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Heideblüte

Von egalis Mittwoch 22.08.2018, 09:31

HEIDEBLÜTE
©Elke Bontjer-Dobertin

Der Sommer ist fast vorbei. Das Jahr wird weniger und meine Zeit auch. Ich weiß nicht, wann mir zum ersten Mal dieser Gedanke kam. Ist schon eine Weile her.
Besonders deutlich kommt mir das jetzt wieder in den Sinn, als ich über einen Sandweg ins Moor gehe. Soweit der Blick reicht, blüht die Heide zwischen Bäumen und Sträuchern. Vom Torfboden steigt mir ein Geruch in die Nase von Erde, Feuchtigkeit, Moderholz und Gras. Mitunter kann ich auch Pilzduft wahrnehmen.
Eigenartig ist, dass ich, anders als sonst, wenn ich mit viel Freude die blühende Landschaft sah, wieder, wie bei meinem Heidespaziergang im vergangenen Jahr, Traurigkeit spüre.

Auch damals schien die Sonne, war der Himmel tiefblau und weiße Wolken, wie sie besonders in Ostfriesland zu sehen sind, segelten über die stille Heide. Hin und wieder piepte ein Vogel. Von weiter entfernt konnte ich eine Kuh brüllen hören. Ein Fohlen wieherte nach seiner Mutter. Und in all dieser Herrlichkeit wurde mir das Herz schwer! – An einem ausgetrockneten Torfstich fand ich eine geschützte Stelle und setzte mich dorthin.

Wie heute liefen die Gedanken in die Vergangenheit und mir fiel das Lied ein, das mein Vater mit uns gesungen hatte: „Wenn abends die Heide träumt, erfasst mich ein Sehnen...“
Ich saß da, sah um mich herum, summte das Lied und mir fiel ein Gedicht ein. „Stille Abendstunde“ nannte ich es.

Über das Hochmoor habe ich meine Blicke schweifen lassen und konnte doch nicht sehen, was meine Sehnsucht benennen oder stillen konnte. Noch mehr als in den vergangenen Heidesommern ging mit mir ein Abschiedsbesinnen durch das Blühen.
Aber warum? Es hatte sich um mich herum doch nichts verändert:

Der Himmel auf seine ostfriesische Art; der Gesang von dem einen oder anderen Vogel und das Summen der Bienen klang in meine Ohren. An den bunten Schmetterlingen hatte ich meine Freude. Ich beobachtete die kleinen Käfer und Insekten, die um mich herum flogen und krochen und krabbelten und Schwierigkeiten hatten, durch den Urwald von Heidekraut zu kommen.

Bei all dem Schauen wurde es dann doch still in mir und Ruhe überkam mich. Meine Gedanken gingen weiter auf die Reise. Was war in dieser doch eigentlich kurzen Zeit alles geschehen! Ich meine nicht bloß, was in der Weltgeschichte passiert ist. Auch in meinem Leben geschah so vieles, fast zuviel für ein Jahr.
Erfreuliches habe ich erlebt, aber auch soviel Niederschmetterndes und Missgeschicke. Was überwog, weiß ich nicht. Freude vergeht so schnell. Das Missliche klebt, dauert an, bleibt länger in Erinnerung, so meint man.

In die Herbstzeit fällt der Todestag meiner Mutter. Ein Tag vor ihrem Todestag ist ein paar Jahre später ihre Schwester gestorben. Sie war meine Zweitmutter. Und wieder einige Jahre später hat mein Vater, auch in dieser Zeit, seine Augen für alle Zeiten geschlossen. Hatte kurz vor seinem Tod noch davon erfahren, dass der Mann, den ich liebte, der Vater meiner Kinder, sich von mir, von seiner Familie losgesagt hatte.
Diese Ereignisse stehen immer wieder vor mir, lassen sich nicht abschütteln.

Eltern und Tante liebten die Heide. Diese Liebe, auch die zu den kleinen Sachen, die um uns herum sind, haben sie an mich, meine Geschwister weitergegeben und ich habe sie meinen Kindern mitgeteilt.

Wären die Drei doch noch hier und könnten mit mir und meinen Kindern und den Enkeln durch die Heide und das Moor streifen! Aber das ist Vergangenheit und Traum. Was bleibt, ist das Sehnen bei meinem Gang über das Moor, durch Heide und Feld.

Wieso ist immer noch der Himmel hoch und blau? Die Sonne scheint und die Wolken ziehen weiß – so wie nur hier bei uns in Ostfriesland – über das Land. Vögel singen, Insekten summen, Schmetterlinge flattern um mich herum.

Langsam innere Ruhe spürend, möchte ich diesen Anblick und das Empfinden festhalten und nicht loslassen.

Könnte ich das alles doch mitnehmen in die dunkle Jahreszeit!

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