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Kronprinz Rudolf

Von Pinnacle Freitag 10.04.2020, 10:15

Kronprinz Rudolf
Joa Bosch ©BJS

Das nahende Grollen in einer Nacht im Juni 2016, verhieß ebenso nichts Gutes, wie die Wetterkarte in der letzten Abendnachricht vom Bayrischen Fernsehen, in der eine Unwetterwarnung für München und Umgebung angekündigt wurde. Auch im Landkreis Fürstenfeldbruck, gingen die Menschen beunruhigt zu Bett und hofften auf einen glimpflichen Verlauf.

Als bei extremen Starkregen ein heller Lichtschein und gewaltiger Donnerschlag das Haus der Familie Fuchs gewaltig erschütterte, war der Schrecken groß. Die Bewohner des alten Bauernhauses erwachten mit Furcht und verließen ängstlich ihre Schlafräume. Der 31-jährige Rainer stürzte panikartig nach draußen und suchte mit einer Stablampe alle Dachflächen ab, Aber da war nichts zu sehen, keine Schäden, kein Feuer und kein Rauch. Als er sich auf dem Grundstück umschaute, stellte er mit Entsetzen fest, dass der gewaltige Blitz in den uralten Apfelbaum einge¬schlagen war.

Rainers ganzer Stolz lag in Teilen gespalten am Boden und der Stamm glimmte vor sich hin. Mit Tränen in den Augen und hilflosen Versuchen versuchte die ganze Familie ihren guten Freund aus Kindheitstagen und ewigen Lebensbegleiter vergeblich zu retten. Hatte er doch über sechs Generationen nicht nur kühlenden Schatten im Sommer und herrliche Früchte im Herbst gespendet, sondern diente auch den Kindern als Zufluchtsort für ihre Sorgen und Spiele aller Art. In der dreiteiligen Haupt-Astgabel hatte der Baum sattelartige Mulden gebildet, in denen sich nach dem hinaufklettern die jungen Men-schen sicher und wohl fühlten.

Zurückblickend muss man erwähnen, dass ab den 1990 Jahren eine Stadtflucht aus München auch in den kleinen idyllischen Ort der Familie Fuchs eingesetzt hatte. Die Grundstückspreise stiegen urplötzlich in berauschende Höhen. So mancher der Ortsansässigen machte da einen satten Gewinn und weckte immer mehr die Verkaufslust der anderen. Auch einige der Ehefrauen der Familie Fuchs waren schon lange der Meinung, man solle wegen der vielen Arbeit und Pflege, den großen Bauerngarten endlich aufgeben und das Grundstück verkaufen. Aber alle Männer hatten sich schon immer gegen diese Absichten gewehrt, wäre doch der Baum für immer verloren und einem Neubau im Wege gewesen. Auch diesmal verbaten sie sich jegliche Diskussionen. Und das hatte seinen Grund.

Urgroßvater Johannes war es, der einst das Apfelbäumchen 1918 auf dem Grundstück einpflanzte. Er, Jahrgang 1896, hatte als 21 jähriger Kanonier der bayerischen Feldartillerie, auf dem Rückzug von der letzten Isonzo-Schlacht Ende Oktober 1917, das kleine und dünne zweijährige Stämmchen, von nur 1,20 Meter Höhe, trotz seiner schweren Verwundungen, durch alle Wirren im Rucksack heil nach Deutschland mitgebracht.

Unterwegs bei einer Rast in der Steiermark verteilte eine Bäuerin an die Soldaten Brot und kleine rote Äpfel. Nach den ganzen Grausamkeiten der letzten Feldjahre erschien den gezeichneten Unglückseligen die süßen und aromatischen Früchte wie ein Geschenk aus dem Paradies. Johannes bedankte sich herzlichst bei der Frau und erkundigte sich nach dieser einmaligen Frucht. Die Bäuerin lächelte und sagte ihm, dass es eine sehr alte Sorte sei. Weiter erklärte sie, anlässlich der Wiener Weltausstellung in 1873 wurde diese Apfelsorte von Kaiser Franz-Joseph I. von Österreich und Ungarn zu Ehren des damaligen Thronfolgers Rudolf mit dem Namen „Kronprinz Rudolf“ benannt.

Die Bäuerin war über die Freude, Dankbarkeit und Interesse des jungen Soldaten so angetan, dass sie ihren Mann bat, für Johannes einen zweijährigen „Kronprinz Rudolf“-Setzling auszugraben und im Erdballen mitzugeben.
Der Urgroßvater hütete das Bäumchen wie sein Augapfel, war es doch sein großer Wunsch, bei seiner Heimkehr mit diesem Symbol der Fruchtbarkeit, ein neues und gutes Leben zu beginnen. Eine Heirat und Kinder sollte alles Schreckliche vergessen lassen.

