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Gravensteiner oder Grafensteiner

Von Fiddigeigei Freitag 23.10.2020, 07:20

Alte Liebe

Sein Duft erinnert an Blumen………………………

Unser Baum der Versuchung stand nicht im Paradies, sondern in einer kleinen Stadt, in der ich geboren wurde und meine Jugend verbrachte.
Wenn Sie mich fragen: Wo steht er denn dieser Wunderbaum, muss ich ehrlich antworten- Ich weiss es nicht mehr-. Längst wird ihn ein Bagger ausgerissen haben um irgendeinem öden Gebäude Platz zu machen.
Aufgewachsen bin ich in einer schlimmen Zeit und wir hatten Tage, an denen es wenig zu Beissen, geschweige denn zum Naschen gab. Diese Situation war einfach unser Alltag.
Wir Kinder lebten damals trotzdem unbeschwert, denn wir konnten noch nicht verstehen, was um uns passiert war und es war Sport, Spass und Abenteuer zugleich, etwas an Fressalien zu organisieren, die auch, wenn man sie nach Hause brachten, von den Erwachsenen kommentarlos, ja sogar selbstverständlich angenommen wurden.
„ Organisieren“, war der Begriff für den gesetzlichen Ausdruck des Mundraubdeliktes.
Den Begriff„ Stehlen“, kannte man nicht, es ging einfach nur ums Überleben.
Selbst beim Beichten soll mancher Hochwürden zur Seite gehört haben, wenn man solche lässlichen Sünden von seiner kleinen Seele lud.

Als erste Frucht die reif wurden waren Kornäpfel angesagt. Beeren, wie Erd-, Himm- Brom- und Heidel/Blaubeeren wurden ja im Wald gefunden und konnten gefahrlos gepflückt und an Ort und Stelle verspeist werden, bzw. brachte man diese Früchtchen in blechernen Milchkannen oder verbeultem Wehrmachtsgeschirr gesammelt, mit nach Hause.
Bei den Kornäpfeln war es schon gefährlich und das Organisieren und die Gefahr dabei erwischt zu werden steigerte sich über Birnen, Zwetschgen und Walnüsse und Kartoffeln. Die Besitzer dieser Köstlichkeiten waren wachsam und es gab unbarmherzig Prügel, wurden die kleinen Diebe bei frischer Tat ertappt.
Besonders böse wurden sie aber, wenn man gar „bengelte“, das heisst, wenn man schwere, aber griffige Aststücke verwendete, die man mit Wucht ins Geäst warf um die Früchte herunter prasseln zu lassen.
In dieser Zeit wurden nicht einmal die so genannten Mostbirnen verschmäht, die einem, wie wir damals sagten: Das Hemd ins Füdle zog. Für Nicht- Alemannen: Das Füdle ist das Hinterteil des Alemannen oder auf Hochdütsch Po und auf Bayrisch Arsch.

In die Bäume zum „organisierten“ Pflücken zu steigen, taten nur Anfänger und dies nur einmal. Die Verteidiger ihres Eigentums, also die Baumbesitzer schliefen auch nicht gerade und die Baumbesteiger hatten oft dann keine Chance mehr schnell abzusteigen und den geordneten Rückzug anzutreten; so wurde in diesem Falle das bereits erwähnte Füdle und andere Körperteile der Organisatoren gnadenlos in Mitleidenschaft gezogen, obwohl es damals kaum einen Junge gab, der nicht eine dieser schlagdämpfenden Lederhosen trug.

Aber dies alles war nichts, gegen die Jagd auf den einzigen Baum unserer geschmacklichen Träume und Sehnsüchte:
Den duftenden Grafensteiner, den wahren Baum der Versuchung aus dem Paradiese.
Es begann damit, dass schon Ende Juli spezielle Kundschafter ausgeschickt wurden, um den
Reifezustand an unserem Baum zu ermitteln.
Dies war wichtig, denn wenn die Grafensteiner richtig pflügreif waren, wurden sie von dem Eigentümer so streng bewacht, dass ein „Organisieren“ des Selben fast unmöglich wurde.
Unsere Späher waren angewiesen, jedes Mal ein Geschmacksmuster mitzubringen, an welchem wir feststellen konnten, wann der ungesetzliche Ernteeinsatz erfolgen sollte.

Der Grafensteiner bildet vom Blütenansatz her, gegen den Stil zu, ein rundum gehender, flammenschlagender Ring, welcher bereits beim noch grünen Apfel einen wunderbaren Anblick ergibt. Zur Reife hin wird der Apfel immer gelber und der Ring aus Feuer immer ausdrucksvoller.
Und genau wie beim Wechseln einer Ampel, von Grün auf Gelb, meist Mitte/Ende August ist die Zeit reif für den gezielten Mundraub.
Die Strategie ist einfach, jeder Angreifer besorgt sich mindestens zwei griffige Bengel mit ausgewogenem Gewicht je nach Kraft des Werfers, welche unterm Hemd in der Lederhose steckend unsichtbar getragen werden können, denn der Abmarsch nachmittags nach der Schule erfolgt durchs Städtchen, deshalb war Tarnung angesagt.

Nach einem schweigsamen Fussmarsch ist das Objekt erreicht. Zwei aus der Mannschaft erkunden das Gelände und beziehen vereinbarte Warnposten. Ist alles hasenrein, kommt das Pfeifsignal“ Bengeln“. Beim Warnpfiff „ Bauer“, stiebt alles in möglichst viele Richtungen auseinander, so dass der Herr über die Grafensteiner in die Verlegenheit gebracht wird, wen er denn nun verfolgen soll.
Und wir waren damals sauschnell auf unseren drahtigen Jungenbeinen, ohne ein Gramm Fett auf den Rippen.
Die gebengelte Ernte wurde in die Hemden gestopft, so dass wir wie geschwängerte Enten aussahen. Der Rückzug erfolgte genau so still wie wir gekommen waren. An geeigneter Stelle erhielten die beiden Wachposten ihren gerechten Anteil und der Grafensteinerschmaus
konnte beginnen.

Keine Chance für Fuji, Elstar, Idared oder gar die aufgeblasenen, mit Spritzmittel verseuchten Südtiroler.
Ein Grafensteiner ist wie ein Edelstein, nicht leicht zu finden. Ich suche immer nach ihm und ab und zu habe ich Glück.

Carlos

Anlass zu dieser Geschichte war ein Besuch vor einigen Jahr bei Verwandten, die einen 30 Jahre alten Grafensteiner Duftapfel- Baum im Garten haben. Wir kamen gerade rechtzeitig zur Erntezeit an. Grosse Freude und ein Glücksfall für mich.





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