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Maliks Saga (Kapitel 1)

Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 30.10.2019, 23:50 – geändert Donnerstag 31.10.2019, 16:07

Die Schreie hallten durch die hohen, kahlen Räume. Viele Frauen liefen hin und her, schwarz gekleidet und geduckt. Manche von ihnen versteckten ihren Körper ganz unter der Burka, die nur mit einem Sehschlitz versehen war. Leise, wortlos, ausdruckslos. Fast leblos.
Er stand am Fenster der großen Vorhalle und blickte erwartungsvoll in die Richtung, wo am Ende des langen Korridors sich ein Drama abspielte.

„Das vierte Kind. Wenn diesmal wieder ein Mädchen ist, dann wird sie dafür büßen müssen. So eine Schmach“, dachte er genervt.

Im Gedanken versunken merkte er erst jetzt die ungewöhnliche Ruhe, totale Stille. Er setzte sich auf die Kissen, die überall um den Opiumtisch auf den Berberteppich herum lagen und zog an der goldenen Kordel. Der Dinner erschien in dem gleichen Augenblick. Wortlos verbeugte er sich tief von seinem Herrn.

„Abdal (Diener), schau nach, wie lange noch?“ - befahl er schroff.

Der angesprochene verbeugte sich zum zweiten Mal und lautlos, wie ein Schatten entfernte sich, ohne jedoch den Rücken seinem Herrn zu drehen.
Die Antwort kam prompt. Er wußte es, als er die Frauen schreiend und klagend hörte.
Da kam auch schon sein treuer Diener ihm entgegen. Der werdende Vater machte nur eine Handbewegung, als wollte er alles ihm in dem Weg stehende zur Seite schieben und eilte durch den langen Flur. Ja, er war verärgert. Kraftvoll öffnete er die schwere, hölzerne Tür.

Sema (Der Himmel) lag auf dem Bett, bewegungslos, ganz weiß. Ihr Gemach glich einem Kampffeld. Überall lagen blutgetränkte Tücher. Die älteste und erfahrenste der Frauen, die schon viele Entbindungen in den namenhaften Familien begleitet hat, versuchte ihm zurück zu drängen.

„Lass es, Salima (Friedenshelferin)“, wie durch einen Vorhang hörte er sich selber sagen.

Er schob sie sanft aber bestimmt zur Seite.

An das riesige Bett wollte er nicht näher. Er mochte seine zweite Frau nicht mehr anfassen, obwohl sie seine Lieblingsfrau war. Nein, jetzt nicht mehr. Sie war mit einem Fluch belegt, wie die ganze Sippe - dachte er zornig.

„Salima (Friedenshelferin), was ist es?“, fragte er ungeduldig die verängstigte Hebamme.

„Mein Herr, ein Mädchen, sehr schön, aber schwach. Wir mußten eine Wöchnerin aus dem Dorf holen, um das Kind zu stillen. Vielleicht überlebt die Kleine“, klärte ihn die erschöpfte Hebamme auf.

Salima drehte sich schnell um. Das Gesicht ihres Herrn wollte sie nicht sehen. Sie kannte seine Wut- und Gewaltausbrüche. Sie hat es oft erlebt.

„Kümmere dich um das Kind. Ich will es nicht sehen“, war seine lapidare Antwort.

Er drehte sich um und ging raus, ohne das Kind eines Blickes zu würdigen.

Jahre vergingen. Das kleine Mädchen Nur (Licht) wuchs bei Salima (Friedenshelferin). Die alte Frau schenkte ihr alle Liebe der Welt. Salima war nie verheiratet und hatte keine eigenen Kinder. Die kleine Nur (Licht) war ein echter Glücksfall für sie. So konnte sie eigene Schicksalsschläge vergessen. Das Mädchen wuchs zusammen mit den Dorfkindern. Salima war so angetan von dem lieblichen Wesen, dass sie ihm keine Bitte abschlagen konnte. Die kluge Frau wußte, dass Nur (Licht) noch sehr schwer im Leben haben wird. Wie fast alle muslimische Frauen.
So brachte sie ihr lesen uns schreiben bei. Sie durfte auch reiten lernen, mit den Dorfjungen zusammen spielen. Musste auch nicht den lästigen Hijab tragen. Ihre seidene schwarze Haare trug sie kurz geschnitten. Die ungezogenen Locken hingen frivol über die sonnengebräunte Stirn. Etwas Wildes sah man manchmal in ihrem Blick. Die alte Hebamme war von Anfang an ihre Mutter und das Mädchen stellte noch keine Fragen.

