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Juan Carlos de Olivera

Von Fiddigeigei Samstag 31.10.2020, 17:40

Mein Cousin aus Spanien schrieb mir, dem Carlos Fiddigeige in Deutschland folgende Begebenheit.

Revolution oder Vivat Espana



Eine Revolution entsteht nicht einfach so. Eine Revolution braucht einen Nährboden, sie braucht den richtigen Gärpunkt und Menschen mit heissen Herzen. Harte Raufbolde die voranschreiten, tapfere Trommler und Leute die mit einer Fahne als Anführer und Aufrührer dem Volke den Weg weisen. Eine Revolution muss gut vorbereitet werden, sollte sie erfolgreich sein. Dazu ist es unbedingt wichtig, dass Sendboten von Haus zu Haus eilen, um die Revolution im Geheimen anzuheizen.

Für diesen Zweck gibt es in unserem Dörfchen zwei Personen, die Nachrichten aller Art so unter die Gemeinde bringen. Nachrichten, die natürlich weder in der Zeitung stehen, noch von der nahen zuständigen städtischen Verwaltung eigenen Radio-, bzw. TV-Station gemeldet werden. Es gäbe ja auch keine Revolution, wenn Stadtverwaltung und Polizei über solche Geheimbünde ihrer Bürger informiert wäre. Sofort würden Ordnungskräfte das noch kleine Pflänzchen Revolution ausreissen.
Also nun zu unseren Sendboten. Der eine ist eigentlich eher harmlos anzusehen. Er heisst `Angel (sprich Angchel), was Engel bedeutet. Dieser Engel, ca. 1,50 m hoch, kommt aber nicht mit Flügeln angerauscht, sondern in einem führerscheinfreien, auf 25 km/h beschränkten Wägelchen, zu den Nachbarn.
Da er nur noch über wenige Zähne verfügt ist das vollständige Verstehen, selbst für die, der Sprache mächtigen Spanier, nicht so ganz einfach. Seine Botschaften beschränken sich auf Einbrüche und andere kriminelle Ereignisse, die grundsätzlich Menschen aus dem gegenüberliegenden Magrehb, sprich Arabien in die oft ärmlichen Schuhe geschoben werden. Dazu kommen Hausverkäufe, Liebesgeschichten und Ehedramen. Also doch mehr über Alltägliches, was man ruhig als Tratsch bezeichnen kann.
Seine Nachrichten sind meistens ungeeignet eine allumfassende Revolution zu entfachen, sie dienen mehr dazu, sonst gute Nachbarn zur Flinte greifen zu lassen und sich für einige Generationen nicht mehr zu vermischen; was ja manchmal auch Vorteile mit sich bringt.
Gerne trägt er aber, die aus zweiter Hand stammende Informationen des anderen Boten weiter, weshalb er in dieser Geschichte auch seinen Platz erhalten muss.
Die andere Person hat die Gabe Unglücke auf grosse Entfernungen zu riechen, wobei der Herd des zukünftigen Unglückes noch gar nicht raucht. Wird eine Strasse im Ort geplant, oder nur hergerichtet, schon kommt aus dieser Ecke unter vorgehaltener Hand: Sie bauen eine Autobahn direkt durch den Ort.
Erfolg: Überall entstehen Strassensperren und wochenlang muss man mühsam über Äcker zu seiner Casa holpern. Transparente flattern im Wind und verlangen, daß der Gemeinderat inklusive Bürgermeister zurücktritt, oder noch schlimmer die Ortsvorstände einfach zu liquidieren sind.
Erfolg: Die für die Anlieger wichtige Strasse wird überhaupt nicht gebaut und die Löcher im Asphalt werden noch grösser.
Für solche Nachrichten, die meistens nicht ohne Folgen bleiben, ist La Rubia (für Blondine/Blondkopf) verantwortlich. La Rubia ist Deutsche, eine eher kleine, etwas aufgedonnerte rundliche Mittvierzigerin, die einen blonden Zopf trägt, aber für ein Gretchen schon zu alt ist.

