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Singen

Von ehemaliges Mitglied Dienstag 12.12.2017, 16:13


Heute, dachte ich, heute hat’s mich erwischt: Heute kann ich keine Geschichte für den Adventkalender schreiben. das Thema wäre „Singen“ gewesen. Mir war absolut nicht nach Singen zumute. In meinem Kopf kreisten Gedanken über mein Leben und das meiner Brüder im Geiste. Ich dachte darüber nach, wie ich einem Menschen helfen könnte, dem es jetzt genauso geht, wie mir damals, als ich dem Trinken ade sagte und plötzlich vor einer imaginären Tür stand, die Freiheit versprach. Die Freiheit hieß Selbstbestimmung.

Freunde fragten mich, ob ich eine Idee hätte; ob ich einen Ausweg für ihren Schützling, der kein Schützling sein will, wüsste. Theo, so heißt der Mann im mittleren Alter, ist Alkoholiker, hat einen Entzug hinter sich, aber die nachsorgenden Beratungsstellen ignoriert er. Man warnt mich: Es wirke ein wenig überheblich, wenn er von sich selbst sagt, dass er in keine Selbsthilfegruppe gehen könne, weil er das „Geschwafel“, das dort gesprochen wird, nicht vertragen kann. Außerdem seien ihm dort zu viele Leute auf einem Haufen. Er habe eine Art von Sozialphobie, fügte er entschuldigend hinzu.
Ein schwieriger Fall für meine Freunde von der Telefonseelsorge. Vielleicht kann ja der Ferdinand einspringen, hofften sie und holten bei mir die Erlaubnis ein, meine Nummer an Theo weiterzugeben. Der hatte interessiert zugehört, als sie ihm vorsichtig erzählten, dass ich ein Mann aus der Szene sei, ein sogenannter „grader Michl“, der ohne wissenschaftlichem Gewäsch über seine Schwäche, nämlich dem nicht-umgehen-können-mit-Alkohol, spricht und der es irgendwie geschafft hat, aus diesem Dilemma herauszukommen.

Theo hat angerufen. Gestern Abend.
Ich gab mich loyal, gab ihm zu verstehen, dass ich der Letzte sei, der ihm auch nur den geringsten Vorwurf mache. „Ganz im Gegenteil“, sagte ich, „ich sehe in dir einen Helden, denn du hast es geschafft, mich anzurufen. Ich weiß, wie schwer das ist.“

Und heute Vormittag haben wir uns getroffen, bei ihm zu Hause in seiner Klause. Wir haben lange geredet. Über ihn, seinem Problem, sich „Gutmenschen“ anzuvertrauen und natürlich von mir, meiner Vergangenheit und noch viel wichtiger: meiner Zukunft. Ich habe ihm von meinem großen Projekt erzählt, ein Buch zu schreiben und ihn eingeladen, mitzumachen, das gab ihm sichtlich Auftrieb. Ich erzählte, dass ich beim Schreiben immer Musik höre, meistens irgendwelche Oldies, weil ja meine Erlebnisse als Alkoholiker Jahre zurückliegen. Dann hatte ich d i e Idee. Ich suchte in den Tiefen meines Smartphon und fand Vicky Leandros und ihren Schlager aus längst vergangenen Zeiten: „Theo, wir fahren nach Lodz!“ Das passte haargenau, wir sangen lauthals mit. Die Stimmung war großartig, plötzlich herrschte so etwas wie Aufbruchstimmung. Ich glaube, wir sind Freunde geworden. Auf der Fahrt von Salzburg nach Wels sang ich eine Stunde lang nur diesen Song und dachte: Jetzt habe ich doch noch eine Geschichte für heute. Ist das nicht schön?

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