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Nur ein winziger Klick

Von Pinnacle Donnerstag 21.05.2020, 14:15

Nur ein winziger Klick
JOA Bosch ©BJS

Unsichtbar huschte die Killer-Drohne „Apokalypse“ über das wüstenartige Tal und folgte lautlos dem vorgegebenen GPS-Signal . Die Einsatzzentrale hatte kurz zuvor per Satellitenortung eine Wagenkolonne entdeckt, per Laser markiert und zur Bekämpfung freigegeben. Der Leutnant, der in der über 8000 Kilometer entfernten mobilen Flugbereitschaft als Pilot fungiert, gab die relevanten Daten und Koordinaten für die Kampfmaßnahme 06/17 ZEBRA ein. Danach wird das unbemannte Gerät, das mit vier Laser-Raketen und zwei Lenkbomben bestückt ist, mit seinen automatischen Kameras den Kampfeinsatz und auch das Ergebnis dokumentieren. Kurz vor Dienstschluss und dem Pilotenwechsel sollte das heute seine letzte Amtshandlung sein. Starr blickte er auf den Bildschirm, öffnete dabei eine Packung Erdnüsse und einer alten Marotte folgend, warf er sich Nuss für Nuss gelangweilt in den Mund.

Bald darauf wurde das Ziel von dem Lenkwaffen-System erfasst und der Laserstrahl folgte jeglicher Bewegung der Fahrzeuge. Selbst die rötliche Staubwolke, verursacht von acht, auf einer sandigen Piste dahinrasenden Geländewagen, konnte das Ziel nicht unsichtbar machen. Die wärmesuchenden Sensoren erfassten mit tödlicher Sicherheit die Kolonne und der junge Offizier ließ sich für die Aktion nochmals über Sprechfunk das OK geben. Dann betätigte er die rote Taste für den Abschuss der Gefechtsköpfe. Nach dem Klick schaute er auf dem Monitor den Flugbahnen und dem weiteren Geschehen zu. Nach den gewaltigen Explosionen und blutroten Feuerbällen lenkte er im Tiefflug die Drohne mehrmals um den Ort der Kampfhandlung. Dabei nahmen die hochauflösenden Kameras in Sekundenschnelle Hunderte Bilder der vernichteten Fahrzeuge und Leichenteile von unzähligen Menschen für die spätere Auswertung auf. Es gab anscheinend keine Überlebenden.

Zufrieden lehnte sich der Pilot zurück und steuerte das Kampfmittel sicher zu dem vor der Küste kreuzenden Lenkwaffen-Zerstörer. Nach der Landung wird die Drohne hier zu weiteren Kampfeinsätzen gewartet, nachgerüstet und für eine Gesamtflugzeit von 30 Stunden aufgetankt.
Kurz vor Dienstende traf die Ablösung für die nächste Schicht ein. Stolz berichtete er dem Nachfolger von dem Gefechtseinsatz „06/17 ZEBRA“ und dem erfolgreichen Flug „seiner Apokalypse“. Dann, nach exakt festgelegtem Übergabe-Modus von Steuerpult, Computeranlage und Codewörter-Akte beendete der Leutnant seinen Einsatz. Frisch geduscht, den Kampfanzug gegen Zivilkleidung ausgewechselt, stieg er gutgelaunt in sein Auto, verließ den Stützpunkt und fuhr mit Vorfreude auf das freie Wochenende nach Hause.

Ja, er liebt seinen Job. So wie andere Leute zur Arbeit ins Büro fahren, führt er seinen Beruf nicht auf dem blutigen Schlachtfeld, sondern in einem klimatisierten Container aus. Hier gibt es keine lauten Kampfgeräusche oder Schreie der Verwundeten und Sterbenden. Nur das Summen des Computers und Klicken der Tastatur, sowie das Surren der automatischen Sprechfunk- und Protokollaufzeichnungen belegen das Ergebnis seines Handelns. Aber es gibt keine physische Rückmeldung, dass das, was man da angerichtet hat, auch real war!