An dem 11. Geburtstag kam die Katastrophe, die niemand voraussehen konnte. Salima, die die letzten Tage schon etwas schwächelte, blieb den ganzen Tag im Bett. In der Nacht schlief sie friedlich ein. Ihr treues sudanisches Hausmädchen Leyla (Nacht) hat nach Anweisung der Verstorbenen gehandelt. Packte den ganzen Kram, was Nur (Licht) noch geblieben war, in ein Tuch, schnürte es zusammen, nahm die Kleine an die Hand und ging in die etwa 10 km entfernte Stadt. Unter dem Leibchen trug sie gut versteckt einen Brief. Den sollte sie dem reichen Kaufman Malik (König, Stammesanführer), aushändigen. In der Stadt angekommen brauchte sie nicht viel zu fragen. Der Kaufmann Malik war über die Stadtgrenze, und noch weiter, bekannt. Er bewohnte eine prächtige Villa, am Rande der Stadt in dem eleganten Vorort, wo normalerweise eine Frau dazu noch mit dem Kind auf der Straße verdächtig sieht aus. Die Armut sah man dem Beiden sofort an. Nicht mal einen Esel konnten sie sich leisten. Den langen, beschwerlichen Weg haben sie zu Fuß geschafft. Die kleine Nur konnte sich von Anstrengung kaum noch auf den Beinen halten.
Mit Herzklopfen näherten sich die beiden Frauen dem Tor. Hinter der hohen Mauer erschien ihnen ganz andere Welt. Das Tor selber, massiv aber sehr kunstvoll verarbeitet, ließ sich nicht öffnen. Auch die kleine Pforte nebenan war verschlossen.
Leyla (Nacht) holte tief Luft, als hätte sie alle Kraft der Welt gebraucht, um die Glocke zu betätigen. Sie hatte Bedenken und Angst. Was passiert jetzt? Werden sie rein gelassen oder wie ein Hund weggejagt, möglicherweise noch verprügelt?
Nach Koran Gesetzen dürfte man die Weisen und Bettler nicht abweisen. Der Allah verlangt Barmherzigkeit. Leyla kannte alle Suren auswendig und wußte genau, was in der Sure 93 Ad-Duha steht. Sie wußte auch, dass nicht alle, auch die streng gläubige Araber, nach Allah‘s Gesetzen leben.
Voll Zweifel standen sie da, zwei unscheinbare Wesen. Nur (Licht) mußte heute den Hijab tragen. Das war für sie ungewöhnlich, noch dazu bei dieser Hitze. Sie konnte das nicht verstehen. Sie tat es auf Leylas Bitten. Erschöpf und verstaubt, hungrig und durstig, wie zwei Bettlerinnen standen sie da, nur einen Schritt von dem Paradies entfernt.
Es war Mittagszeit. Man hörte gerade von dem entfernten Minarett die Rufe des Muezzins zum Zuhr-Gebet (Sonne im Zenit).

Es hat gedauert, bis ein alter Mann in schneeweißem Kaftan und ebensolchem Turban mit dem schweren Schlüsselbund in der Hand sich der kleinen Pforte näherte.

„Salam aleikum (Friede mit euch) im Allahs Namen, Frau, ich schicke einen Diener mit Getränken und Speisen. Warte hier“, sprach der Eunuch und drehte sich um.

