HEIDEBLÜTE
Von
egalis
Freitag 04.09.2020, 17:59
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egalis
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Der Sommer ist fast vorbei. Das Jahr wird weniger und meine Zeit auch. Ich weiß nicht, wann mir zum ersten Mal dieser Gedanke kam. Ist schon eine Weile her. Besonders deutlich kommt mir das jetzt wieder in den Sinn, als ich über einen Sandweg ins Moor gehe.
Soweit der Blick reicht, blüht die Heide zwischen Bäumen und Sträuchern. Vom Torfboden steigt mir ein Geruch in die Nase nach Erde, Feuchtigkeit, Moderholz und Gras. Mitunter kann ich auch Pilze riechen.
Eigenartig ist, dass ich wieder eine unbestimmte Traurigkeit spüre. Genauso wie bei meinem Spaziergang über das Hochmoor im vergangenen Jahr. Dabei bin ich stets mit viel Freude in die blühende Landschaft eingetaucht.
Jedes Mal bei meinen Moorgängen schien die Sonne, so auch jetzt. Da war der Himmel tiefblau und weiße Wolken, wie sie besonders in Ostfriesland zu sehen sind, segelten über die stille Heide. Hin und wieder piepte ein Vogel. Von weiter entfernt hörte ich eine Kuh brüllen. Ein Fohlen wieherte nach seiner Mutter. Und in all dieser Herrlichkeit wurde mir das Herz schwer! –
An einem ausgetrockneten Torfstich fand ich eine geschützte Stelle und setzte mich dorthin.
Damals wie heute liefen die Gedanken in die Vergangenheit und mir fiel das Lied ein, das mein Vater mit uns gesungen hatte: „Wenn abends die Heide träumt, erfasst mich ein Sehnen.“
Da saß ich nun, sah um mich herum, summte das Lied und mir fiel ein Gedicht ein. „Stille Abendstunde“ nannte ich es. Zum Glück hatte ich Papier und Stift dabei und schrieb es gleich auf.
Über das Hochmoor habe ich dann wieder meine Blicke schweifen lassen und konnte doch nicht sehen, was meine Sehnsucht benennen oder stillen konnte. Noch mehr als in den vergangenen Heidesommern ging mit mir ein Abschiedsbesinnen durch das Blühen. Aber warum? Was hatte sich in meiner kleinen Welt verändert?
Der Himmel auf seine ostfriesische Art; der Gesang von dem einen oder anderen Vogel und das Summen der Bienen klang in meine Ohren. An den bunten Schmetterlingen hatte ich meine Freude. Ich beobachtete die kleinen Käfer und Insekten, die um mich herumflogen und krochen und krabbelten und Schwierigkeiten hatten, durch den Urwald von Heidekraut zu kommen.
Das war alles wie immer. Bei all dem Schauen wurde es dann doch still in mir. Was war in dieser doch eigentlich kurzen Zeit alles geschehen! Ich meine nicht bloß, was in der Weltgeschichte passiert ist und noch geschieht. Auch in meinem Leben geschah so vieles, fast zu viel für ein Jahr.
Erfreuliches habe ich erlebt, aber auch Missgeschicke und Niederschmetterndes. Was überwog, weiß ich nicht. Freude vergeht so schnell. Das Missliche klebt, dauert an, bleibt länger in Erinnerung, so meint man.
In diese Heideblütenzeit fällt der Todestag meiner Mutter. Einen Tag vor ihrem Todestag ist ein paar Jahre später ihre Schwester gestorben. Sie war meine Zweitmutter. Und wieder einige Jahre später hat mein Vater, auch in dieser Zeit, seine Augen für immer geschlossen. Kurz vor seinem Tod hatte er noch davon erfahren, dass der Mann, den ich liebte, der Vater meiner Kinder, sich von mir, von seiner Familie losgesagt hatte. Diese Ereignisse stehen immer wieder vor mir, lassen sich nicht abschütteln.
Eltern und Tante liebten die Heide. Diese Liebe, auch die zu den kleinen Sachen, die um uns herum sind, haben sie an mich, an meine Geschwister weitergegeben und ich habe sie meinen Kindern vermittelt.
Wären die drei doch noch hier und könnten mit mir und meinen Kindern, mit den Enkeln durch die Heide und das Moor streifen! Aber das ist Vergangenheit und Traum. Was bleibt, ist das unbestimmbare Sehnen bei meinem Gang über das Moor, durch Heide und Feld.
Wieso ist immer noch der Himmel hoch und blau? Die Sonne scheint und die Wolken ziehen weiß – so wie nur hier bei uns in Ostfriesland – über das Land. Vögel singen, Insekten summen, Schmetterlinge flattern um mich herum. Der Abschied vom Blühen, Wachsen und Werden, vom Jahr, vom Leben ist nicht mehr weit entfernt.
Den Anblick der noch blühenden Heide, das ganze Empfinden, möchte ich mitnehmen in die dunkle Jahreszeit und darüber hinaus.