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Kein Pardon (1)

Von tastifix 10.09.2023, 13:48


In einem Hamburger Büro.
Es war gruselig an jenem Tag! Herr Roman war von Berufs wegen verpflichtet, am laufenden Band ebensolche oder auch ähnliche Schriftstücke zu lesen, zu korrigieren, zu sortieren, auszusortieren oder beifällig nickend dem anschließend zu formatierenden Email-Stapel zuzuordnen. Mittlerweile waren es zwanzig Geschichten, die spätestens in zwei Tagen im Internet vorgestellt werden sollten. Und alle paar Minuten erreichten ihn neue Werke. Herr Roman war Verleger eines noch jungen, im Aufbau begriffenen Verlages. Über mangelnde Arbeit konnte er nicht klagen. Drei geschlagene Stunden schwelgte er schon in Krimis und Liebesschnulzen. Alles wirbelte ihm im Kopf durcheinander. In den Liebesgeschichten wurde gemordet und in den Krimis geküsst.

Seufzend legte er eine Pause ein. Zum Glück waren es bislang nur Kurzgeschichten, die auf ihn einstürmten. Doch hatten Dutzende Talente ihm vor Augen geführt, was alles sich so nennen durfte. "Kurz" konnte sich dem entsetzten Verleger als ein wahrer Bandwurm entpuppen.
´Neiiiin! Können die sich nicht kürzer fassen!?`
Aber auch mit solchen Werken musste er sich auseinander setzen. Denn er lebte davon! Lustlos pickte er die nächste Email heraus.
"Sauber verfasst!", brummte er.
Der knapp gehaltene Titel machte ihn neugierig. Sehr ausgefallen, zeugte er von Einfallsreichtum. Er begann zu lesen. Aha, eine Satire. Sie faszinierte ihn. Per Mausclick durchwanderte er Zeile für Zeile. Doch Miniabsatz folgte auf Miniabsatz. Himmel, bestand das Ganze denn nur daraus? Frustriert suchte er nach einem längeren zusammenhängenden Textabschnitt und gedachte derweil der Arbeit, all diese Kleinstabsätze formatieren zu müssen. Auf Seite 3 endlich wurde sein Traum wahr. Erleichtert zählte er die Zeilen, die da ohne störende Unterbrechung aufeinander folgten. Wie beruhigend! Anscheinend hatte die Autorin ihren Stil gefunden und war entschlossen, ihn bis zum Ende dieses Werkes beizubehalten.

Entspannt vertiefte er sich erneut in den Text, Seite für Seite. Nach der fünften Seite jedoch beschlich ihn allmählich Misstrauen. Hatte er nicht etwas von "Kurzfassen" gesagt?? Die sechste Seite. Auf der traf ihn dann fast der Schlag:
"Nee, nicht??“
Fassungslos wanderte er mit der Maus von oben nach unten und wieder zurück. Doch es änderte nichts. Immer krasser wurde der Eindruck von dem, was er zu sehen bekam. Und er musste sich deprimiert sagen, dass es dort keinen ängeren Textzusammenhang gab. Frau Mähr hatte ihre Macke sorgfältig zu einem Meistertick ausgebaut. Jeder einzelne Satz stand für sich alleine da. Die Hoffnung auf eine gemütliche Lesestunde schwand endgültig. Ja, dies war eine extra lange Kurzgeschichte. Eine kurze erschien jener Autorin offensichtlich als zu banal! Zudem hatte die Urheberin dieses Chaos alles zusätzlich in Kapitel unterteilt. Auch da war sie sehr gewissenhaft vorgegangen. In einer sehr langen Kurzgeschichte bieten sich bekanntlich viele geeignete Stellen an, um neue Kapitel zu bilden.

Herrn Roman schwindelte es. Ausgerechnet der Inhalt dieser Garnicht-Kurzgeschichte gefiel ihm ausnehmend gut! Er brachte es nicht, sie in den Papierkorb zu befördern, sondern grübelte:
„Wie bloß soll ich diesen Sermon angehen? Gibts denn gar keine Chance, die mich erwartende Ackerei wenigstens zum Teil zu vermeiden?“
Er grübelte mindestens eine halbe Stunde lang. Seine Mitarbeiter machten sich bereits Sorgen um ihren Chef, der völlig zusammen gesunken m Sessel hing. Drohte dem etwa eine Herzattacke? Gerade beratschlagten sie, eventuell einen Arzt zu alarmieren, als des Verlegers Haltung sich urplötzlich straffte. In seinen Augen entdeckten sie ein triumphierendes Leuchten. Um den Mund zuckte ein hämisches Grinsen:
"Die wird sich wundern!"
In fast soldatischer Habachtstellung hieb auf die Tastatur ein, als wollte er ein Jahrhundertwerk verfassen. Der Gedanke, dem literarisch allzu keckem Treiben dieses ihm gänzlich fremden weiblichen Wesens Schranken zu setzen, verhalf ihm zu allerbester Laune. Auch er nannte einen gehörigen Ehrgeiz sein Eigen. Ihn reizte es, sich auf eine schriftstellerische Auseinandersetzung mit jener Autorin "Langtext" einzulassen. Nein, die zwänge er in eine Fleißfalle! ...

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