Penner-Weihnacht
Von ehemaliges Mitglied 16.12.2018, 17:08
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Island in the Sun
Ich stand am Bahnhofskiosk als mich ein Mann, der wie ein Hippie aussah, ansprach: „Darf ich Sie was fragen?“
„Gerne, worum geht es?“ In mir keimte die Hoffnung, dass mich der Lennon-Verschnitt auf ein Bier einladen könnte.
„Ich bin Student und arbeite für eine Zeitung.“
„Aha.“
„Heute ist kein normaler Tag, heute ist Heiliger Abend. Wie werden Sie ihn verbringen?“ fragte er mich.
„Wenn es nicht so ein Sauwetter hätte, würde ich sagen, das steht in den Sternen“, sagte ich und zeigte mit der Hand auf die tiefliegenden Regenwolken. Sein Blick ging nach oben und dann nach unten zu meinen kaputten Schuhen. Der Typ hatte längst erkannt, dass ich ein Sandler war.
„Sie sind obdachlos; in dieser reichen Stadt?“
„Ja, bin ich.“
„Wie kann so etwas passieren? Wollen Sie mir darüber etwas erzählen?“, fragte er.
Statt Interesse an meinem Schicksal sah ich nur blanke Neugier in seinen Augen. Daher erzählte ich ihm nicht, wie es mit mir so weit hatte kommen können. Er würde es wahrscheinlich nicht verstehen wollen, dachte ich. Ich bot ihm an, über das „Jetzt“ zu reden, dem Status quo. Insideransicht quasi.
„Das ist sehr interessant. Bitte erzählen Sie.“
„Sie haben Recht, Salzburg und obdachlos, das passt nicht zusammen. Obdachlos und Alkoholiker geht schon gar nicht. Wenn dann noch Weihnachten, das Fest der Liebe im Kalender steht, wird es wirklich eng für Menschen am Rand dieser Gesellschaft. Das ist die Unzeit für Tagelöhner und Aushilfskräfte. Die meisten Arbeitgeber wie Baufirmen, Messebetriebe oder Speditionen, schicken ihre Mitarbeiter in die Weihnachtsferien. Bis Dreikönig bleiben diese Rettungsanker geschlossen. Für reguläre Arbeit besteht vor den Feiertagen sowieso keine Chance. Dumm gelaufen, wenn ein Gestrauchelter wie ich, bis dahin keine Bleibe gefunden hat. Die Caritas bietet eine Notschlafstelle in einer alten Baracke an. Zehn Stockbetten auf kleinstem Raum, ein Stuhl pro Person und eine Rossdecke aus Kriegsbeständen. Bis zu acht Tage können Wohnungslose hier für kleines Geld übernachten. Es gilt der hehre Grundsatz: Kinder und Frauen zuerst, dann die Männer und – l nach einer Atemprobe – die Alkoholiker. Ist diese positiv, wird die Aufnahme verweigert; womit in den meisten Fällen die Herbergssuche weitergeht. Was danach geschieht interessiert niemanden.“
Meine Kehle war vom vielen Reden trocken geworden, ich trank den letzten Schluck aus der Flasche und hielt sie mit einem fragenden Blick hoch, doch mein Zuhörer reagierte nicht.
„Na, dann halt nicht“, sagte ich resignierend.
Ich hätte dem jungen Reporter noch viel erzählen können, unterließ es aber, als ich merkte, dass es ihm nur um Reißerisches ging und er nicht bereit war, mein Bier zu bezahlen. Was versteht so ein Schnösel schon vom Leben auf der Straße, von Sozialämtern und von herablassender Behandlung durch satt gefressene Beamtenärsche. Seit damals, als ich das Poster mit dem Verfassungstext: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, an die Tür des Sozialamtes geheftet hatte, war ich wegen angeblicher Aufwiegelung mit Hausverbot belegt worden. Das hätte der Schmierfink von der Zeitung wahrscheinlich gerne geschrieben in seinem Käseblatt.
„Ohne Geld ka Musi“, sagte ich. Oft genug war mir diese alte Weisheit selbst zum Verhängnis geworden.
