Kurzgeschichte: Falsche Entscheidung
Von
Pinnacle
Mittwoch 25.03.2020, 11:48
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Pinnacle
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Falsche Entscheidung
Joa Bosch ©BJS
Wie immer suchst du im Supermarkt in hastiger Eile die Sachen von deiner Besorgungsliste zusammen und verstaust sie in dem riesigen Einkaufswagen, der dir fast bis zur Brust reicht und dessen Gitterbauch so groß ist wie ein „Goldminen-Muldenkipper-Lastwagen“. Dein Konsumbedarf: sechs „Bio-Bodenhaltung-Freiland-Eier“, drei Becher „rechtsgedrehter Joghurt laktosefrei“, ein „glutenfreies Sojabrot“, ein Liter „fruktosearmer Orangensaft“ und 150 Gramm „histaminfreier Hartkäse“, im Gesamtwert von 18,84 € ( Ja, alles „Gesunde“ hat seinen Preis! ) wirken in dem monströsen Einkaufswagen lächerlich, ja geradezu armselig. Und „Wahnfried“, dein schlechtes Gewissen fragt dich: „hast du auch nix vergessen?“. Du blickst auf Deine Liste und meinst: „Nö, mehr wollt ich doch nicht!“
Aber dann wuchtest du doch noch den im „Sonder-Sale-Restposten-Angebot“ von 199,99 auf 109,00 € reduzierten „Asia-Messer-Block aus japanischem Kirschholz mit handgeschmiedetem Damast-Klingen-Fünf-Messer-Set“ und einem „Silicium-Carbid-Schleifstein-Abzieh-Bock“, alles schön in einem bunten Paket verpackt, in deinen fahrbaren Warenkorb. Nicht nur, weil der Riesenkarton zufällig zwischen den Regalen steht und dir den Weg versperrt, sondern du bekommst ja an der Kasse für diesen Kauf an der auch noch zwölf „Rabatt-Herzchen!“
Dann, beim mühsamen Weiterschieben der zusätzlichen fünf Kilo bemerkst du nicht einmal, wie hinter dir ein Mitarbeiter auftaucht und heimlich ein neues Messerpaket in dem engen Gang für das nächste ahnungslose Opfer placiert.
Das ist von perversen Discounter-Strategen auch alles so gewollt. Genauso wie das wöchentliche Umräumen eines von dir gesuchten Produktes zu einem fremden Ort, wo sich diese Ware dann irgendwo ebenso versteckt wie alle Mitarbeiter des Supermarktes. Zu dem ganzen Horror-Repertoire gehört auch das ständige Ändern von gewohnten Einkaufsstrecken.
Diese Sadisten machen daraus immer wieder ein neues Strumpfhosen-Marmeladen-Waschmittel-Bananen-Labyrinth, in dem musikberieselte sowie von Angeboten zugedröhnte Mitopfer verzweifelt umherirren und sich fluchend, wie in einem Jahrmarkt-Autoscooter beim Anrempeln, blaue Flecken holen.
Und dann zum unguten Ende:
Die Entscheidungsfalle!
Von insgesamt sechs, stehen an fünf geöffneten Kassen schier endlos lange Schlangen an. Wo stellst du dich an? Hast du auch nicht immer das Gefühl, der Letzte zu sein?
Deine Adleraugen taxieren den Inhalt aller Einkaufswagen, auch die Ware auf den Laufbändern, schätzt die Schnelligkeit der Kassiererinnen ab, rechnest hoch - und wählst Kasse 1.
Aber wie du dich auch entscheidest, es wird immer falsch sein. Denn du kennst schon längst all die Schicksalsschläge, die dich dort erwarten; und das große Zittern beginnt.
Angefangen von denen, die den Geldbeutel erst zücken, wenn die gesamte Ware passend in eigene Behältnisse umständlich verstaut ist und obwohl der Betrag schon zweimal genannt wurde, und die Summen auch im Kassen-Display dauerblinkt, harmlos fragen:
„was macht das nochmal?“
Oder den ewig nach Münzen kramenden:
„warten`s, ich hab`s passend“, aber letztendlich seufzend doch mit einem Schein zahlen.
Auch diejenigen:
„da war kein Preis dran, was kostet das?“
„ach, muss man das selber abwiegen?“
oder
„meine Kreditkarte ist gestern noch gegangen“
oder
„wo ist denn meine Streichwurst?“
oder
„ohwei, da hab ich zu wenig Geld dabei“
oder
„nehmen sie auch türkische Lira?“.
Besonderes Pech ist, wenn du endlich die Ziellinie, den Anfang des Bandes erreicht hast, gerade dann zwei Kassiererinnen einen Kassenwechsel vornehmen und dabei über die tolle Hochzeit von der süßen „Jaqueline-Chantalle“ und tollen „Tommy-Lee“ seelenruhig plaudern.