Kriegsversehrt wie Johannes war, musste er nicht mehr an die Westfront und wurde sofort entlassen. Anfang November konnte er das Stämmchen noch rechtzeitig vor dem Winter einpflanzen. Und das kleine Bäumchen wuchs über die Jahre zu einem stattlichen Baum heran. „Kronprinz Rudolf“ trug, auch durch fachkundigen Schnitt und Pflege, alljährlich seine allerbesten Früchte aus. Er war bis zu dem Unglück, und das für einen Apfelbaum sehr selten, schon sagenhafte 101 Jahre alt geworden.

In all den Jahren wurde Johannes Kriegs-Mitbringsel an die nächste männliche Linie, zur Erinnerung an eine glückliche Heimkehr, die Auflage zur Erhaltung des Baumes weitergegeben. Über alle Generationen wurde das Gelübde eingehalten.

1920 kam Johannes Sohn Karl-Arthur auf die Welt, der mit 24 Jahren, 1944 seinen Sohn Helmuth zeugte. Urgroßvater Johannes ging 1979 mit 83 Jahren für immer. Sein Sohn Karl-Arthur verstarb in 1991 mit 71 Jahren. Auch Hel-muth heiratete früh und mit Sohn Andreas wurde 1965 die Linie weiter fortge-setzt. Helmuth verstarb mit 2008 mit 64 Jahren. Andreas heiratete ebenfalls zeitig und mit der Geburt von Sohn Rainer in 1985 wurde die nächste Genera-tion weitergeführt. Opa Andreas lebte im Herbst seines Lebens nur noch für den Baum und gab das Wissen, wie schon seinem Sohn, auch an Marco frühzeitig weiter.

Jetzt nach 99 Jahren zersägten Rainer, sein Vater Andreas und dessen Enkelsohn Marco die traurigen Überreste und gruben die Baumwurzel aus. Marco, die letzte Generation war da gerade mal 11 Jahre alt und er fühlte wie alle anderen auch, diese tiefe Wehmut in sich. Er vermisste jetzt schon den aromatischen Geschmack und den süßlichen Duft der im Herbst im Keller eingelagerten Äpfel, der bis März das ganze Haus wohlig durchzog.
Was den Jungen aber am meisten bedrückte, war das Befinden von Opa. Er litt ohne zu klagen, aber sein bekümmertes Gesicht über das Unwiederbringliche sprach Bände.

Eines Tages, kaum von der Schule heimgekehrt, gab der Bub in einer Suchma-schine den Begriff: „Alte Apfelsorten“ ein. Da kam nicht viel, meist schon längst bekannte Sorten. Enttäuscht wollte er die Rubrik schon schließen, als er ganz am Ende die Website einer österreichischen Baumschule in der Steiermark etwas entdeckte.
Marco öffnete das Portal und entdeckte dort auch drei alte Sorten vor 1900, die im Han¬del erhältlich waren:
1. „Steirischer Maschanzker“ vor 1800
2. „Schafnase“ Steiermark, Zufallssämling um 1800.
3. „Kronprinz Rudolf“, Zufallssämling um 1858, Ausgezeichnet von Kaiser Franz-Joseph I. Währen der Wiener Weltausstellung 1873. Lieferhöhe 150 cm / Stammhöhe 60 cm, für ca. 30,00 Euro.

Aufgeregt druckte Marco die Seite aus, rannte damit in den Garten zu Opa, der gerade aus dem alten Wurzelholz etwas schnitzen wollte. Der Junge schrie schon von weitem: „Opa, Opa wir fahren in die Steiermark und holen einen neuen „Kronprinz Rudolf“, schau hier, schau was ich gefunden habe“.
Der Alte las alles genau durch, dann nahm er seinen Enkel in die Arme und sagte: „Gleich am Wochenende fahren wir mit Papa dort hin und holen das Bäumchen von Deinem Urgroßvater Johannes wieder nach Hause“ und fuhr glücklich lachend fort: „Damit Du und mit Deinen Kindern die Erinnerung und Tradition auch die nächsten Hundert Jahre weiterführen kannst.“

So geschah es auch. Als die drei am Sonntagnachmittag mit ihrem „Kronprinz Rodolf“ wieder Heim kehrten, schauten die Mutter und Großmutter vom Kü-chenfenster ergriffen zu, wie ihre „Männer“ das Bäumchen behutsam in seine neue heimische Erde einbrachten, an einem Pfahl festbanden und ausgiebig gossen.
Später saßen dann alle im Garten zusammen, wünschten „Kronprinz Rudolf“ alles Gute und schauten ihm beim „wachsen“ zu.

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