kleidung sortiert, Quartiere vorbereitet.
Ich blickte noch lange hinunter auf die Kolonne der Helfer, bis die Dämmerung die Straße verschluckte. Ich ging nach Hause ohne ein einziges Ahornblatt. Der goldene Herbst 1956 hatte für mich seine kindliche Unschuld verloren – es war jener Herbst, an dem die Weltgeschichte an unserem Kalvarienberg vorbeizog.