Hinter den Dünen
Von
Pinnacle
Dienstag 05.05.2020, 14:12
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Hinter den Dünen
Joa Bosch ©BJS
Es war ein wunderschöner Tag am Meer.
Einsam ging Sophie an dem menschenleeren Strand entlang, über den eine laue Brise wehte. Sie war von der maritimen Natur fasziniert. Die bernsteinfarbenen Wanderdünen, der türkisfarbene Ozean und darüber ein tiefblauer Himmel, durchsetzt mit schneeweißen Wolken, taten ihrer Seele gut. Nur das Geschrei der Möwen, gemischt mit dem Rauschen der sich im Wind wiegenden Gräser und mit Schaumkronen bedeckten Wellen, begleiteten die verzweifelte Frau.
Sie war in ihrer Angst aus der großen Stadt in diese Verlassenheit geflohen. „Der Feind“ hatte sie unbarmherzig angegriffen. Die Vorsorgeuntersuchung ergab eine niederschmetternde Diagnose. Die Ärzte teilten Sophie mit, dass sie eine der tödlichsten Krebsarten in sich trug. Ohne eine extrem belastende und sehr fragwürdige Chemo-Therapie, würde ihr Dasein nur noch wenige Monate währen.
Mit ihren 48 Jahren hing die selbstbewusste Frau zwar sehr am Leben, aber in ihrer Würde wollte sie sich nicht als „Versuchskaninchen“ dem Feind so hilflos ausliefern. Konfrontiert mit ihrem Schicksal, zeigte ihr Ehemann keinerlei Verständnis und wandte sich von ihr ab. Kinderlos, wie sie waren, konnte sie keinen anderen Halt finden, auch nicht im Glauben.
In ihrer Angst suchte Sophie einen Weg aus der Misere. Noch vor den unbarmherzigen Krankheitsqualen wollte sie ihr Dasein beenden. Nur ein Freitod war für sie die Alternative. Aber wie? Sie wollte niemanden damit belasten und keinen Menschen damit hineinziehen. Hier und heute wollte die in sich zurückgezogene Frau eine Entscheidung tref-fen. Seit ihrer Kindheit war das Meer schon immer ein guter Freund gewesen und sie spielte mit dem Gedanken, jetzt seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch wenn es dabei zu einem harten Kampf zwischen Geist und Körper kommen sollte. Sie fühlte sich stark und ohne jegliche Furcht.
Ermüdet von der langen Wanderung, nahm Sophie am Fuß einer gewaltigen Düne, zwischen bunt blühenden Strandpflanzen Platz.
Sie lehnte sich in den warmen Sand und schaute über die endlose Weite des Ozeans, der keine Vergänglichkeit kennt. Am Horizont begab sich die Sonne langsam zur Nacht.
Ja, hier zwischen den Elementen Erde und Wasser würde sie Ruhe finden. Glücklich über diesen tröstenden Gedanken lauschte sie der göttlichen Natur. Und der Wind wiegte sie, losgelöst von allem, hinüber in einen friedlichen Dämmerzustand. Langsam verklang erst das schrille Möwengeschrei, dann das Rascheln der Gräser, bis nur sanftes Meeresrauschen blieb.
Da! – Ein leises Rieseln!
Über Sophies Schulter kullerte erst ein Sandkorn, dann schneller werdend, rieselte samtweicher Dünensand auf die schlafende Frau nieder.
Immer mehr Geriesel bedeckte Sophie. Als goldene Sandkörner in Mund und Nase eindrangen, empfand sie das als angenehm und schön. Zufrieden und erwartungsvoll ließ sie die Düne gewähren. Und ihr Freund, das Meer, flüsterte ihr mit seinen ewigen Wogen tröstlich zu: „Nein, kein Kampf mit dem nassen Tod.“
Gnädig, wie ein goldenes Leichentuch, bedeckten Jahrmillionen alte Gesteinsteilchen ihren dem Tode geweihten Körper.
Langsam versank Sophie wohlig darin. Die Wanderdüne nahm sie für immer mit auf die unendliche Reise.