Ich ging in Richtung Innenstadt, knapp an den Hauswänden, um den ärgsten Regengüssen zu entkommen. Nicht nur von oben drohte Nässe – auch von unten – einer meiner Schuhe war im Begriff sich aufzulösen. Die Sohle an der Vorderseite klappte auf wie ein Entenschnabel. Jeder Fehltritt in eine der vielen Wasserlachen bescherte mir ein Fußbad. Endlich erreichte ich meinen Unterstand, das Wartehäuschen an der Bushaltestelle gegenüber dem Schloss. Das stand für mich strategisch günstig, denn gleich daneben befand sich ein Würstelstand, der mir so manche Hungernacht erspart hatte. Der Würstelmann leerte nach Feierabend seine Restbestände, die unverkauften und vom heißen Wasser ausgelaugten Frankfurter und Bockwürste in den öffentlichen Mistkübel. An guten Tagen hätte ich damit eine Familie ernähren können. Der Heilige Abend war kein guter Tag, auch nicht für den Würstelmann. Er hatte früh geschlossen und keine Restbestände hinterlegt. Der Tag versank im Nebel, die Lichter der Autos wurden schemenhafter. Mir schien, als ob die Stadt langsam zur Ruhe käme. Eine lange Nacht lag vor mir.
Ich stand schon einige Zeit an der Bushaltestelle im Wartehäuschen, zum Nieselregen hatte sich ein kalter Nordwind gesellt. Ein dick vermummter Mann räumte beim Weihnachtsmarkt vor dem Schloss die letzten Lebkuchen aus der Verkaufsbude in sein Auto. Für ihn war Feierabend für dieses Jahr. Was machten die Glühweinverkäufer eigentlich mit den übriggebliebenen Bauchwärmern?
Ich blieb nicht allein in meinem Unterstand, zwei junge Frauen und eine Oma mit zwei Enkelkindern warteten mit mir auf den letzten Bus. Für sie war ich ein ganz gewöhnlicher Mann. Wie sollten sie wissen, dass ich nirgendwohin fuhr. Wohin auch? Es gab kein Zuhause.
Die Leute wurden weniger, die letzten Vermummten hasteten der warmen Stube entgegen. Der letzte Bus fuhr langsam in die Haltebucht, zischend öffneten sich die Drucklufttüren. Niemandem fiel auf, dass ich nicht einstieg, jeder war mit sich selbst beschäftigt. Ich war wieder einmal übrig geblieben. Vor mir die große Weihnachtstanne, dieses Jahr kam sie aus der Steiermark, meiner früheren Heimat, die auch die Waldheimat Peter Roseggers war, meinem Lieblingsautor aus Kindertagen.
Im Schloss Mirabell wurde die Festbeleuchtung ausgeschaltet, nur eine Tafel mit einer Weihnachtsbotschaft des Bürgermeisters war noch zu sehen. Die Kerzen der Steirertanne strahlten wie Sterne. Oder waren es ein paar Tränen, die meinen Blick verschleierten und die Regentropfen zum Leuchten brachten? Ich weiß es nicht mehr, ich wusste nur eines, ich musste irgendwo unterschlüpfen, um diese Nacht zu überstehen. Ich muss auf andere Gedanken kommen, dachte ich und begann mich umzusehen in meinem Wartehäuschen. An den Glaswänden klebten bunte Hinweise auf verschiedenste Veranstaltungen. Das interessanteste Plakat war eine Vorankündigung einer Gastspielreise von Harry Belafonte: Island in the Sun. Ich mochte Harry Belafonte schon immer. Nicht nur seine samtig raue Stimme faszinierte mich, auch sein persönlicher Einsatz für die Schwarzen in Amerika und die Minderheiten dieser Welt hatte mich sehr beeindruckt. Mein Unterstand wurde zur Bühne – ich träumte mich in karibische Nächte und summte vor mich hin – die Sentimentalität des Heiligen Abends schien vergessen.
Ich bekam Besuch in meiner bescheidenen Hütte, ein sichtlich betrunkener Mann schlurfte in meine Richtung, geradewegs auf mich zu. Er fluchte leise vor sich hin, offensichtlich hatte sich bei einer seiner Tragetaschen der Henkel gelöst. Er hatte alle Hände voll zu tun, dass der Inhalt nicht auf den Boden fiel. Bei mir angekommen, stellte er seine scheppernde Tasche auf die Bank, nicht ohne kräftig zu fluchen, wegen seines Missgeschicks.
„Kann ich dir helfen?“, fragte ich ihn.
Zunächst ignorierte er mein Angebot, dann begann er doch noch zu sprechen:
„Ich arbeite als Portier und Hausmeister in einer kleinen Privatklinik, gleich da drüben“, sagte er, „heute habe ich Dienst gehabt und es ist ein guter Tag gewesen, denn das gesamte Klinikpersonal hat sich bei mir bedankt, dass ich immer für sie da bin, wenn sie mich brauchen.“
Meine Ahnung, dass der gute Mann Trinkbares transportierte, bestätigte sich.
„Das gehört sich auch so“, sagte ich und gab ihm recht.
Seine Taschen waren voll mit Geschenken in Form von Wein und Hochprozentigem.