Ihr Lebensgefährte aber, ist gross und von ausgemergelter Statur. So stellt das Paar so eine Art Don Quixote/Sancho Panza Idylle dar.
La Rubia, spricht gut spanisch, jedoch deutsch in jener Mundart die unsern ersten deutschen Bundeskanzler so auszeichnete.
Die spanischen Männer unseres Dorfes bewundern sie, denn in einem Land der Schwarzhaarigen, ist eine Blondine Königin ( die berühmten Blondinen-Witze sind in Spanien unbekannt ).
So fällt es ihr leicht eine Revolution anzuzetteln. Dies geschah auch an einem denkwürdigen Tag im Herbst 2001.
Meine Frau arbeitete im Garten, ich weiter weg im Feld. Als wir uns zum mittäglichen Salat trafen, zeigte sie mir einen bedruckten Handzettel und sagte: Die La Rubia war da und hat mir über den Zaun erzählt, im Campo sollen 2 Fabriken zur Beseitigung von Schweineurin gebaut werden.
Die Grundstücke sind bereits von entsprechenden Unternehmen gekauft. Es sei unsere Pflicht,
unser neues Heimatland an der Seite der spanischen Freunde zu verteidigen. Morgen treffen wir uns alle im Gemeindehaus um weitere Massnahmen zu besprechen.
Am späten Nachmittag traf ich einen anderen Nachbar, bei dem hatte La Rubia bereits auf 4 Urin-Vernichtungsanstalten erhöht.

Auf dem Pamphlet, hatten als Trommler und Fahnenschwinger, die Union der Nachbarn und der Land-Frauenbund unseres Dorfes unterzeichnet.
Besonders die Frauen waren uns als kampfstarke Truppe bekannt und wir beschlossen daraufhin, unser Haus noch nicht dem Makler anzuvertrauen. Und so marschierten wir dann auch einigermassen ruhig zur Versammlung gegen den Schweineurin.
Im kleinen Gemeindehaus rumorte es wie in einem Wespennest, welches ausgeräuchert werden sollte. Meine Frau und ich standen bei einigen Nachbarn, als La Rubia, ganz königliche Blondine hereingerauscht, jawohl hereingerauscht kam, im Schlepp den ewig langen, ausgemergelten Don Quixote. Im vorübereilen, rief sie uns zu: Alles ist noch viel schlimmer, es werden 5 Fabriken gebaut, für die bereits Genehmigungen der Stadt vorliegen und für 5 weitere Urinanstalten sind Anträge gestellt.
Potz Blitz, dachte ich bei mir, sollten die Schweine nach der Maul- und Klauenseuche jetzt auch noch an Blasenschwäche leiden?
Vor uns plazierten sich die Akteure, bestehend aus der Delegierten der Frauen Juana, sowie Salvador, eher ein besonnener Mensch, die Stimme der Union der Nachbarn vertretend und einem sehr korrekt wirkenden Herrn, der mir von einem tuschelnden Nachbar als Alkalde, also Bürgermeister der Stadt, vorgestellt wurde. Diese 3 Gladiatoren, sowie einem blassen Bürschchen, sassen in Front zu unserem, von Rache dürstenden Haufen.
Juana, die mit ihrer strengen Frisur und der dunklen Hornbrille, mich an eine in Deutschland bekannte, alle Männer einschüchternde Frauenrechtlerin erinnerte, eröffnete die Diskussion:
Ja, das wäre doch eine Sauerei im wahrsten Sinn des Wortes. Sie hätte 4 Kinder, auf diese nun der Schweineurin in Pulverform herunter regnen würde.
Bei diesem Bekenntnis über den Bestand von 4 Kindern, sah ich mich vorsichtig im Saale um, um eventuell den Helden des männlichen Geschlechtes zu entdecken, der es ohne körperlichen oder seelischen Schaden geschafft hatte, dieser Vertreterin der Emanzipation so etwas anzutun.
Und sie holte weiter aus: die Städter würden schliesslich ja das Schweinefleisch von hier nur so in sich hineinschieben: Ergo müssten die Verursacher auch den Urin entsorgen.
Dabei rollten ihre schwarzen Augen so gefährlich, daß dem Alkalden der Schweiss auf der Stirne nicht mehr trocknete.
Aus unseren Reihen erhoben sich jetzt auch Anklägerinnen, die die Anzahl ihrer Kinder, dem immer mehr erbleichenden Bürgermeister ins Gesicht schleuderten.
Salvador, der Chef aller Nachbarn versuchte zu vermitteln, dann verstand ich nur noch Bahnhof, meine wenigen Spanischkenntnisse vermochten dem schnellen Zungenschlag der spanischen Heroen nicht mehr zu folgen.

