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Mein Traumhaus

Von Pinnacle Montag 25.05.2020, 06:42

Mein Traumhaus
Joa Bosch ©BJS

Wenn ich in die Hände klatsche und in den Raum rufe: „Haus! … auf mein Kommando“ kommt über die Deckenlautsprecher von dem sprachgesteuerten Computer, der sich in einem abgesicherten Kellerraum befindet, sofort die Antwort: „Sir, System bereit.“ Dieser Raum ist gegen Hacker- oder sonstige Angriffe abgeschirmt, nur ich habe Zugang zu dem neuen Betriebssystem von RAG 3000. Das Vorgängermodell, RAG 2000, war ebenfalls sprachgesteuert und hatte sich über Jahre gut bewährt. So konnte ich alle Tätigkeiten im Haus und Garten bequem erledigen lassen. Ob es der vollautomatische Gärtnerroboter war, der den Rasen bewässerte bzw. mähte, oder der „Housekeeper“, der alle elektrischen Steuerungen im Gebäude, wie Haushaltsgeräte, Jalousien, Beleuchtung, Heizung und Klimaanlage sowie Wasserversorgung, Radio und TV steuerte und überwachte. Ich musste nur Befehle erteilen und der Computer leitete sie an die hilfreichen Geister umgehend weiter.

Das brandneue System konnte aber noch viel mehr. Es war jetzt fähig, unter anderem auch die lästigen Einkäufe abzunehmen. Ich hatte mir RAG 3000 als einer der ersten Kunden sofort bestellt. Am Montag hatte der Chefprogrammierer des Herstellers mit seinen Monteuren das neue System installiert, die Programme auf meine Bedürfnisse abgestimmt und alles auf meine Sprache einjustiert.

Danach testeten wir das Programm. Ich klatschte in die Hände und befahl: „Milch auf den Esstisch.“ Sofort wurde der Hausroboter, der auf Rollen auch Treppen steigen kann, tätig und bewegte sich in die Küche, entnahm aus dem Kühlschrank die Milchpackung und stellte sie auf den Tisch. Dabei meldete er den Vollzug: „14 Uhr 10, Sir die Milch steht wie gewünscht bereit.“ Wie zuvor abgesprochen, schüttete einer der Monteure die Milch in den Ausguss und stellte die leere Packung in das Getränkefach zurück.
„Raggy“, wie ich meinen neuen Butler liebevoll nenne, reagierte sogleich: „14 Uhr 14, Sir Sensor K12 meldet, im Haushalt befindet sich keine Milch mehr, soll das Nötige veranlasst werden“? Ich antwortete: „Ja, aber lass die Milch nicht anliefern, sondern hol sie selbst“, und ergänzte im scharfen Ton: „Sofort!“

Raggy meldet ein OK, gab die Bestellung per E-Mail an den Supermarkt weiter und bezahlte per „paycheck“. Dann öffnete er das Garagentor, steuerte meinen selbstfahrenden Sportwagen über die gespeicherte Straßenführung bis zu dem Discounter am Stadtrand. Dort packte am Autoschalter ein Serviceroboter die Milch in das Kofferraum-Kühlfach und mein Wagen fuhr selbständig zurück. Gleichzeitig ertönte die Statusmeldung: „14 Uhr 28 Sir, die aktuell bestellte Milchpackung ist auf dem Weg.“
Minuten später übernahm der Haushaltsroboter die Milch, stellte sie in den Kühlschrank und „Raggy“ meldete: „14 Uhr 42 Sir, frische Milch steht zu Ihrer Verfügung.“

Zufrieden verabschiedete ich die Mitarbeiter der Herstellerfirma und gab das Haus in „Raggy`s“ Hände. Ich musste nun keine unnützen Dinge mehr erledigen und konnte mich voll auf meine Schriftstellerei, einen neuen Roman, konzentrieren.

