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Polarität

Von Feierabend-Mitglied 21.07.2024, 12:08

Gestern war ich auf dem Wochenmarkt, um meine Einkäufe zu erledigen. Am Markt ist ein kleines Cafe mit Stühlen draußen, da kehre ich gerne ein. Es ist interessant, die Menschen zu beobachten, einen Kaffee zu trinken und mich dann wieder auf die Stille meiner Wohnung freuen.

Am Nebentisch saß eine alte Frau mit ihrem Rollator und lächelte mich an. "Haben wir es in unserem Alter nicht wunderbar, keine Pflichten mehr, kein Muss, ein herrliches Gefühl von Freiheit. Ich kann meinen Bedürfnissen und Befindlichkeiten folgen , das ist für mich jeden Morgen ein Glücksgefühl." Ich bestätigte es mit einem Lächeln und fragte sie, ob sie Familie hat. " Nein sagte sie, ich wollte nie heiraten, habe auch keine Kinder, nur wenige verlässliche Freunde und wenn ich es mal brauche, Hilfe in der Nachbarschaft. Ich war immer berufstätig, habe aber oft eine Auszeit genommen und bin gereist. Mir sind wunderbare Menschen begegnet, ich hatte viele Liebhaber, es waren humorvolle Männer, aber zum Heiraten völlig ungeeignet, richtige Filous. Ich habe so viele schöne Erinnerungen, das Geld war immer knapp und meine Rente auch. Aber was brauche ich noch mit 85 Jahren, für eine Kaffee und mal ein Buch zum Lesen reicht es immer." Wir plauderten noch ein wenig, dann meinte sie : " Wenn ich einen Computer hätte und damit umgehen könnte, dann würde ich ein Buch über meine Liebhaber schreiben. Aber den Zeitpunkt habe ich verpasst und das lerne ich auch nicht mehr. Ich habe ja alles in mir und das macht mich froh."
Ich verabschiedete mich und wünschte ihr alles Gute, wir winkten noch, dann machte ich mich auf den Weg nach Hause. Wie schön, einem alten, mobilitätseingeschränktem Menschen zu begegnen der voller Lebensfreude ist.

Als ich in meine Straße einbog setzte ich mich auf eine Bank, auf der ich oft ausruhe nach anstrengenden Erledigungen. Auch dort saß eine alte Frau, so um die 70 Jahre, schätzte ich. Sie hatte weder einen Stock, noch einen Rollator. Ich begrüßte sie freundlich und wünschte ihr einen guten Tag, aber sie schimpfte sofort und sagte, in unserem Alter gibt es keine guten Tage mehr. Die Welt ist so schlecht und die Familie kümmertet sich fast gar nicht um mich. " Hören sie die Vögel zwitschern, sie genießen die Sonne!"sagte ich lächelnd.
"Das will ich gar nicht mehr hören, ich habe an nichts mehr Freude."


Ich verabschiedete mich freundlich und sie rief mir nach:" Sie sind auch nicht besser als die anderen Menschen."
Ich dachte so bei mir, wie sehr wir uns durch unsere Gedanken auch unsere eigene Realität schaffen.Manche betagte Menschen klagen über ihre Einsamkeit und fühlen nicht mehr, dass sie selbst Freunde und Bekannte durch ihre chronischen Vorwürfe an das Leben vertreiben.

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