Es kam zu tumultähnlichen Zuständen, der Bürgermeister sprang plötzlich auf und verliess den Saal, komischerweise klatschten alle, was wir beide Alemanos gar nicht verstanden.
Dann ging, im Raum.es wurde wieder heftigst debattiert, der bleiche Jüngling in einen Nebenraum. Jetzt verteilen sie die Waffen, flüsterte ich meiner Frau zu.
Ich möchte unbedingt einen Säbel, da ich mit diesem, schon in meiner Jugendzeit erfolgreich als Pirat tätig war. Meine Frau verlangte nach einer langläufigen Flinte: und bitte achte darauf, das es keine Automatik ist, die kann ich nicht bedienen. Sie war lange Zeit Mitglied eines Schützenvereines und deshalb an Maschinenwaffen nicht ausgebildet.

Zwischenzeitlich war eine sehr hübsche Dame des Land-Frauenvereins, auf einen Tisch gesprungen und hielt eine feurige Rede. Sie hatte eine tolle Figur und ich hoffte sie würde sich jetzt die Bluse vom Leib reissen, wie einst die französische Marianne vor dem Sturm auf die Bastille. Ich sah sie schon barbusig, eine Fahne mit einem pinkelnden Schwein als Symbol schwingend, uns voraus in den Kampf gegen die Stadt ziehen.
Stattdessen, kam der junge Bleiche, leider ohne Waffen im Arm zurück und reichte ihr einige Bogen Papier hinauf, von welchem sie unter grossem Jubel der Anwesenden etwas vorlas. Dann sprang sie leider wieder vom Tisch ohne vielversprechend Bluse nur geöffnet zu haben und alle begannen ihre Unterschriften unter das Papier zu setzen, wir auch.
Die Versammlung war zu Ende und wir traten in die frische Nachtluft hinaus.
Mein Herz war angefüllt mit hohen Gedanken, die bis zu den Sternen reichten:
Wir, zwei deutsche Rentner waren auserwählt, mit unserem Blute die Gesundheit spanischer Kinder zu verteidigen.
Das waren für wahr grosse Gedanken und wir schritten aufrecht, wie es Revolutionären geziemt, unserem Heime zu.
Am anderen Tage traf ich auf unseren Nachbarn Antonio. In meinem holperigem Spanisch fragte ich ihn: Wo findet denn jetzt die Verteilung der Waffen statt? Welche Waffen denn! Ja gestern in der Versammlung! In der Versammlung? da hast du was falsch verstanden Amigo, da hat doch die Rubia was in den falschen Hals bekommen. Das war doch nichts als ein Witz, der Alkalde hat erklärt, daß höchstens eine Urinvernichtung in Planung sei, diese Anlagen sind sehr teuer und deshalb der Bau von 10 Stück gar nicht möglich und wenn wir alle unterschreiben, geschieht in unserem Dorfe gar nichts.

Antonio meinte mit einem Augenzwinkern: Aber eine, eine von den verfluchten Dinger Amigo, werden sie uns trotz den Unterschriften, irgendwann vor die Nase setzen.
Eigentlich war ich nun ein bißchen enttäuscht, dass die Sache ohne unser Blutvergießen ausgehen sollte, aber ich nahm mir fest vor mein Spanisch zu verbessern.

