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Schnarchsack

Von Pinnacle Samstag 11.04.2020, 14:07

Schnarchsack
Joa Bosch ©BJS

Wer es mit einem Schnarcher zu tun hat, weiß ein Lied davon zu singen. Ich singe nicht – ich schnarche! Erst seit kurzem, aber immer lauter. Und nächtlicher Durst ist dabei ein sehr unangenehmer Nebeneffekt. Denn schlaftrunken habe ich schon so manches Wasserglas auf dem Nachttisch umgestoßen und musste dann, hellwach, die voll gelaufenen Schubladen entleeren. Nein, das ist kein Vergnügen.

Nicht nur das, auch lange Atemaussetzer legen zwar eine kleine Pause ein, um dann das Konzert mit den „Trompeten von Jericho“ fortzusetzen. Ich selbst höre es nicht - andere schon. Eva, meine Freundin, ist ausgewandert, neinnein nicht in ein fernes Land, sondern vom Schlaf- in das Gästezimmer. Man(n)frau hat sich arrangiert.

Es gibt aber trotzdem Probleme. Zum Beispiel wollten wir im Herbst irgendwo in der Südsee eine Kreuzfahrt unter dem Kreuz des Südens machen. Eine Doppelkabine misst nur 16 Quadratmeter, getrennte Betten bedeuteten aber zwei Einzelkabinen – unbezahlbar! Ja, das Schnarchen ist schon ein Kreuz!

Um das zu ändern, bin ich erst einmal zu meinem Hausarzt gegangen und dann hieß es: ab ins Schlaflabor. Dort musste ich eine unvergessliche Nacht mit unzähligen Dioden und Verkabelungen, sowie einem fauchenden Beatmungsautomaten über mich ergehen lassen. Das anschließende Aufklärungsgespräch mit Vorführung einer Video- und Audioaufzeichnung ließ mich erschauern. Jetzt verstehe ich Eva. Ich war entsetzt. Das wackelnde und bebende Laborbett, die um sich schlagenden Drehungen und ruckartigen Wendungen meines Körpers, das Strampeln der Beine, unterbrochen von jämmerlichen Schluchzern und Luft holenden Japsern, erinnerten mich an den Filmklassiker „Frankenstein“ mit Boris Karloff .

Die Auswertung der Protokolle ergab die Diagnose einer anfänglichen Schlaf-Apnoe. Das erklärte meine Tagesmüdigkeit und auch Evas heftige Stupserei im Kino oder bei Fernsehsendungen! Der Arzt händigte mir ein Beatmungsgerät aus und schickte mich damit nach Hause.
Ich sollte damit vier Wochen probeschlafen. Zu diesem Test zog Eva auch wieder in das Schlafzimmer ein.
Aber als sie mich abends in dem Astronauten-Look mit Weichplastikmaske, Schnorchel und Kabelbaum sah, floh sie schreiend zurück in das Gästezimmer. Am nächsten Tag brachte ich alles in das Schlaflabor zurück.

Bedauernd erklärte mir der Arzt, dass ich zumindest mein Gewicht reduzieren, auf Alkohol gänzlich verzichten und beim Schlafen die Rückenlage unbedingt vermeiden müsse. Dann zeigte er mir im Internet einige Alternativen. Da gab es alles Mögliche. Von Schnarchpflaster, über Anti-Schnarchringe, Sonor-Schlafschienen bis Schnarch-Gebisseinsätze zum Preis von 80 bis 300 Euro. Höhepunkt war aber eine so genannte Schlafjacke mit einem schildkrötenartigen Rückeneinsatz, der nur eine Seitenlage gestatten sollte - Kosten ab 450 Euro!, Je nach Modell und Größe.
Er meinte dazu, das sei allesamt nur Beutelschneiderei und empfahl mir einen kostengünstigen Versuch mit einem Softball.

Das ist ein weicher Spielball, in der Größe einer Grapefruit, den sich Kinder oder Teilnehmer von Gruppentherapien zuwerfen – erhältlich in der Spielwarenabteilung. Diesen Ball soll ich dann in einem vier Meter langen Mullbinden-Schlauch, den man nach Operationen an Armen oder Beinen über die Gliedmaßen stülpt, mittig platzieren und das Ganze mit kreuzartiger Bindung auf dem Rücken so befestigen, dass ich mich im Schlaf nicht auf den Rücken drehen kann. Sonst würde das mit den Jahren erschlaffte Gaumensegel ja nach hinten fallen und die bekannten Geräusche bewirken.

Skeptisch begab ich mich in ein namhaftes Spielwarengeschäft und fragte nach einem Softball. Mir wurden einige Modelle gezeigt. Mein halblaut Gemurmeltes: „Und das Scheißding soll helfen?“ wurde von der verwunderten Verkäuferin mit einem „Wie bitte?“, beantwortet. Unbeirrt wählte ich die Farbe rot und erwarb mein Heilmittel für 12,95 Euro. In der nächsten Apotheke erkundigte ich mich nach diesem Mullbindenschlauch. Da gab es aber nur Stülpringe für Finger und Daumen. Was ich wünschte, gäbe es nur auf Bestellung, nur in OP-Größe von 30 Meter Länge und zu einem Preis von 115 Euro.
Entnervt habe ich den Doktor im Schlaflabor angerufen und gefragt, ob er mir die vier Schlauchmeter besorgen könne. Er verneinte, aber empfahl mir Unglaubliches.

Ich solle den Ball in eine Damenstrumpfhose stecken und die, wie schon beschrieben, über den Rücken binden. Habe dann für 1,95 Euro eine hautfarbene Strumpfhose gekauft. Zuhause erklärte ich Eva, dass wir heute einen neuen gemeinsamen Schlafzimmer-Aufenthalt versuchen könnten. Am Abend legte ich im Badezimmer das Gebinde an und betrachtete mich im Spiegel. Mir kamen jedoch Zweifel auf!
Denn mit meiner Bauch-Buckel-Statur schien mir Quasimodo, der Glöckner von Notre-Dame, dagegen ein Dressman zu sein. Als ich das Schlafzimmer betrat, flüchtete Eva mit den schon bekannten Schreien - diesmal ganz aus der Wohnung.

Die Kreuzfahrt haben wir nicht gebucht. Eva wandert mit ihrer Frauengruppe seitdem durch die Rhön. Wir schlafen auch weiterhin in getrennten Zimmern. Eva kann den Anblick nicht ertragen, wenn ich nächtens in einem „Christensen-Hänge-Schlafsack“ wie eine Fledermaus von der Decke baumele.

*

WIRKLICH:
Dieses Produkt hat der Erfinder Harold Christensen am 4. Oktober 1951 mit der Nummer US 2694208 A zum Patent angemeldet. Das Ding sollte eigentlich bei Expeditionen in durch Raubtiere gefährdeten Gegenden zum Einsatz kommen. Der Sack wird an der darin befindlichen Person mittels einer flaschenzugähnlichen Einrichtung in die Höhe gehievt. Wegen Absatzschwierigkeiten wurden bis 1954 nur drei Exemplare angefertigt und die Produktion dann eingestellt. Das einzig noch vorhandene und gebrauchte Relikt habe ich durch das Internet für 3750 Euro erworben. Ja, eine Rarität der besonderen Art hat schon seinen stolzen Preis.

Ob ich noch schnarche? Keine Ahnung, ich schlafe tief und fest - in aufrechter Haltung. Durst quält keiner mehr und Eva stupst mich auch nicht mehr.

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