Metamorphose (1982)
Von
Merlynn
16.07.2023, 20:08 – geändert 16.07.2023, 20:28
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Merlynn
16.07.2023, 20:08 – geändert 16.07.2023, 20:28
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Ein Schmetterling sieht eines Goldfischs Leuchten und flattert aufgeregt bald hin und her. Und wirft mit seinen Flügeln Schatten auf des Goldfischs Augen. So nimmt der Goldfisch wahr, dass es in schneller Folge hell und dunkel wird und klappt sein Fischmaul auf und zu und schwimmt bedächtig einen Kreis.
Der Falter sieht das goldne Blinken sich entfernen, will hinterher und ach - ! Er hat das Wasser nicht gesehen! Undseine Flügel werden naß. Muß er ertrinken in dem nicht erkannten Grab? So erschrickt, wer diesem seltsamen Schauspiel zusieht. Diesmal noch rettet ihn die Sonne, die heller leuchtet als der Fisch. Als der Schmetterling das Sonnenglitzern auf dem Wasser sieht, flattert er ganz schnell und hebt sich wieder in die laue Luft.
Und's Fischlein? Es schnellt sein' golden' Leib empor und wirft sich gleichfalls in die Luft und weiß nicht, wie es dazu kam. Kaum sieht der Falter die blanken Schuppen wie Sonnenspiegel glänzen und funkensprühnde Wasserperlen - da ist's um ihn geschehn! Jetzt ist es auch ein Schmetterling geworden, jauchzt es in seiner kleinen Brust! Schon fliegt er im Freudentaumel zu dem springenden Gold hinab - und fest geschmiedet sind seine samtnen Flügel an der kühlen Schuppenpracht.
Hinab, hinab, so fällt es nun - das schwere und federleichte Paar! So sieht es der Betrachter mit Bedauern. Die Sonne aber spiegelt sich weiter im Wasser und wartet.
Und in des Weihers Tiefe schwimmt ein Goldfisch mit zwei Flecken wie Rosenblätter auf dem Schuppenleib. Sie brennen ihn, den Kühlen, und seltsam dringt es in ihn ein. Was mußte dieses luft'ge Wesen sich ihn zum Ziel erkoren haben? Warum so kopflos hin zu ihm, der doch so anders ist? So sind wohl diese leichten Seelchen, die auch dort oben nur paar Tage leben.
Und dann die leise Antwort hingehaucht: Auch ich jetzt unten im Wasser, du Kühler, Schwerer, nicht tot, geschmiedet nur an dein blankes Gold. Verloren nur das Fliegen in der lauen Luft, verloren das Gesicht der Sonne. Und es drängt den Fisch, er muß wieder springen, wie Diamanten sprühn die Tropfen um ihn her und ein goldner Spiegel saust durch die Luft und gleitet zurück ins kühle Wasser.
Wer noch am Ufer steht, belächelt das übermütige Fischlein und geht dann fort, da sich eine dunkle Wolke vor die Sonne schiebt.
Hast du die Sonne noch gesehen, mein Fisch, mein Liebster, und liebst auch du sie? Die samten Flügel brennen wie zwei Feuerzeichen zusammen mit der Stimme aus dem Innern. Warum dieses Helle, Leichte zu ihm? Dieses Windige, was doch rasch verfliegen muß! Warum zu ihm, der doch unveränderlich bestand?
Und er, der jahrelang geübt hat, unbeweglich still zu stehen, um sich an der Klarheit des Wassers zu erfreuen, er rast nun durch das Wasser, gejagt von einer ungeheuerlichen Kraft, kreuz und quer pflügt er, als sei's ein Acker. In seiner kopflosen Flucht vor dem Unbekannten wühlt er den Schlamm auf und trübt das Wasser. Voll Schreck, daß es sich selbst aller Klarheit beraubt hat, verkriecht das Fischlein sich in den dunkelsten Winkel des Weihers. Und es ist ihm, als sollt es hier für immer hocken.
