Küchengeheimnisse
Von
Pinnacle
Samstag 16.05.2020, 08:55
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Pinnacle
Samstag 16.05.2020, 08:55
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Küchengeheimnisse
Joa Bosch ©BJS
Pierre Gasconac schaute auf seine Rolex und nickte zufrieden. Gegen 18 Uhr wird der gecharterte Helikopter mit den 20 illustren Gästen von Paris kommend, im Park seines Chalets landen und am nächsten Morgen auch sie wieder abholen. Das schlossähnliche Anwesen befindet sich oberhalb des Antras-Tales in den französischen Pyrenäen.
Pierre gehört zu den wenigen Starköchen, die es zu Reichtum gebracht haben und ihm dieses ganz besondere Refugium gestattet. Das verschwiegene Barock-Schlösschen, das schwer zugänglich auf 1100 Meter Höhe liegt, benutzt Gasconac einmal im Jahr ausschließlich nur für ein einziges Ereignis. Hier erfreut er seit Jahren immer die Gleichen, aus allen Erdteilen kommenden und handverlesenen Gourmets. Darunter mächtige Politiker, Wirtschaftsbosse, Hollywoodgrößen, Medien-Tycoons wie auch hohe Würdenträger und Militärs. Ihnen wird stets die gleiche Zubereitungsart einer äußerst ausgefallenen Speise zelebriert. Nur die Gewürzsorten werden dem jeweiligen Thema angepasst. Alle sind wie verrückt danach und zahlen für dieses Event gerne einen fünfstelligen Betrag.
Gasconac hatte vor 24 Jahren den dritten Stern in seinem Pariser Restaurant erkocht und konnte diesen Status auch bis heute mit seiner weltweit bekannten Küche verteidigen. Seine Kochkunst erfüllt ihn immer zu neuen Kreationen und sein Gourmet-Tempel ist auf Jahre ausgebucht. Unterstützt wird er dabei von einer einzigen, jungen Fachkraft, die er jeweils nur für ein Jahr beschäftigt. Nach Jahresablauf sucht er dann einen neuen Mitarbeiter, meist aus exotischen Ländern. Diesmal ist es Yasine, eine junge Kreolin von den Kapverdischen Inseln, mit der er vor zwei Tagen, von Paris kommend, mit seinem Privathubschrauber im Park seines Anwesens gelandet ist.
Die Vorbereitungen waren schon am ersten Tag so gut wie abgeschlossen und die von Yasine eingedeckte Tafel war vom Allerfeinsten. Für das exklusive Essen, das nur aus einem einzigen Gang besteht, hatte sie erlesenes Geschirr, wertvolle Bestecke und feine Gläser, nebst süßlich duftenden Frangipani-Blüten aufgelegt und auf dem mit Goldpuder bestäubte Damast-Tischtuch exakt ausgerichtet. Gasconac überwachte jedes Detail mit Argusaugen und war mit seiner Fachkraft äußerst zufrieden, hatte sie doch in der einjährigen Ausbildung bei ihm alles Erforderliche gelernt. Vergnügt öffnete der Maitre am Abend eine Flasche Champagner und erklärte beim Einschenken, zu Yasines Überraschung, dass dieses besondere Event auch ihre Abschlussprüfung sei und gratulierte dem glücklichen Mädchen zum Erfolg. Danach wünschte er eine gute Nacht und kümmerte sich anschließend um das geheimnisvolle Rezept, das nicht für Yasines Augen und Ohren bestimmt war.
In einem abgelegenen Teil des Gartens entfachte Gasconac in einer tiefen Grube ein gewaltiges Holzfeuer. Es ist ein polynesischer Erdofen, den er vor Jahren selbst angelegt hatte, und in dem am nächsten Tag die traditionelle Zubereitung der Speise erfolgen sollte.
Die Nacht war kurz, als Pierre in aller Früh nochmals Holz nachlegte, überkam ihn die Erinnerung, wie er dieses Essen auf einer seiner Studienreisen durch die Südsee, erstmals auf Nuku Hiva, einem einsamen Eiland in Französisch-Polynesien gelegen, bei einer Sippe Ureinwohner genossen und Gefallen daran gefunden hatte. Nach langen Verhandlungen und einem größeren Geldbetrag sowie dem Schwur, das Rezept wie seinen Augapfel zu hüten, und dass es nur für einen kleinen Kreis Eingeweihter zubereitet wird, hatte ihn eine einheimische uralte Priesterin beschwörend in das geheimnisvolle Rezept eingewiesen. Mit diesen Gedanken kehrte er in die Küche zurück und bereitete das Frischfleisch mit besonderem Schnitt und auserlesenen Gewürzen zu. Dann brachte er es zum Erdofen, wo es jetzt für Stunden garen musste. Den Rest des Tages verbrachte er mit dem Entwurf seiner Ansprache.
