Soweit die Gummistiefel tragen
Von
Pinnacle
17.05.2020, 08:43
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Pinnacle
17.05.2020, 08:43
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So weit die Gummistiefel tragen
Joa Bosch ©BJS
Seit Wochen liegen auf einer Wiese, ein Stück weit weg von dem Weg, der in den Wald führt, ein Paar große, dreckige Gummistiefel. Normalerweise kommt hier kaum jemand vorbei.
Warum die Stiefel wohl hier liegen?
Wo sind sie hergekommen?
Sie sind buchstäblich vom Himmel gefallen!
Aber niemand wird das Geheimnis je erfahren. In der Freiheit angekommen vertraute der junge Mann die Wahrheit nur seinem Tagebuch an. Und bei der Niederschrift seiner Erinnerungen dankte er Gott für den glücklichen Ausgang seines Abenteuers.
Jetzt waren es gerade einmal 12 Stunden her, als der 15-jährige mit trä-nenvollen Augen Abschied vom Clan der Shadoor und dem geliebten Heimatort Sora genommen hatte. Ja, die vertraute Landschaft auf der Hochebene von der Provinz Gojjam, die lieben Menschen dort und seine schöne Kindheit wird er sehr vermissen.
Das kleine Land Eritrea am Horn von Afrika und dem Roten Meer gelegen, litt schon seit Jahren unter Bürgerkrieg, Hunger und Verfolgung. Yemane Omar Shadoor, der Vater des Jungen und Oberhaupt der christlich-koptischen Familie hatte entschieden, dass sein einziger Sohn Symar nicht das Schicksal eines Kindersoldaten im unbefristeten Militärdienst des totalitären Regimes erleiden sollte. Aber eine gefährliche monatelange Fluchtroute durch halb Nordafrika und über das Mittelmeer kam nicht in Frage. Yemane Omar nahm daher das Angebot eines Schleusers, der Verbindung zum „International Airport“ in der Hauptstadt Asmara besaß, an und bezahlte die erste Rate von 6.000 Dollar. Die restlichen 6.000 Dollar, die durch Verkauf von Land und Vieh mühsam zusammengekratzt worden waren, mussten am Fluchttag für den sechsstündigen Flug nach München übergeben werden. Allerdings war die legale Ausreise als offizieller Fluggast einer Luftlinie unmöglich. Nur als „blinder Passagier“ in der Radmulde eines Fahr-werkschachtes der wöchentlichen Frachtmaschine konnte die Flucht gelingen. In Passagierflugzeugen dagegen, die viel höher fliegen, sind Überlebenschancen im Fahrwerksschacht wegen der eisigen Temperaturen und dünner Luft weitaus geringer. Nach reiflichen Überlegungen hatten die Familie und Symar der abenteuerlichen Flucht zugestimmt.
An dem vereinbarten Tag fuhren Vater und Sohn mit dem Bus nach Asmara. Der Schleuser erwartete die beiden in einer schmuddeligen Lagerhalle. Er trug einen orangefarbenen Overall mit der Aufschrift „Ramp Agent“ und trieb zur Eile. Yemane Omar übergab den Betrag, segnete beim Abschied seinen Sohn und reichte ihm dann einen Brustbeutel. Darin befand sich Symars Tagebuch, eine Adresse von Verwandten in Deutschland und ein Smartphone, sowie 450 Dollar. Es war das allerletzte Geld der Familie. Dann machte sich Yemane Omar Shadoor sorgenvoll auf den Rückweg.
Symar musste einen gleichen Flughafen-Overall über- und ein paar dreckige Gummistiefel anziehen. Sie waren ihm viel zu groß, aber auch furchtbar eng. Dabei erklärte der Schleuser ihm, dass sie beide und das ebenso bestochene Bodenpersonal, die Crew und den Lademeister mit Service- und Reinigungstätigkeiten am Flugzeug ablenken werden. Bei passender Gelegenheit soll Symar in den linken Fahrwerksschacht hineinklettern. Platz sei da genug und dort wären für den Flug auch Was-serflaschen und eine Decke gegen die Kälte bereit.
Dann fuhren sie zum Airport und ein geschmierter Soldat ließ das Fahrzeug passieren. Weiter ging es auf das Flugfeld, wo das Frachtflugzeug mit laufenden Propellern und offener Heckladeluke stand. Das letzte Stückgut wurde gerade verladen, als das Auto vor der Maschine zum Stehen kam. Symar stieg aus und bekam sogleich einen Besen in die Hand gedrückt und behutsam „kehrte“ er sich langsam zu dem linken Fahrwerk hin. In einem günstigen Moment warf er den Besen zur Seite und kletterte in den Schacht. Es war erstaunlich einfach gewesen.
Verkrümmt und in die Decke gehüllt kauerte er sich in die Radmulde. Bald darauf dröhnten die Motoren auf und die Maschine rollte zur Startbahn. Angstvoll klammerte sich Symar an den Streben fest, und während das Flugzeug Fahrt aufnahm, betete er zu Gott. Dann fuhr das Fahrwerk quietschend ein, die Luke schloss sich und Symar befand sich eingezwängt zwischen stinkendem Gummi und ölig glänzendem Metall. Brummend stieg der Flieger in den Himmel über Afrika empor und machte sich auf den Weg nach Europa - in Symars Freiheit.
Irgendwann zog er das unbequeme Schuhwerk aus, trank etwas Wasser und schlief erschöpft ein. Als ihn das Rumpeln des ausfahrenden Fahrwerkes weckte, klammerte er sich ängstlich an den Seitenwänden fest und sah dabei gerade noch wie die dreckigen Gummistiefel in die Tiefe und der anbrechenden Dunkelheit verschwanden.
Nach der Landung auf dem Flughafen „Franz Josef Strauß“ wartete Symar das Entladen der Maschine und die endgültige Parkposition ab. Dann, spät in der Nacht, kletterte er vorsichtig aus seinem Versteck, schlich sich barfüßig über den einsamen Bereich des Frachtflughafens bis hin zur Einzäunung. Rasch kletterte er empor und konnte, trotz Flutlicht, unbemerkt das letzte Hindernis überwinden und gelangte so in seine ersehnte Freiheit. Ab jetzt konnte er, und auch für seine Familie, hoffnungsvoll in eine bessere Zukunft blicken.
Wenig später, Symar saß in einem Schnellrestaurant bei Cola und Burger, klappte er sein Tagebuch zu und wählte die Telefonnummer von Zuhause. Dabei klopfte sein kleines Herz bis zum Halse.
*
Kopfschüttelnd betrachtete der frisch geprüfte Jungjäger Kevin Schwertfeger den ungewöhnlichen Fund, den der Schweißhund „Hasso“ während der Pirsch in Vater einsam gelegenem Jagdrevier im Münchner Land erschnüffelt hatte! Erst einen und einige Meter weiter einen zweiten dreckigen Gummistiefel. Ratlos murmelte Kevin: „Ja Herrschaftszeiten, da ist sicher ein Rudel Wölfe ins Land gekommen und muss wohl einen Pilzsucher erwischt haben. Hasso, über die Wölfe wird sich der Herr Papa bestimmt nicht freuen.“