Morgengrauen
Von
Pinnacle
Montag 06.04.2020, 11:01
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Pinnacle
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„Morgengrauen“
Joa Bosch ©BJS
Es klingelt.
Es bimmelt und klingelt noch aufdringlicher.
Der Wecker schreit immer lauter werdend: „Das Grauen beginnt, das Grauen beginnt, das Grauen beginnt“, bis er endlich schweigt.
Wach geworden.
Fünf nach Acht.
Meine Synapsen sagen mir: „Ewig nicht mehr so gut geschlafen“.
Und ich frage: „Hat mich die Talkshow Anne Will so müde gequatscht, oder war es doch das letzte Glas Rotwein?“
Ich schlage nicht nur die Augen auf, sondern auch die verknüllte Bettdecke zurück; und beginn mit den Ritualen.
Augen ausreiben, aufstehen, Reste von nächtlichen Wadenkrämpfen ausschütteln, sich in die Küche schleppen, dabei dei Knochen, dann Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel sortieren. Karottensaft mit Leinöl mischen. Dann damit Pillen, Kapseln und Tabletten einnehmen – widerlich! – Gesund? Hoffe es!
.
Radio einschalten und mich wie immer über das grüne Glühen des magischen Auges des 62-jährigen Blaufunkradios freuen. Moderatoren versuchen mit gestellter Heiterkeit meine Lebensgeister zu wecken. Zwecklos! Ich hasse diese Clowns. Äffe ihr künstliches Lachen und die dümmlichen Sprüche nach. Warte bis flotte Musik mich in Schwung bringt.
Aus dem Fenster schauen. Greislich! Grau in grau!
Ein Elsterpärchen keckert nervend vor meinem Balkon. Schwarzweiße Vögel, grünes Auge und graues Morgenlicht weckt in mir eine Erinnerung ganz anderer Art. Soll ich wieder mal ein Hühnchen an Grünkohl mit Graubrotbrätlingen zubereiten? Ach nee.
Handy einschalten. Acht SMS und 36 Emails blinken. Alles Werbung. Von Eva nichts. Immer noch beleidigt! Warum? Weiß ich schon gar nicht mehr. Nur Schweigen.
Mitleidlos sagt mir das Radio: „Sie schweigt? Na und; gestern habt Ihr am Telefon wegen dem James Bond doch nur rumgestritten.“
„Ach, halt doch die Klappe, wer hat Dich denn gefragt? Mach lieber Musik.“
Jetzt auf die Waage. Sie sagt: „Eh, wo hast Du das Kilo verloren?“
„Naja, gestern nur ein weiches Ei gefrühstückt und am Nachmittag mit Eva ein Erdbeertörtchen gegessen.“
„Mit Eva?“
„Ja, wir waren im Kino. Hab einen Schießscheißknallereifilm mit dem zwölften James Bond-Darsteller ertragen müssen. Vorher im Foyer ein Glas Prosecco getrunken. Dann waren wir noch in einem Bistro.“
„Ach so.“
Schweigend genau 30 Gramm Kaffeebohnen abgewogen.
Die Küchenwaage neidisch: „Warum bei mir immer so wenig und nicht 86 Kilo wie auf der ollen Bodenwaage?“
„Weil Du das nicht verkraftest!“
Die Bohnen kichern. Noch!
Kaffeemühle mit den jetzt verängstigen Bohnen gefüllt. Zum Mahlen ins Wohnzimmer. Fernseher eingeschaltet und Kurbel betätigt. Mieses Nachrichten-Programm mit arroganten Börsen-Dax-Wichtigtuern.
Ich schalte um in das Morgenmagazin.
Die Bohnen jammern jämmerlich und die Mühle jault dazu: „Immer nur das blöde Morgenmagazin, ich war noch nie im Kino!“ Fernseher entgegnet: „Da fliegen Dir die Bohnen doch nur um die Ohren!“
Ich lache zum ersten Mal, schalte den Flimmerkasten aus und schlurfe in die Küche.
Kaffeemaschine: „Wo bleibt Ihr denn? Kann Euer Gequatsche nicht mehr hören. Lasst mich endlich brühen!“
Filtertüte hämisch: „Du hast ja nicht mal Wasser in Dir!“
Ich gieße zwei Tassen von der destillierten Flüssigkeit in die Ungeduldige. Falte den maulenden Filter, steck selben auf seinen Platz, fülle ihn mit den sterblichen Bohnenresten und schalte die Maschine ein.
Wasser glucksend meint sie: „Dann will ich mal das Beste aus dem Muckefuck herausholen“.
„He, das ist brasilianischer Hochland-Kaffee mit Schonröstung“ fauche ich missmutig.
Ach ja, die Milch muss ja auch noch raus. Mach den Kühlschrank auf.
Unterkühlt meckert der: „Soso, im Kino und Bistro Schampus- und Kuchen-Orgien gefeiert, aber ich muss immer noch Dein misslungenes Kabeljau-Kartoffel-Gratin mit Kräuterhaube seit Tagen aufheben.“
Die Milch ruft mir zu: „Und ich bin sauer, buchstäblich stocksauer von dem ganzen Fischgeruch!“ Fischzeugs und Milch in die Toilette geschüttet.
Alle sind jetzt entsetzt, quatschen und diskutieren wild durcheinander.
Ich versteh kein einziges Wort. Auch das Gebrabbel der Nudelbuchstaben in dem eingetrockneten Suppenteller ergeben keinen Sinn.
Resigniert gehe ich acht- und lustlos am Bad vorbei und begebe mich ins Arbeitszimmer. Schalte den PC ein und die Kiste sagt sogleich: „Na, was willst Du heute für einen Schmarrn zusammenschreiben?“
Beachte ihn nicht. Dafür hau ich kräftig auf seiner Tastatur herum und schreibe das Grauen vom Morgengrauen in das Word-Programm.
Und das Telefon schweigt noch immer.