In Bildern lesen
Von
Salzbaron
Montag 15.07.2024, 14:45 – geändert Montag 15.07.2024, 14:47
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Salzbaron
Montag 15.07.2024, 14:45 – geändert Montag 15.07.2024, 14:47
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Am Anfang waren es die Bilder, in denen ich mich verlor. Dann kamen die Buchstaben. Ich lernte lesen und schreiben. Aus Buchstaben wurden Silben – aus Silben formte ich Wörter und später einfache Sätze und kleine Geschichten. Daraus entsprang die kindliche Vision, einmal ein Buch zu schreiben. Soweit meine Erkenntnisse aus der Volksschulzeit. Dass man sich in einem Buch verlieren kann wie in einem Traum, in dem sich jedes Zeitgefühl auflöst, erfuhr ich Jahre später. Eines Tages, ich war gerade Dreizehn geworden, ertappte mich mein Vater beim Lesen einer gezeichneten Detektivgeschichte namens Nick Knatterton.
„Schundroman“, nannte er dieses Genre und verbot mir ein für alle Mal, diesen „Dreck“ zu lesen. Ich fügte mich nur zum Schein, denn in mir keimte ein Plan, wie ich der Enge der Einzimmer-Wohnung entkommen könnte. Meine Gedanken galten dem alten Waschhaus im Hof, das seit langem nicht mehr benutzt wurde. Mein Plan funktionierte. Ich krempelte die Ärmel hoch und verwandelte die Waschküche in mein privates Reich. Es wurde mein heimliches Refugium.
Unser Haus beherbergte seit kurzem auch ein Foto-Labor. Hier wurden die analogen Farbfilme sämtlicher Amateur-Fotografen der Stadt professionell entwickelt und als Papier-Abzüge oder Diapositive ausgearbeitet. Als Kunden-Service bot die Firma an, nur gelungene Fotos (in den Augen des Fotografen) zu vergrößern und zu verrechnen. Die misslungenen Schnappschüsse, meist milchige Überbelichtungen, die wie ungewollte Weichzeichner das Fotografenauge beleidigten, landeten neben Unmengen von Fotopapier-Schnipseln in einer separaten Abfalltonne – und diese stand genau vor dem Fenster meines Domizils.
Der Entdecker in mir wurde aktiv. Fast täglich plünderte ich die Abfalltonne und verwandelte die ehemalige Waschküche im Handumdrehen in eine geheime Asservatenkammer. Plötzlich war ich Besitzer ungezählter, manchmal etwas karger und nicht den Qualitätsregeln entsprechender Farbfotos geworden. Ich identifizierte mich mit dieser Kargheit.
All diese Fotos haben gemeinsam, dass sie nicht für mich gemacht worden sind. Das schlechte Gefühl, sich in das private Leben fremder Menschen einzuschleichen, belastete mein Gewissen nur kurze Zeit, denn ich wusste ja, dass die Bilder aus dem Müll kamen, wodurch sie herrenlos zum bestgehüteten Schatz wurden, den ich je besaß. Vor mir lag eine Foto-Sammlung, die durch das kreuz und quer der Motive jedes Mal eine andere Tür öffnete.
Auf einem Foto war ein Clochard zu sehen, dessen Äußeres faszinierend war. Er stand in seiner ganzen Abgerissenheit einsam und verloren auf einem Boulevard und streckte abweisend die flache Hand in die Luft. Die Menschen, zu denen er offensichtlich sprach, waren nicht zu erkennen, denn hier war ein Lichteinfall, der Fehler des Bildes, der es zum Wegwurfbild degradierte. Ein willkürliches Foto eines Menschen, das mich wie ein Schlag traf und eine tiefe Verbundenheit mit dem Abgebildeten erzeugte.
Meiner Fantasie folgend, wollte ich ursprünglich die schönsten Bilder mit einem Text versehen. Es sollten Worte sein, die mir beim Betrachten der unbekannten Landschaften, Architekturen und Figuren spontan einfielen. Jetzt blickte ich irritiert auf das Bild des Clochards zurück. Wie sollte ich ein Bild unterschreiben, das einen Menschen zeigt, der nicht der Norm entsprichtt?
Ich schrieb den Satz: „Verlorene Würde.”
© by Salzbaron