„Aleikum as-Salam (Frieden auch mit euch) Effendi (Herr), ich bin Leyla, die Dienerin der Friedenshelferin Salima. Habe einen Brief an den Hausherr, den ich ihm persönlich aushändigen soll und eine Antwort ohne Aufschub erwarte. Verzeih mir Herr die mutige Worte. Es ist was Schlimmes passiert“, sprach sie mit einem Atemzug, als hätte sie die Sätze unterwegs einstudiert und auswendig gelernt.

„Sprich Frau, ich werde es meinem Herrn vortragen“, kam die Antwort.

„Effendi (Herr), im Namen des allwissenden Allahs, ich habe geschworen nur dem erhabenen Herrn Malik diese Nachricht zu überbringen. Verzeih mir, ich darf nicht mit dir darüber sprechen“, sagte sie mutig und staunte selbst über ihre gewagte Antwort.

Ein Moment wußte der Eunuch nicht, was er von der ganzen Situation halten soll. Läßt er die Frau rein, könnte nachher Ärger geben. Schickt er sie fort, könnte auch Ärger auslösen. Sein Herr war bekannt dafür, dass er mit Mitmenschen nicht besonders zimperlich geht um. Auch, wenn er selbst schon über 60 Jahre in den Diensten stand, fürchtete er sich immer vor dem Zorn seines Herren.

Langsam und nachdenklich öffnete er die kleine Pforte.

„Folge mir, Frau“, sagte er mürrisch.

Er führte sie in eine herrliche Hofhalle in Form eines Oktagons gebaut. Die riesigen reich verzierten Säulen, der mit Carrara Marmor ausgelegter Boden, die spiegelklare Glasdecke, der ganze Raum hell, übersichtlich und herrlich kühl, verunsicherte die Frauen. In der Mitte der Halle befand sich ein prächtiger Feuchtigkeit spendender Springbrunnen. Ein Marmorbecken in Form eines halben Apfels zum Fünfeck (Pentagramm) verarbeitet und auf fünf Jadesäulen (fünf Säulen des Islam) angelehnt. Die fünfstrahligen Kerngehäuse versprühten herrliche Frische vermischt mit Rosenduft in die ganze Umgebung.
Solche Herrlichkeit war den Frauen fremd.
Der Eunuch führte sie zu einer Nische, wo ein Opiumtisch auf einem traumhaften Berberteppich stand. Überall lagen verstreut bauschige Sitzkissen. Sie mochten nicht barfuss und verstaubt drauf treten, um keine Spuren zu hinterlassen. So blieben sie abseits stehen.

„Frau, ihr könnt vor meinem Herrn so verschmutz nicht eintreten. Ich werde eine Bedienstete schicken, die sich um euch kümmert. Ihr habt ungefähr 1,5 Stunden Zeit. Nach dem Zuhr-Gebet und der Mahlzeit werdet ihr von Baba (Vater) Malik empfangen“, sprach der Eunuch monoton und verschwand.

Man konnte eine Gewisse Erleichterung in seiner Stimme hören. Er hatte das Problem für sich gelöscht.

Nur, sehr blass und zitternd von Erschöpfung und Aufregung, lehnte sich an einer der riesigen Säulen, ihre glühenden Wangen an die kühle Oberfläche drückend.
„Leyla, ich kann nicht mehr“, flüsterte sie.

Ohne eine Antwort abzuwarten rutschte der zierliche Körper die Säule runter und sie bleib auf dem kühlen Steinboden so sitzen.

Wie gerufen kam schon eilend eine junge Frau, fast ein Kind noch, höchstens 15 Jahre alt. Das Mädchen war dunkel gekleidet und trug einen Dschilbab. Sie lächelte. Ihre große dunkle Augen blinzelten lustig und neugierig. Ohne viele Worte zu verlieren hob sie den kleinen Körper hoch, liebevoll schloss sie die kleine Nur in die Arme und nickte in Leyla Richtung mit dem Kopf, ihr zu folgen.

So begann eine tiefe Freundschaft. Eine Freundschaft für‘s Leben.
Karola

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