„Schau her, das ist doch was, oder?“
„Boah!“ Ich staunte nicht schlecht, als ich seine Schätze sah.
„Das ist bei uns so Brauch, zu Weihnachten schenkt mir jeder eine Flasche“, sagte er und spendierte mir eine Flasche meiner Wahl. Gemeinsam köpften wir einen Beaujolais und rauchten Zigarillos, ebenfalls aus dem Geschenkefundus meines neuen Freundes. Harry Belafonte war vergessen. Wie immer, wenn ich meinen Alkoholpegel auf den richtigen Level gebracht hatte, stellte sich Wohlbefinden ein. Mein Kumpel bekam dann doch leichte Gewissensbisse wegen seiner Frau, die er schon fast vergessen hatte. Seine Einladung, mit ihm in seine nahegelegene Wohnung mitzukommen, lehnte ich dann doch ab.
„Na, dann mach´s gut Alter“, brummte er und trollte sich.
„Frohe Weihnachten!“, rief ich ihm nach, aber das hörte er schon nicht mehr.
Die Anonymität dieser Stadt ließ mich im doppelten Sinne frösteln, aber sie hatte auch etwas Gutes, besonders für einen Nichtsesshaften wie mich. Niemand stellte unangenehme Fragen, abgesehen von der Polizei. Solange ich halbwegs nüchtern war, achtete ich penibel darauf, dass niemand meine Not an meinem Äußeren ablesen konnte. Jedenfalls glaubte ich, dass es so sei. Ich glaubte an mich und redete mir ein, dass, solange ich mich selbst als einen guten, ehrlichen Mann sah, es die anderen auch tun würden. Mit diesen Gedanken verließ ich mein Wartehäuschen und begab mich auf die Suche nach einer geeigneten Schlafstelle. Während meiner letzten Streifzüge durch die Stadt war mir eine Baustelle aufgefallen, die meinen Kriterien für eine unentdeckte Übernachtung einigermaßen entsprach. Das Erdgeschoss eines Bürohauses wurde gerade zu einem Geschäftslokal umgebaut. An Wochenenden und Feiertagen war also keine größere Störung durch Bauarbeiter zu befürchten. Der Bauzaun war kein echtes Hindernis, ich konnte ihn leicht zur Seite schieben, ohne etwas zu zerstören. Das war mir wichtig, denn ich wollte ja erstens wiederkommen und zweitens nicht als Einbrecher gelten. Ich wollte nur meinem geschundenen Körper etwas Ruhe gönnen und ihn vielleicht etwas erwärmen. Zum Glück fand ich im hinteren Teil einen dunklen Raum, der nicht sofort von der Straße einsehbar war. An der Rückwand befand sich ein Heizkörper, der sogar etwas Wärme spendete. Super! Schnell suchte ich ein paar Styroportafeln zur Kältedämmung. Meine Kenntnisse als Bauhandwerker kamen mir dabei zugute. Zwei Tafeln dienten als Unterlage und eine als Kopfstütze am gerippten Heizkörper. Mein Parka wurde zur Decke umfunktioniert und so döste ich leise vor mich hin. Der Kick vom Beaujolais ließ mich zufrieden in die weihnachtliche Straßenbeleuchtung schauen. Alles wird gut!
Es muss so um fünf Uhr früh gewesen sein, als ich vor Kälte zitternd wach wurde. Was war geschehen? Der Regen war in Schneefall übergegangen, soviel konnte ich bei einem Blick auf die Straße erkennen, aber warum ist es so kalt? Ein Griff an den Heizkörper bestätigte meine Ahnung: abgedreht. Die Ölkrise hatte auch den Bau erreicht, sie hatten die Heizung nachts heruntergefahren. Aber erst ein Griff an meinen Kopf zeigte die wahre Bescherung und den Grund, warum mich so fürchterlich fror. Auf meinen Haaren lag eine zentimeterhohe Schneehaube. Erst jetzt bemerkte ich, dass hoch über meinem Kopf ein Fenster angebracht war. Leider ohne Verglasung. Das hatte ich in meinem Dusel übersehen. Aus dem Regen war in der Nacht Schneefall geworden und der Nordwind blies den Schnee auf meinen Kopf.
Ich musste raus hier, brauchte dringend Bewegung. Trotz der fatalen Situation musste ich lachen. Nie zuvor hatte ich so vor Kälte gezittert. Ich konnte das Zittern willentlich nicht abstellen, es ging nicht.
In der ärgsten Not hat man manchmal die besten Ideen, so kam es, dass mir Antonia einfiel. Sie war Schwester Oberin im geistlich geführten Altersheim, das eigentlich „Senioren-Residenz“ hieß. Schwester Antonia war in Obdachlosenkreisen dafür bekannt, dass man von ihr in größter Not Kleidung bekam. Aber nur Kleidung oder Schuhe, niemals Geld.