Na und was geschah mit der La Rubia? Einer Blondine kann in Spanien überhaupt nichts passieren: Das Seniores, ist sicher, ausser einem grossen Kindersegen. Blondienen Können sich in der Spanischen Männerwelt alles leisten! Sogar Blondienenwitze.

Was essen eigentlich Revolutionäre?

Revolutionäre haben keine Zeit, kein Geld und was sie essen muss rot aussehen, und an Blut erinnern.

Pasta rojo a Revolucion oder Penne ala Revolution

Wir brauchen für 4 Revoluzzer: 500gr Penne, 2 Döschen doppelt konzentriertes Tomatenmark in allen Fachmärkten in den Regalen (aus Spanien“Doble Concentrado“), (aus Italien „Doppio Concentrato“) Nicht zu verwechseln mit den berühmten Tuben mit Tomaten- Mark. Meist ist dieses Mark bereits gesalzen, sonst muss die Sosse nachgewürtzt werden.
Eine grosse oder zwei kleine Zwiebeln in Spalten geschnitten. 5 oder mehr Knoblauchzehen in Scheiben. Chilischoten zerkleinert ohne Kerne. Olivenöl.
Salsa de Revolucion: In einer Pfanne, den Boden gut mit Olivenöl bedecken und erhitzen. Zwiebeln und Knoblauch kurz anbraten, dann Temperatur zurücknehmen und Zwiebeln/ Knoblauch regelrecht weich schmoren. Jetzt Tomatenmark einrühren und mit schmoren. Chilischoten dazugeben. Evtl. noch salzen/pfeffern.
Zwischenzeitlich Penne nach Vorschrift in gesalzenem Wasser nach eigenem Geschmack „Aldente“ kochen. Abgiessen und direkt in der Pfanne gut mit der Sosse vermischen. Fertig!

In vorgewärmten Tellern servieren. Wenn die Zeit reicht, mit grossblättriger Petersilie bestreuen.

Tipp: Für kleine Revolutionäre ist die Sosse evtl. zu scharf. Ich lasse den Chili weg und stelle eine Flasche chiligewürztes Olivenöl auf den Tisch und jeder würzt nach seinem Gusto.
Chiliöl ist einfach herzustellen: In eine kleine Flasche einige frische oder getrocknete Chilischoten füllen und darüber das Olivenöl geben. Bereits nach2/3 Tagen gibt es eine gesunde Schärfe ab. Es hält lange nur darauf achten, das die Schoten immer mit Öl abgedeckt sind oder besser Schoten nach ca.5 Tagen entfernen.

Nun werden Sie zu recht fragen: Wo sollen denn Revolutionäre mitten im Kampf einen Supermarkt mit Tomatenmark finden?
Das obere Rezept ist auch für die Stadt- Guerilla gedacht, das folgende für die Kämpfer auf dem Lande.

Tomates ala Sarten oder Tomaten aus der Pfanne

Wir brauchen: Grosse Tomaten halbiert (soviel wie in unsere Pfannen passen), Schnittfläche salzen und pfeffern. Je 1-2 Zwiebeln halbiert und in grobe Spalten geschnitten. Knoblauch nach Gusto gescheibelt. Kräuter wie Rosmarin, Oregano und Thymian, soweit man hat, frisch oder getrocknet. Olivenöl und eine Pfanne abgestimmt auf die Zutaten.
So machen wir’s: Den Boden der Pfanne gut mit Öl bedecken und auf das offene Lagerfeuer, oder auf den Herd stellen. Öl erhitzen. Tomaten mit der Schnittfläche in die Pfannen und alle anderen Zutaten ebenfalls dazu legen. Hitze mildern und alles schön langsam schmurgeln, bis die Tomaten geschmolzen sind.
Also etwas Zeit lassen Revolutionäre!
Um die Pfanne versammeln und mit Weissbrot gemeinsam austunken. Zünftiger roter Landwein der ungeschönten Sorte erhöht den Genuss und die Kampfbereitschaft.
Tipp: Man kann auch auf die Zwiebeln und den Knoblauch verzichten.


Bueno aproveche

Juan Carlos

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