Zur festgelegten Zeit ertönte das Knattern des Helikopters und er ging erfreut zur Begrüßung der Gäste nach draußen. Kaum waren die Gleichgesinnten ausgestiegen, flog die Maschine auch schon wieder ab. Nachdem Gasconac seine Freunde herzlich willkommen geheißen hatte, gingen sie in Erwartung der Köstlichkeit sofort in den Speisesaal. Als sie Platz genommen hatten, erklärte Pierre zungenschnalzend nicht nur die Getränke zu dem Erdofengericht, sondern wie jedes Jahr auch dessen Zubereitung.
In Erwartung des Essens lauschten sie gebannt den Ausführungen. Demnach werden in dem Erdloch fußballgroße Steine in einem stundenlangen Feuer solange erhitzt bis sie fast platzen. Nun wird das edle Fleisch, das mit Süßkartoffelbrei umhüllt und in Bananenblätter gewickelt ist, auf die glühenden Steine gelegt und das Schmorgut mit Erdreich völlig abgedeckt, damit es in der Grube stundenlang garen kann. Dann, kurz vor ihrer Ankunft habe er die Erde entfernt und das fertige Gericht in einem Korb in die Küche gebracht. Dort habe er die heißen Bananenblätter-Pakete sorgsam gereinigt und in einer großen Bratenreine zum schonenden Nachgaren belassen.
Gasconac beendete seine Ausführungen mit einem Toast auf den kommenden Genuss und verschwand kurz in der angrenzenden Küche. Als er wiederkehrte und die Reine gekonnt in der Mitte des Tisches platzierte, applaudierten die Anwesenden, die sich inzwischen große latzartige Servietten umgebunden hatten, mit lauten „Ahs“ und „Ohs“. Stolz öffnete Pierre die einzelnen Blätterbündel. Als er mit einem riesigen Tranchierbesteck die unterschiedlichsten Fleischstücke zerteilte, erfüllten aromatisch-exotische Düfte den Raum. Rasch verteilte er die Portionen auf die Teller und erklärte dabei, dass er auf weitere Beilagen bewusst verzichtet habe, denn nichts soll den Eigengeschmack des zarten Fleisches beeinträchtigen.
Nach einem weiteren Toast wünschte der Maitre einen guten Appetit, und sie begannen mit dem Essen. Es war eher ein Fressen! Keiner benutzte weder Löffel, Messer noch Gabel. Schmatzend und schnaufend verschlangen sie mit bloßen Händen gierig das zarte und saftige Fleisch. Nicht ein Krümel, nur die angekohlten Bananenblätter blieben nach dem stundenlangen Schmaus übrig. Satt und zufrieden lehnten sie sich zurück, zündeten seltene Zigarren oder kostbare Tabaksorten in wertvollen Meerschaumpfeifen an, genossen edle Brände und erwarteten gespannt Pierres Ankündigung für das nächste Event.
Nach mehreren Digestif erhob sich Gasconac und mit einem merkwürdigen Glanz in den Augen begann er seine abschließende Tischrede: „Liebe Freunde im Geiste des Fleisches! Wieder einmal haben wir das köstliche Gericht genossen, das schon seit Urzeiten die Menschheit erfreut und auch stärkt. So soll es auch ewig bleiben.
Aber jetzt zu dem heutigen Gericht.
Verehrte Feinschmecker, diesmal war es Yasine, ein blutjunges Mädchen von den Kapverdischen Inseln, die uns mit ihrem Leib aus zarten Fleisch beglücken durfte.“
*
Wie immer nach solchen Anlässen, sorgten die verschwiegenen Teilnehmer dafür, dass das Verschwinden von Gasconac`s Mitarbeiter durch ihre weltweiten Beziehungen zu Geheimdiensten und Organisationen mit logischen Legenden rechtfertigt wurden.
So ertrank Yasine während einer Seereise zu den Kapverdischen Inseln. Ihr Leichnam wurde nie gefunden.