Es war nie meine Sache gewesen, als Bettler durch die Lande zu ziehen, aber diesen Tag erklärte ich zur Ausnahme und stapfte bibbernd zur Pforte des Hauses. Zunächst musste ich mich etwas aufwärmen um überhaupt vernünftig sprechen zu können, also ließ ich ein paar Minuten verstreichen, bevor ich die Glocke bediente. Während ich noch überlegte, was ich sagen soll, ging die Tür auf und eine betagte Dame mit Pelzmantel erschien. Sie war offensichtlich eine Bewohnerin dieser Residenz, sie sah mich entgeistert an und rief: „Um Gottes Willen, wie sehen Sie denn aus. Was ist passiert, junger Mann?“
Ich grüßte höflich und erklärte dann, dass ich zu Schwester Antonia wolle, und dass ich dringend um ein Paar Schuhe benötigen würde.
„Warten Sie hier, ich komme gleich wieder und bringe Ihnen was sie brauchen“, sagte die Frau und verschwand so still, wie sie gekommen war. Nach ein paar Minuten kam sie mit einem Schuhkarton zurück und entschuldigte sich: „Schwester Antonia ist krank, sie kann nicht kommen. Ich habe Ihnen Schuhe gebracht, sie sind von meinem verstorbenen Mann. Ich hoffe, sie passen. Sie sind handgenäht und sicher gut haltbar.“
Es waren sogenannte Haferlschuhe, wie sie zu Trachtenanzügen getragen wurden. Größe 45, las ich auf der Sohle. Egal, dachte ich und schlüpfte hinein. Besser zu groß als zu klein, mit Zeitungspapier ausgestopft und alles wird gut. „Danke vielmals”, sagte ich, „Sie haben mir sehr geholfen, gnädige Frau.“
Während ich meine Schuhe wechselte, hatte mich die elegante Dame beobachtet und musste zu dem Schluss gekommen sein, dass ich ein anständiger Mensch sei. Sie zog ein Kuvert aus ihrer Handtasche, schaute mich prüfend an und sagte: „Eigentlich wollte ich heute in den Dom gehen und dem Pfarrer eine Kleinigkeit zur Unterstützung für Bedürftige geben, aber ich habe mich entschlossen, Ihnen zu helfen. Bitte nehmen Sie dieses Kuvert. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Auf Wiedersehen.“
Die Tür fiel mit einem leisen Klick ins Schloss und ich stand da, verschämt, weil ich zum Bettler geworden war. Ich war der edlen Dame sehr dankbar, nicht nur der Schuhe und des Kuverts wegen, nein, auch weil sie mich behandelt hatte, wie Einen der ihren. Leise ging ich auf die menschenleere Straße. Erst jetzt wagte ich, das Kuvert zu öffnen und wäre fast aus den Schuhen gekippt. Eine echte „Blaumeise“ lachte mich an. Ein blanker Eintausend-Schilling-Schein. Ein Vermögen in meiner Situation. Am liebsten wäre ich zurückgegangen, um mich bei der alten Dame noch einmal zu bedanken, aber ich wusste nicht einmal ihren Namen.
„Was mache ich jetzt mit diesem unerwarteten Reichtum?“, fragte ich mich laut. „Du brauchst dringend etwas zu essen. Und rasieren musst du dich, das ist wichtig. Also auf zum Bahnhof, wo sonst ist an so einem Feiertag geöffnet?“, sagte ich zu mir selbst.
So schnell mich meine zu großen Schuhe trugen, eilte ich zum Hauptbahnhof. Erst Zigaretten kaufen, dann zum Rasierautomaten und dann ab in die Waschräume der Eisenbahner, das musste sein. Selbstbewusst stolzierte ich in die Restauration erster Klasse, in den Marmorsaal. Wie verloren saßen die wenigen Gäste im Raum, jeder für sich allein an einem Tisch. Es roch verführerisch aus der Restaurantküche. Auch zu dieser frühen Stunde wurde hier beste Küche geboten. Ich bestellte ohne Hast erst einmal ein Bier. Ich tat so, als müsste ich überlegen und nahm schließlich doch das Gulasch mit Serviettenknödel. Sogar Stoffservietten gab es zum Gedeck. So kann es weitergehen, dachte ich. Zufrieden schaute ich den Gästen beim Essen zu. Innerlich jubelte ich ihnen zu: „Schaut her, ich bin auch ein Mensch, einer von euch. Ich war immer einer, ihr habt mich nur nicht gesehen.“