Kaum in der idyllischen Reihenhaussiedlung angekommen, stürzen ihm schon die Kinder fröhlich lärmend entgegen. Seine Frau winkt freudig vom Küchenfenster aus zu und schwenkte dabei seinen Begrüßungsdrink. Nachdem er alle liebevoll in den Arm genommen hatte, nahm er das „Nesthäkchen“ auf den Schoß und plapperte mit ihm ein wenig Babysprache. Anschließend erkundigte sich das Familienoberhaupt nach Tagesablauf, sowie Schule und Sport der andern. Als auch der Whiskey genossen war, heizte er schon mal den Grill an.
Dabei dachte er sich: „Es kann ja nur zum Vorteil sein, wenn man Vorgesetzte und Kollegen zur Gartenparty mit Bier und Steaks bittet und dabei auch noch über die heutige erfolgreiche Ausschaltung des Feindes berichten kann.“

Dann widmet er sich seinem Hobby. Fröhlich pfeifend geht er zu dem Blumenbeet und beschäftigte sich mit Schnitt und Veredelung seiner Rosen. Wie er gerade einen Abschnitt von der „Roten Luise“ in den Stock einer minderen Sorte aufpfropfen will, fahren plötzlich zwei schwarze Limousinen vor. Anstatt der erwarteten Gäste springen mehrere Männer mit Bürstenhaarschnitt, in schwarzen Anzügen und ebenso dunklen Sonnenbrillen, aus den Fahrzeugen und schwärmen rasch auf ihn zu. Im Knopfloch ihrer Revers funkelt eine kleine goldene Drohne, die anstatt Fühler zwei Blitze tragen.
Erschrocken lässt der Leutnant die Rosenschere fallen und starrt der militärischen Sondereinheit mit dem ihm bekannten Abzeichen entgegen. Versinnbildlicht es doch eine männliche Biene, Wespe oder Hornisse, was ja seiner Waffengattung entsprach. Gleichzeitig trifft auch eine Militärpolizeistreife ein
.
Die Männer umkreisen ihn und der stiernackige Einsatzleiter herrscht ihn von Angesicht zu Angesicht an: „Leutnant, Ihr Flug „06/17 ZE-BRA“ verursachte verflucht noch mal einen Scheiß-Kollateralschaden! Und verdammt, gleich werden die Abendnachrichten weltweit über den Angriff und das Massaker an Zivilisten berichten.“ Bestürzt will der junge Offizier antworten: „Das kann nicht wahr...“, doch sein Gegenüber unterbricht ihn schreiend: „Halten Sie den Mund und hören mir zu! Das waren Angehörige eines friedlichen Bergstammes und als Hochzeitsgesellschaft unterwegs! Sie folgen uns jetzt umgehend in das Hauptquartier. Der Stab muss eine Erklärung abfassen und braucht dazu noch ein paar persönliche Details von Ihnen.“
Fassungslos stammelt der Leutnant: „Aber ich habe doch nur den Befehlen gehorcht, die nochmals bestätigt und mit Code frei gegeben wurden!?!“

Inzwischen waren nicht nur seine Familie, sondern auch die Nachbarn, auf das Geschehen neugierig geworden. Die Militärpolizisten scheuchten die hinzukommenden Menschen davon und die Sondereinheit verfrachtet den Leutnant in den Fond des vordersten Wagens. Die Kolonne fuhr im Eiltempo los, dabei drehte einer der Agenten sich zu ihm um und sagte; „Wissen Sie, was Sie da angerichtet haben? Sie haben fast 90 unschuldige Menschen, davon die Hälfte Kinder, gegrillt und alle ausgeknipst.“
Spöttisch ergänzte der Einsatzleiter: „Herr Leutnant, das Dumme daran ist nur, dass Sie Gefechtsköpfe im Wert ihres Einfamilienhauses buchstäblich in den Sand gesetzt haben!“

*

Jahre später, das Nesthäkchen hat sich zu einer jungen Frau entwickelt, besucht sie nach langer Zeit wieder einmal ihren Vater in dem Sanatorium für Veteranen und Kriegsgeschädigte. Die Tochter trifft dort einen vergreisten und hohlwangigen Mann an, der sie bei der Begrüßung misstrauisch mustert. Und als die junge Frau nach einigen Floskeln ihm von ihrer bevorstehende Hochzeit berichten will, unterbricht der Vater sie und fragt: „Junge Frau, in was für einem Monat heiraten Sie denn?“ Die Tochter erklärt ihm, dass die Trauung im Oktober stattfindet.
Er nickt zufrieden und sagt erleichtert: „Gut, das ist sehr gut. Denn im Herbst fliegen keine Drohnen mehr umher. Diese Biester sind in dieser Jahreszeit und nach ihrem Hochzeitsflug schon längst tot. Sie können ihre Vermählung nicht mehr gefährden.“
Weinend verlässt die Tochter den Mann, der einst ihr liebevoller Vater war.

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