Schnee
Von
Fiddigeigei
Mittwoch 10.02.2021, 08:12
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Fiddigeigei
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Heute Morgen gab es den ersten pulvrigen Schnee dieses Jahr und da erinnerte ich mich an einen besonderen Tag im Februar 2004.
Im neuen Schnee
Gerade war ich aufgewacht und wollte mich nochmals in die warmen Kissen drücken, aber halt, da war etwas anders. Ein ungewöhnliches Licht füllte unser Schlafzimmer, so hell und intensiv und doch so kalt.
Meine Neugier weckte mich ganz auf. Leise stahl ich mich aus dem Bett und huschte ins nahe Wohnzimmer.
Draussen schneite es einen dichten Schleier und die Natur hatte sich mit der vom Himmel gelieferten Daunendecke zugedeckt. Mein Herz begann höher zu schlagen.
Das war der Zeitpunkt, von dem ich bereits oft schon im Sommer träume. Rasch war ich bei meinen Laufschuhen und packte mich warm ein.
Eigentlich hatte ich mit dem Schnee schon nicht mehr gerechnet, denn es war breits später Februar und hier bei uns im Süden- in den warmen Tälern- bereits eher eine Seltenheit geworden.
Im Schneetreiben zu laufen ist für mich ein genau so grosser Genuss, wie für einen Skifahrer, der eine alpine Abfahrt im pulverigen Tiefschnee absolviert.
Es berauscht mich und die Adrealinausschüttung macht schwindelig und glücklich zu gleich.
Es ist Samstag und die Uhr zeigt ¼ nach 6°° morgens und deshalb ist meine Chance der Erste zu sein der die jungfräuliche Schneedecke betritt, sehr gross.
Dieses Erlebnis erweckt in mir immer ein Gefühl Neuland zu betreten, ich komme mir vor wie ein Kolumbus.
Die Welt ausserhalb unseres Hauses ist in dicke Watte verpackt. Gerademal auf 50 m schätze ich die Sicht.
Von den Häusern an meinem Weg sehe ich nur verschwommene Umrisse. Ein Hund bellt, es klingt gedämpft an meine Ohren, die unter der warmen Mütze stecken.
Der Friedhof liegt still unter der kalten weissen Decke. Nur die Grabsteine sind feierlich mit Schneekappen verziert.
Heute ziehe ich ohne lauten Gruss vorbei, ich möchte meine Freunde nicht wecken. Sie liegen sicher und warm; und möchten jetzt noch nicht gestört werden- nehmen sich alle Zeit der Welt für einen langen tiefen Schlaf.
Die Gärtnerei am Dorfausgang hat das Schaufenster die ganze Nacht beleuchtet. Grosse rote Herzen baumeln von der Decke und werben für den baldigen Valentinstag. Uns Männer wird damit ein schlechtes Gewissen eingeredet. Mich stört es weiter nicht und habe die „Herzliche“ Aufforderung gleich vergessen.
Nun bin ich draussen auf den Feldwegen. Rechts und links von mir nur noch Bäume. Die Äste haben sich mit Schneekristallen über und über geschmückt.
Fast scheu betrete ich den reinen weissen Teppich. Brandmarke ihn brutal mit meinem Sohlenprofil. Trete mit meinem Gewicht die zarten Schneeflocken klumpig.
Aber dann sehe ich plötzlich andere Spuren. Spuren von Frühaufstehern, mit denen ich nicht gerechnet hatte.
Diese Spuren sind aber nicht gewalttätig wie die meinen. Es sind leichte Tritte von Lebewesen, die sonst nicht ohne Weiteres sichtbar sind.
Guten Morgen, denke ich bei mir- und begrüsse die Doppelspur eines Feldhasenpärchens. Fast gleichmässig laufen sie mit mir am Wegesrand entlang. Dann plötzlich ein Durcheinander von Pfötchen. Hier haben sie sich sicher umarmt und geküsst und versprochen diese Jahr zusammenzubleiben. Und sie, die Hasendame hatte leicht errötend gemümmelt- und verspreche mir: wir werden viele Kinderchen mit besonders schönen langen Öhrchen haben.
Ihre Spuren wurden nun ganz eng verschlungen und verschwanden bald in einem dichten Gebüsch. Schnee darüber, dachte ich.
Wieder eine neue Spur. Gerade ist sie, wie auf eine Perlenschnur gezogen. Ein Fuchs auf der tödlichen Pirsch. Wie immer mit hungrigem Magen, zog hier vor kurzem vorbei. Pech für ihn, die Mäuse bleiben heute in ihrem warmen Bau versteckt und warten im weichgepolsterten Bettchen auf sonnigere Zeiten.
Dann, die feinen Abdrücke von einem Sprung Rehe. Sie kreuzten meinen Weg um auf einem nahen Feld an der bereits neugierig herausspizenden Wintersaat zu knabbern. Last euch bloss nicht vom bösen Jägersmann erwischen!
Meine beiden Freunde und frühen Wegbegleiter, die immerhungrigen Bussarde warten schon geduldig auf ihren Jagdbäumen. Sie klappen mit den Augendeckel um die Schneeflocken abzuwehren. Auch ihnen wird heute eher kein Frühstück winken. Aber Hoffnung gibt es immer und vielleicht möchte doch ein Mäuschen schlittenfahren?
Schon war ich auf dem Rückweg, als endlich auch die schlafmützigen und schlechtgelaunten Krähen in die Felder einfielen.
Jetzt weiss ich endlich von wem die Japaner und Chinesen schreiben lernten. Die Krähenfüsse scheinen die selben Zeichen in den Schnee zu zeichnen, die auch die kunstsinnigen Asiaten mit feinen Strichen auf handgeschöpftes schneeweisses Blütenpapier malen.
Von weitem sehe ich das Dorf schemenhaft und schlafend in seiner dichten winterlichen Verpackung. Der Rauch der Kamine liegt flachgedrückt auf den gemütlichen Hausdächern. Das tägliche Leben wartet noch auf das Erwachen.
Fast am Hause zurück, begrüsste mich aus einem Busch heraus- ein Frühlingsbote mit freudigem: Zizi Bäh – Zizi Bäh – Zizi Bäh .
Ein kleine Meise wusste alles besser:
Der Schnee von heute,- war bereits von gestern.
Februar 2004