Leseprobe - Aus meinem Manuskript Domella
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 27.06.2023, 09:01 – geändert Dienstag 27.06.2023, 15:21
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Zurückversetzt in meine Kindheit liege ich in den Armen meiner Mutter. Die Zeit verliert ihre Bedeutung und ich reise einfach durch sie hindurch. Weite und grüne Felder tauchen auf. Ich sehe mich mit Großvater im Hof unseres Gutes, wie wir Wasser aus einem Brunnen heben, der die Mitte des Hofes verschönt.
Und auf einmal bin ich da!
… der Brunnen ist sehr alt und ein fleißiger Künstler hat sein Gemäuer mit Bildern von Pferden verziert. Er musste ein Meister der Steinkunst gewesen sein. Anmutig bewegen sie sich um den Brunnen herum, dass ich sie oft in lebendiger Bewegung sah und gar in meiner Fantasie das Trappeln ihrer Hufe vernahm.
Mein Großvater, ein freundlicher, immer ein wenig gebückt gehender Mann hat den kleinen Holzeimer mit Wasser abgestellt und ich höre die Worte, die er damals sprach, als spräche er jetzt in diesem Augenblick zu mir: „Lisa, jeder Tropfen Wasser ist ein Geschenk Gottes. Ohne Wasser könnte seine Schöpfung nicht sein.“ Großvater spricht eindringlich und mit einem ernsten Blick zur Seite vergewissert er sich, ob ich auch aufmerksam seinen Worten lausche.
„Das Wasser ist der Lebensspender für alles Leben. Es nährt uns, es stillt unseren Durst, es reinigt uns und wir empfangen mit ihm unsere Taufe.“ Mit diesen Worten legt er seine Hände auf die Brunnensteine und fordert mich auf, es ihm gleichzutun.
„Schau, Lisa“, fährt er fort und wir blicken nun beide hinein in den tiefen Brunnen, „selbst die Steine werden von ihm umspült und geformt.“ Liebevoll ist sein Blick, mit dem er mich anschaut, während er weiter zu mir spricht: „So, wie das Wasser die Steine formt, formt das Leben die Menschen. Und die Menschen formen einander, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Es gibt immer eine Wirkung auf alles, was wir Menschen sagen und tun. Und auch das, was wir nicht sagen oder tun wirkt auf alles. Besonders dann, wenn dies ein großes Versäumnis darstellt.“ Großvater schaut mir besonders tief in die Augen, so als wollte er in meinen tiefsten Tiefen forschen.
Obwohl ich noch nicht jedes Wort in seinem Sinn genau verstehen kann, spüre ich die Wichtigkeit seiner Worte und nehme mir vor, sie auf keinen Fall zu vergessen.
Jetzt formt er seine Hände zu einem Gefäß, taucht sie in den Holzeimer und füllt sie mit klarem Wasser, um anschließend daraus zu trinken.
„Es gibt allerdings auch Menschen, die sich durchaus bewusst sind, dass sie einen anderen formen. Geschieht dies im Einklang mit dessen natürlichem Muster, dann ist es gut. Doch wehe ihnen, es ist nicht so.“
Hier hebt Großvater seinen Finger und zeigt mit ihm nach oben.
„Denn hat dieser Mensch eine andere Form in sich, dann wäre dieser Akt mit großen Schmerzen für ihn verbunden. Es wäre möglich, dass er krank würde. Ja, er könnte sogar sterben. Denn so, wie das Wasser sein Flussbett sucht, soll der Mensch auf der Suche nach seinem Weg sein.“ Großvater streicht mir mit seiner Hand liebevoll über den Kopf.
Ich muss lange nachdenken und schaue in die Tiefe des Brunnens, ohne seinen Grund entdecken zu können. Nur langsam löse ich meinen Blick aus dem Brunnen und richte ihn wieder zu ihm.
„Dann“, fährt er fort zu erzählen, „gibt es noch Menschen, die mit besonderen Aufgaben und Fähigkeiten beschenkt sind. Diese Menschen haben ein seltenes Muster in sich. Und ihr Weg ist auch ein anderer.“
Staunend höre ich zu, was mein Großvater mir mit seiner bedächtigen Stimme erzählt: „Du, meine Lisa, bist einer dieser Menschen. Du bist mit besonderen Gaben gesegnet und nicht immer wird dein Leben deshalb leicht verlaufen. Achte gut darauf, dass du sie nur zum Wohle von anderen einsetzt. Du allein trägst Verantwortung für dein Handeln.“
Während Großvater weiter zu mir spricht, benetzt er meine Stirn und meine Augen mit Wasser.
„Mögest du immer bedacht sein in deinen Entscheidungen. Betrachte sie mit deinem Verstand, aber entscheide in deinem Herzen.“ Er wäscht die Wangen meines Gesichtes und streicht mir mit dem Wasser über meine kleinen Ohren. Seine Stimme hat inzwischen einen veränderten Ton angenommen.
„Höre auf die Worte der Menschen, Lisa. Finde heraus, was sie wirklich sagen wollen. Nicht immer sind ihre Worte und ihre Gedanken eins. Höre mit deinem Herzen und suche den Sinn!“
Seine Worte berühren mich auf eigenartige Weise und ich schaue ihn nun doch ein wenig befangen an.
Am Ende seines Rituals wäscht er mir noch beide Hände. Erst die obere Seite und dann beide Innenflächen, während er leise geheimnisvolle Wünsche für mich spricht, so als wäre er in ein inniges Gebet versunken.
„Berühre alles, was du berührst mit deiner Liebe. Es gibt nichts Schlechtes auf Gottes Erde. Seine Schöpfung ist vollkommen. Nichts, was er geschaffen, kann sein Missfallen erregen. Alles ist gut! Nichts, was dir geschehen wird, ist falsch. Alles hat seinen eigenen Sinn.“
Großvater spricht weiter und wiederholt Berührungen und Worte. „Du, meine Lisa, bist auserwählt. Geduld und Sanftheit besitzt du im großen Maße. Verschwende dich!“ Er richtet sich nun auf, und als er weiter spricht, erscheint es mir fast, als würde er seine Worte gen Himmel richten: „Sei wie das Wasser und fließe über die Ufer, wenn es nötig ist, doch habe immer auch dessen Geduld.
Vertraue der Zeit, Lisa und vertraue auf Gott!“
Wasser kühlt meine Stirn und meine Wangen, als der Wind sie leicht berührt. Ich rühre mich nicht von der Stelle und versuche all seine Worte in mich aufzunehmen. Auch wenn ich noch sehr jung bin, bin ich durch die große Nähe, die mich mit ihm verbindet, geübt, seiner Stimme zu lauschen.
„Du hast einen besonderen Weg vor dir, Lisa. Dein Leben ist dein Flussbett. Nicht dessen Länge ist wichtig, sondern nur die Kraft, mit der du durch dein Flussbett strömst.“ Großvaters Stimme wird immer leiser. „Und immer, auch wenn du es nicht spüren kannst, vergisst oder glaubst, all deinen Glauben verloren zu haben, bist du besonders mit deinem Quell verbunden. Er ist in dir.“
Seine Worte sind zu leise geworden, um sie noch zu verstehen. Sie klingen fast wie das Murmeln eines kleinen Baches, bevor sie ganz verschwinden.
Plötzlich, wie von einer Hand verwischt, sind auch alle Bilder verschwunden. Großvater, der Hof mit seinen Stallungen und der Steinbrunnen mit seinen Pferden schweben ins Nichts davon.
Der Roman ist noch nicht publiziert!
Text Mali25