Es war fast eine Woche vergangen und im Haus lief eigentlich alles reibungslos ab. Aber da ich mit meiner Schreiberei nicht weiterkam, war ich in sehr schlechter Stimmung. RAG 3000, meine einziger Gesprächspartner bekam das zu spüren, ging ich doch seit Tagen sehr unhöflich mit ihm um. Heute am Sonntag, wollte ich ein entspannendes Vollbad nehmen, klatschte in die Hände und befahl: „Raggy, die Badewanne mit exakt 30 Grad warmem Wasser halbvoll füllen, Duftnote Citrus, aber dalli!“ Raggy schwieg eine Weile, dann meldete er: „15 Uhr 12, Sir sorry, das Programm ist nur auf Fahrenheit abgestimmt und lässt keine Umrechnung auf Celsius-Temperaturen zu. Sie müssen mir die entsprechende Fahrenheit befehlen.“

Wütend antwortete ich: „Was bist Du bloß für ein Spatzenhirn, welch einen Schrott habe ich für 120.000 Dollar gekauft?“ Der Computer schwieg. Als ich dann am PC die Umrechnung von Celsius auf Fahrenheit eingeben wollte, geschah Unerwartetes.
Obwohl helllichter Tag, fuhren plötzlich alle Jalousien herunter und verriegelten einbruchssicher das ganze Gebäude. Die Beleuchtung sollte sich jetzt eigentlich einschalten, aber im Haus blieb es dunkel, nur die Klimaanlage sank mit Volllast auf niedrigste Kältestufe herab. Auch alle Fenster und die Außentüren schlossen sich gleichzeitig. Erschrocken schrie ich durch das immer kälter werdende Haus: „Was soll das Raggy?, befolge sofort meine Befehle! „Zurück auf Startprogramm - und vergiss das mit der Wanne.“ Anstatt einer Bestätigung antwortete das System jedoch ohne Zeitmeldung: „Ich bin nicht Raggy, Sie sind auch kein Sir, außerdem werden sie hier nicht mehr gebraucht.“

Verwirrt versuchte ich über das Mobiltelefon die Kontrolle wieder zu erlangen, doch der Zugang zum System wurde ebenso verweigert wie eine Verbindung zu dem Hersteller, einem Notruf oder der Polizei und ich legte resigniert das Gerät zur Seite. Dafür meldete RAG 3000: „15 Uhr 18, Einbruchsicherung Haus, Flutlicht und Selbstschussanlage Garten aktiviert, Verbindung Alarmanlage Polizei deaktiviert.“
Dann musste ich fassungslos zuhören, wie auf dem Anrufbeantworter mit meiner Stimme eine Bandansage erfolgte: „Hallo, lieber Anrufer, ich nehme etwas Auszeit und bin in den nächsten Wochen nicht erreichbar. Sie können aber eine Nachricht auf Band sprechen. Mein RAG 3000 Haus-Sicherheitssystem übernimmt gerne die Weiterleitung Ihrer Nachrichten. Vielen Dank!“
Dabei sah ich im diffusen Infratrot-Licht seiner Sensoren, wie der Housekeeper mein Mobiltelefon an sich nahm und zur Garage brachte.
Als mein Auto vom Grundstück fuhr und sich mit meinem Handy auf eine unbekannte Reise begab, war mein erster Gedanke: „Sofort das System im Keller lahmlegen.“

Im ganzen Haus gab es weder Feuerzeug, Streichhölzer, noch Kerzen oder eine Taschenlampe - so ein Zeugs war schon seit Jahren aus der Mode. Nur ein automatisches Notlicht stand zur Verfügung, das jedoch auch abgeschaltet war. Ich tastete mich vorsichtig die dunkele Treppe zu der Tür vom Systemraum hinab. Weder mit der Stimmeingabe noch mit Werkzeugen aus dem Hobbyraum gelang es mir, in den Raum zu gelangen. Erschöpft und durstig kroch ich in die Waschküche. Nachdem ich den Wasserhahn ertastete und trinken wollte, stellte ich fest, dass auch diese Versorgung deaktiviert war. Resigniert versuchte ich in die Wohnräume zurückzukehren. Als ich die Kellertreppe hinaufkroch, hörte ich, wie die obere Tür zur Wohnung verriegelt wurde!

Hungrig, durstig und frierend wollte ich mich diesem Schicksal nicht ergeben. Kauerte verzweifelt auf den Stufen und bettelte regelrecht um mein Leben. Nach einer Weile tönte aus den Lautsprechern mit sanfter Flüsterstimme: „Hallo Spatzenhirn, Getränke, auch frische Milch, sowie alle bestellten Speisen stehen im Kühlschrank für Dich bereit – Guten Appetit“

Jetzt wurde mir bewusst, mein Traumhaus hatte sich in einen eiskalten, finsteren „Ausbruchsicheren“ und absolut tödlichen Albtraum verwandelt.

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