Ganz nervig ist auch, wenn quengelnde Kinder sich mit ihren Müttern im Kassenbereich um Bonbontüten raufen, oder wenn jemand vergessen hat den „Warenbegrenzungsteiler“ zwischen seinem und dem nächsten Einkauf zu legen. Durch den Zahlungs-Kuddelmuddel sind schon Streitereien zu Schlägereien eskaliert.
Jetzt - nur noch eine Kundin vor dir!
Denkste!
Denn da kommt vom Eingangsbereich schon die längst fällige „Umtausch-Zicke“ her und flötet die Kassiererin an:
„Mei, der Schlafanzug für mein Mann ist ja viel zu groß, nehmen`s den bitt`schön zurück“.
Resigniert brüllt die Kassiererin ins Mikrofon:
„Ernaaaaaa, den Schlüssel, Kasse 1, Umtausch“.
Erna ist irgendwo im Lager und muss noch dreimal ausgerufen werden.
In dem Moment spielst du mit dem Gedanken: „Wozu hab ich eigentlich ein Messerset? Ich bekomm doch bestimmt mildernde Umstände!“ Lustvoll lupfst du das Klebeband hoch, aber bevor du eine Stichwaffe wählen kannst, kommt Erna und es geht Gott sei Dank weiter.
Jetzt bekommst du mit, wie die Dame vor dir 48 Dosen getreidefreies Gourmet-Katzenfutter „Exquisite Streifen von Kalb & Perlhuhn an Gemüsejulienne“ und für sich selbst eine einzige Brezel auf das Band legt. Dann verlangt sie mit Dauer-Raucherhusten einen „MOIKO-Zigaretten-Set“ mit Tabak und Hülsen. Die Kassiererin kramt einen Schlüssel raus, öffnet über sich einen vergitterten Verschlag, holt die Packung, bestehend aus einem Stopfautomaten, Tabakdose und Papierhülsen hervor, dann scannt sie das Zeugs achtmal ein bis es endlich „Piep“ macht. Die Kundin, die inzwischen hustend an ihrer trockenen Brezel nagt, möchte nun den Gesamtbetrag von 85,94 € mit der Kreditkarte bezahlen ( Verrückte Welt, zum selber Essen nur eine Breze für 0,56 €, der Rest von 85,38 € ist für die Katz` und ihrem Dauer-Raucherhusten! – armes Ding ). Der Zahlungsvorgang ist natürlich wieder mal wirkungslos! Der Codierstreifen wird angehaucht, mehrfach über Bein oder Arm gerubbelt und viermal neu eingegeben, bis es endlich „Piep“ macht.
Jetzt bist du dran. Aber in diesem Moment muss just die Kassen-Bon-Rolle erneuert werden. „Mir haben es gleich“ tönt es aus der Kassenkiste. Vor deinen Augen beginnt es zu flimmern.
Und, wie du gerade keuchend den unhandlichen Messer-Karton auf das Band hievst, bemerkst du, wie darunter klägliche Reste eines Breis von Bio-Eiern, laktosefreiem rechtsgedrehtem Joghurt und fruktosearmem Orangensaft ekelhaft deine Finger verkleben. Verschämt schuppst du den Einkaufswagen mit der restlichen Pampe ins Nirgendwo. Dabei überhörst du die giftigen Bemerkungen deiner Schlangengegner mit stoischer Gelassenheit.
Obwohl das ja Band läuft, schiebst du verlegen den Karton weiter zur Kassiererin hin. Die erwartet dich schon finster blickend, steht auf nimmt einen Putzlappen, du duckst dich ängstlich, aber sie reinigt keifend nur das verschmutzte Laufband. Das dauert eine Weile, bevor sie dich zu abkassieren beginnt.
Endlich! – Aber:
Zur Krönung des Ganzen ertönt nun ein Fortissimo und durchdringt deinen letzten Verstand. Denn du hörst ein provozierendes „Dingdong“ und vernimmst dann:
„Liebe Kundschaft, wir öffnen jetzt für Sie Kasse 6.“
Über deinem Karton zusammengebrochen, musst du nun zusehen, wie all die hinter dir Wartenden flugs zur Kasse 6 eilen, dort rasch bezahlen, um dann, glücklich lachend, noch vor dir den Laden zu verlassen!
Mannomann, du hast zwar fünf neue Messer, dazu einen passenden Schleifbock und zwölf „Rabatt-Herzchen“, aber nix zum fressen!
Jetzt fragst du dich: „warum nur immer ich?“ und „Wahnfried“ antwortet:
„Deine falsche Entscheidung!“