Doch da nun Ruhe einkehrt nach diesem rasenden Tanz, sinken die wirbelnden Staubteilchen langsam wieder zu Boden und ganz allmählich wird das Wasser wieder klar. Noch kanns der Fisch nicht sehen, denn dunkel ist's von schwarzer Nacht. Dann scheint auf einmal ein so sanftes, mildes Licht von irgendwoher in des Weihers Finsternis. Der Goldfisch regt sich nicht und weiß nicht, ob er hoffen soll, daß alles so wie früher wird.
Und weiter rückt der Schein des Lichts, und dann erreicht ein feiner Silberstrahl die dunkle Ecke des Verstörten. Der kleine Fisch schaut tapfer um sich her, und in des Mondlichts kühlem Schein betrachtet er den Weiher. Und alles, was ihm heimisch war, liegt dunkel, kalt, verlassen da, und lautlos zieht es zu ihm hin.
Unmerklich erst, hüllt immer fester ihn dann ein Schleier Schwermut ein. Der Goldfisch, der dies noch nie erlebt, weiß nicht den Namen für das, was ihn umringt - doch viele nennen's Einsamkeit. Und bebend fängt das Fischlein an zu frieren.
Nicht so, mein Fisch, mein Liebster, klingt es da in ihm. Nimm deine eigne Schwere, jetzt, deine Kühle gegen dies. Dann kannst du morgen leichter sein und vielleicht die Sonne schauen. Denn ich wär nie zu dir geflogen, wärst du nicht ein Sonnenspiegel!
Und da, zum ersten Mal erfreut den Goldfisch das Brennen. Schon ist der Schwermutsschleier fortgebrannt, und eine Leichtigkeit durchrieselt seine Flossen. Da schwimmt er mutig in des Weihers Mitte und dort verharrt er. Das Licht des Mondes milchig über sich, die lautlose Schwärze der Verlassenheit um ihn her und ein neuer Hauch von Leichtigkeit in seinem Innern.
Er schwebt im Wasser der Veränderung und wartet bis zum nächsten Tag. Und hier muß gewartet werden, damit ein jeder wissen wird, wie seine Nacht vorbeigehn muß. Lange muß er warten, doch sinkt er nicht zurück in die Schwermut - er trägt eine Leichtigkeit in sich, die schwerer wiegt.
Und der Fisch fragt in einer ganz neuen Weise -weiß nicht, daß es Vertrauen ist- fragt diese Stimme aus seinem Innern: Wie wußte ich es nicht, daß du so wertvoll bist, mein Leichtes, Samtiges? In der Dunkelheit stehen können, ohne zu frieren, nicht weil man kühl und schwer ist, nein, nur weil du da bist. Fast ein Nichts, du, ein feiner Hauch, aber doch Feuer, das brennt, wer bist du? Wie kannst du sagen, ich sei ein Sonnenspiegel? Mehr noch, wie kann es sein, daß ich es glaube?
Und als er schweigt, brennen still und warm die zwei Feuerzeichen, die einst Schmetterlingsflügel waren, und der Fisch trägt sie wie zwei Schilde gegen die düstre Verlassenheit des nächtlichen Weihers. Und aus dem Brennen kommt ihm die Antwort, und der Goldfisch jubelt sie hinaus: Niemals ein lauer Wind, der rasch verfliegt, niemals! Eine Fackel bist du, ein Bote der Sonne. Und so leicht bist du, weil die Schwere an sich selbst zugrunde geht! Und du sollst fliegen - fliegen - frei sein! So schwebt das Fischlein im Wasser der Veränderung und einmal ist die Nacht vorbei, und die Sonne eröffnet den neuen Tag.
Kaum trifft der erste Strahl den Weiher, da schwimmt der Goldfisch leicht hinauf. Er hört es deutlich in sich rufen: Komm her zu mir, mein Sonnenspiegel! Komm, fliegen wir nach Haus! Da wirft sich's Fischlein in die Luft und schaut der Sonne ins Gesicht - und weiß nichts mehr von sich. Doch ehe es zurück ins kalte Wasser fällt, flammen die Flügelzeichen auf!
Und seht, die Liebesmale des kleinen Schmetterlings wachsen, blühen und wandeln sich, und dann fliegt ein goldner Vogel mit frohem Flügelschlag in den neuen Morgen.