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Mandelmilch und Leberkäs

Von Pinnacle Donnerstag 07.05.2020, 09:09

Mandelmilch und Leberkäs
Joa Bosch ©BJS

Seit meinem 40. Lebensjahr wollte ich zu meiner Mutter nicht mehr „Mama“ sagen, das kam mir zu blöd vor. Seitdem nenne ich sie nur noch Sabinchen.
Sie hat immer noch einen hellwachen Verstand und kennt sich im Alltag, der Politik, auch im Sport bestens aus. Nur die Beweglichkeit hat nachgelassen; und sie benutzt seit geraumer Zeit einen Rollator zum Vorwärtskommen.

Donnerstag ist unser gemeinsamer Einkaufstag.
Diesmal fiel ihr ein, dass sie in die Drogerie musste. Sie bräuchte ein Duschbad und eine Körpermilch. Der junge Mann vom Sozialdienst, der sonst ihre Einkäufe tätigt, hatte ihr einmal etwas Gutes von „Nivea“ mitgebracht. Das war bestens gegen trockene Haut. Sie wusste aber im Moment nicht ob das fehlende Pflegemittel ein Duschbad oder eine Körpermilch sei. Sie werde das schon feststellen, wenn sie die Flasche im Laden wiedererkennt.

Am Drogeriemarkt angekommen holte ich ihren Rollator aus dem Kofferraum und ein Abenteuer begann.
Gleich am Eingang schnappte ich mir eine Mitarbeiterin zwecks Beratung und erklärte ihr das Problem mit der Produktsuche. Sie sagte: „Dann fangen wir doch mal bei dem Nivea Duschgel an, vielleicht erkennt die Dame die Flasche.“
Sabinchen erwiderte heftig: „Neinneinnein, kein Duschgel, nach „Duschbad“ müssen wir schauen“ Dabei dehnte sie „baaaaaad“ lang und belehrend aus. Die Verkäuferin schaute mich an, ich zuckte nur mit den Schultern. Schließlich einigten wir uns alle drei, dass Duschbad und Duschgel wohl das gleiche sein müsse.

Guten Mutes führte uns die Verkäuferin zu einer riesigen Regalwand. Hier kämpften unzählige Mitbewerberprodukte mit endlosen Serien in allen Farben und in den unterschiedlichsten Größen, um die Käufergunst. Bei der blauen Ware mit der berühmten weißen Schrift wurde meine Mutter fündig: „Ha, dass ist es!“ und deutete auf eine Flasche. Es war also ein Duschgel, was sie damals benutzte. Nun benötigte sie eine Körpermilch gegen trockene Haut. „Wenn sie mir bitte folgen, Body Lotion befindet sich auf der anderen Seite der Regalwand“ erklärte die Verkäuferin freundlich.
„Neinneinnein, ich möchte kein so ein Body-Zeugs, sondern eine Körpermilch!“ fauchte Sabinchen. „Naja, das ist das gleiche, hat heutzutage nur einen etwas modernen Namen" beruhigte das Mädchen. Wir machten uns auf zur Regal-Umrundung. Unterwegs fragte mich Sabinchen listig: „Willst Du auch mal fahren?“, drückte mir dabei ihren Rolli in die Hände und ließ mich einfach stehen.

Sie hangelte sich an dem Regal entlang und stöberte in allen Fächern herum. Sabinchen wollte etwas ganz Besonderes und rief mir laut zu: „Ich hatte da mal was ganz Gutes. Sachdochmal wie heißt denn gleich die Firma wieder, die mit dem komischen Vogel – Du weißt doch?“ Ich antwortete: „weißichnichkennichnich.“
Die Verkäuferin: „Was für eine Farbe hatte denn diese Flasche?“ Sabinchen: „Naja so rosa, rötliches Rot oder so“ Beide durchstöberten die gesamte Ware während ich mit dem Ferrari beschwingt umher kurvte. Bei der dritten Runde musste ich bei den zwei aber eine Vollbremsung einlegen. Sabinchen hatte sich entschieden. „Ich bleibe bei Nivea, das ist doch eine sehr gute Vorkriegsware.“

Aber, wie alle anderen Firmen hatte auch Nivea eine breite Palette von Body Lotionen bzw. Körpermilch-Produkten. Für Normale-, Misch-, Strapazierte-, Trockene- und sehr Trockenen Haut. Nicht nur das, sondern das Ganze auch noch in vier verschiedenen Gebinden. Die Verkäuferin empfahl eine mittlere Größe gegen sehr Trockene Haut. Dummerweise stand da „Mit Mandelmilch“ drauf. Sabinchen meinte: „Mandeln mag ich nicht, die bleiben immer so in den Zähnen hängen.“ Ich beruhigte sie: „Das ist doch nur der gepresste Mandelsaft. Und darin haben schon die Pharaonen gebadet!“

Die Verkäuferin ergänzte beflissen: „Ja, das macht auch eine schöne und sehr geschmeidige Haut.“ Sabinchen war endlich überzeugt, ich übergab ihr den Rolli, bezahlte, nahm die Tüte in die Hand, wir verließen den Laden und eine sichtlich erleichterte Verkäuferin
.
Zurück ging es durch die Fußgängerzone. „Jetzt wollen wir den guten Einkauf mit Kaffee und Kuchen so richtig schön feiern“ sprach meine Mutter und stürmte in das nächstbeste Cafè. Als ich die dreißig verschiedenen Torten in der Vitrine sah, schwante mir schon Arges. Aber dann fiel mir doch die Kinnlade herunter. Nach reichlicher Überlegung fragte sie die Bedienung: „Haben sie auch eine Leberkässemmel“? Nein, das hatte man leider nicht. Aber „Abgebräunten Leberkäs mit Spiegelei“, den sie sogleich bestellte. Zufrieden trank Sabinchen ihren Kaffee, einen Latte macchiato - und verspachtelte dabei Ungewöhnliches. Seufzend aß ich Streuselkuchen mit Bittermandel-Geschmack.
Sabinchen sagte: „Herrlich, das war ein wunderschöner Einkaufstag!“


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